Eislöwen sind keine Stubentiger. Das gilt nicht nur für die Raubkatzen in der Antarktis, sondern auch für ihr sportliches Pendant in der Dresdner Innenstadt. Ein bisschen durchbeißen musste sich der Sport in der Region schließlich schon: In der DDR galt Eishockey ab 1969 als „nicht förderungswürdig“, zu gering erschienen die Aussichten auf Olympiamedaillen. Dass das lang her ist, kann man in der Lounge im dritten Stock der Eisarena der Dresdner Eislöwen erahnen: An der Wand hängen ein Eishockey-Wollpulli aus längst verblichenen Zeiten, dazu viele Schwarz-Weiß-Bilder und Erinnerungen an große Erfolge. Der jüngste: Die Eislöwen sind nun Erstligist.
Und zwar so einer, der der Deutschen Eishockey Liga (DEL) einen Hauch Vielfalt verleiht. 13 Vereinen aus dem Westen der Republik stand zuletzt nur einer aus dem Osten gegenüber: die Eisbären Berlin. Die Dresdner begrüßt man in der DEL nun also mit Kusshand. Und sie selbst? Arbeiten eifrig daran, dass dieser Aufstieg der letzte bleibt. „Ich denke schon, dass sich die Liga auf uns freuen kann“, sagt Sportdirektor Matthias Roos. Die Fans tun es auf jeden Fall, 2000 Dauerkarten waren schneller weg, als Roos „Puck“ sagen konnte.
Die Vorfreude ist auch den Verpflichtungen geschuldet, die die Dresdner zuletzt bekannt geben konnten. Mancher Konkurrent schaute erstaunt auf die Qualität all der Spieler, die sich den Dresdner Eislöwen in der Sommerpause angeschlossen hatten. Austin Ortega etwa, 2023 noch deutscher Meister mit München, zog es genauso an die Elbe wie den ein oder anderen NHL-Veteranen. Wenn es eine Mannschaft gibt, auf die nun neben den üblichen Verdächtigen alle neugierig schauen, dann ist es Dresden.
Am Dienstag eröffnen die Eisbären Berlin die Saison gegen jene Dresdner, Meister der Großen gegen Meister der Kleinen also. Und es ist mehr als Ostalgie, dass die Berliner die Sachsen mit offenen Armen empfangen. „Was sich seit dem Aufstieg der Dresdner abspielt, was Ticketanfragen und die Euphorie angeht, das ist tatsächlich unglaublich. Das ist wie ein Spiel fünf, sechs oder sieben im Finale“, sagt Thomas Bothstede, Geschäftsführer der Eisbären. Zuletzt war 1996 in der Spielgemeinschaft Weißwasser/Chemnitz, die heute als Lausitzer Füchse firmieren, ein zweiter Klub aus dem Osten in der DEL vertreten. „Die Dresdner werden die Liga absolut bereichern“, sagt Bothstede.
Im vergangenen Sommer drohte noch der Abstieg
Von all dem war im Sommer vergangenen Jahres noch nicht viel zu erahnen. Im Januar 2024 hatte Sportdirektor Roos, der vor seiner Station in Dresden unter anderem bei den Krefeld Pinguinen arbeitete, mit Niklas Sundblad einen erfahrenen Trainer nach Sachsen gelockt. Die Vision war der Aufstieg – das ging dann aber erst mal gründlich schief, sodass Dresden erst mal gegen den Abstieg kämpfen musste. Einen „Betriebsunfall“ nennt Roos diese Zeit. Aber es war ein Betriebsunfall, der bis heute prägend wirkt: „So eine schlechte Phase, in der man dann gemeinsam den Klassenerhalt schafft, schweißt natürlich zusammen“, sagt er. Das gelte immer noch: „Spieler und Trainer haben einen unglaublichen Glauben entwickelt an ihre eigene Stärke.“
Seiner Meinung nach erklärt das auch, warum sich so prominente Zugänge wie Justin Braun, ein Mann mit der Erfahrung von 961 NHL-Spielen, oder Lance Bouma und Julius Hudacek von den Kölner Haien in den vergangenen Monaten für den Klub an der Elbe entschieden haben. „Es spricht sich rum, dass es unten in der Kabine stimmt zwischen Mannschaft und Trainer“, sagt Roos. Und natürlich: Dresden sei eine tolle Stadt. Fußläufig zur Arena haben sie hier Wohnungen für ihre Profis organisiert, und die internationale Schule sei bei vielen der reiferen Spieler durchaus ein Argument. Und das Gehalt? „Bei uns verdient kein Spieler 100 000 Euro netto im Jahr, die sind alle darunter. Und wenn Leute spekulieren, dass wir für den einen oder anderen 140 000 Euro netto bezahlen würden, dann ist das einfach Blödsinn“, sagt Roos. Er geht davon aus, dass der Klub trotz eines verdoppelten Budgets von acht bis 8,5 Millionen Euro finanziell zu den Schlusslichtern der Liga gehört.
Klar ist dennoch, dass sie mit ihrer Transferoffensive Aufmerksamkeit in der Liga erregt haben. „Für mich persönlich sind sie kein normaler Aufsteiger. Dresden ist ein Klub, der gekommen ist, um zu bleiben“, sagt der Berliner Thomas Bothstede, „niemand wird Dresden jetzt unterschätzen.“ Ein sportlicher Aufstieg von der DEL 2 in die DEL war viele Jahre – ähnlich wie in der US-amerikanischen NHL – gar nicht möglich, eine Vereinbarung der Ligen sollte das ab 2020 ändern. Nach der Ausnahmezeit der Pandemie war Frankfurt der erste Aufsteigerklub, der 2022 zur DEL stieß. Das sportliche Ziel hängt allerdings auch von wirtschaftlicher Stabilität ab: Für die Lizenz mussten die Eislöwen Dresden eine Bürgschaft in Höhe von 1,4 Millionen Euro hinterlegen. Nicht alle Klubs können das leisten. Durch die Dresdner Liquidität musste die Liga jedoch auch Abschied nehmen vom Tabellenletzten, dem Traditionsklub Düsseldorfer EG.
Auch das Winter Game richten die Dresdner aus
Bei seinen Verpflichtungen setzte Roos vor allem auf Erfahrung. In der neuen Liga gilt es, sich an zwei sportliche Herausforderungen anzupassen: Der größte Unterschied im Eishockey zwischen Liga eins und zwei seien Zweikampfstärke und Handlungsschnelligkeit, sagt Roos. Als Dane Fox und Drew LeBlanc im vergangenen Jahr nach Dresden gekommen seien, hätten sich die Zuschauer gewundert, wie sie sich aus der Ecke mit dem Puck herausdrehen konnten, „als ob sie einen Magneten am Schläger gehabt hätten. Und das ist jetzt dann der Normalzustand“. Während Trainer Sundblad schon von den Playoffs träumt, geht es der Sportdirektor vorsichtiger an: „Es geht erst mal darum, dass wir in der Liga ankommen, uns an das neue Level gewöhnen, und das möglichst schnell.“
Dass Dresden im Januar auch noch das Winter-Game im Fußballstadion von Dynamo Dresden ausrichtet, könnte neue Bilder für die Galerie der Eisarena entstehen lassen. „Wenn 32 000 Zuschauer im Fußballstadion sind, ist das schon etwas ganz Besonderes“, findet Roos. Das kommt auch den Eisbären aus Berlin ganz gelegen, die als Gegner eingeladen wurden. „Da freuen wir uns drauf wie kleine Kinder. Selbst ein Winter Game zu organisieren, wäre in Berlin nicht ganz so einfach“, sagt Thomas Bothstede, denn in Berlin sind die Stadien entweder zu klein oder mit dem Olympiastadion zu weit weg vom Zuschauer. In Dresden, so wirkt es, hat man nur auf die DEL und all die wunderbaren Gelegenheiten gewartet.


