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Eishockey:Casting mit vielen Unbekannten

210227 Rögles Moritz Seider under ishockeymatchen i SHL mellan Rögle och Skelleftea den 27 februari 2021 i Ängelholm. *; Eishockey

Grün ist die WM-Hoffnung: Verteidiger Moritz Seider steht mit Rögle BK im Halbfinale der schwedischen Eliteserien.

(Foto: Niclas Jönsson/Bildbyran/Imago)

Die Eishockey-Nationalmannschaft startet in die Vorbereitung zur WM in Lettland. Für Bundestrainer Söderholm ist die Planung schwierig. Einige Stammspieler sind verletzt, auf Verstärkung aus der NHL kann er nicht zählen.

Von Johannes Schnitzler, München

Lukas Kälble zum Beispiel. Julian Napravnik. Oder Tobias Fohrler. Namen, die man erst mal googeln muss, wenn man nicht gerade Eishockey-Bundestrainer ist. Praktischerweise ist Toni Söderholm aber eben das, Bundestrainer nämlich, und ihm sind die Namen geläufig. Namen von Spielern, die in Nordamerika am College spielen oder im europäischen Ausland. Namen von Spielern, die Söderholm für die Weltmeisterschaft in Lettland (21. Mai bis 6. Juni) und die Olympischen Spiele 2022 zumindest im Hinterkopf haben muss. Denn mit Namen wie Draisaitl, Kahun oder Grubauer kann er nicht planen. Und daran ist ausnahmsweise nicht Corona schuld. Oder zumindest nicht direkt. "Die Lage ist schwierig", sagt Söderholm.

Der 43-Jährige weiß, wovon er spricht. Iim vergangenen Herbst, beim Deutschland Cup, musste Söderholm sein Team aus der Ferne dirigieren. Der Finne hatte sich mit Corona infiziert. Die WM 2020 in der Schweiz war wegen der Pandemie abgesagt worden. Seit 18 Monaten hat Söderholm kein Turnier mehr mit der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) bestritten. Vielleicht ist ihm die Erinnerung an sein Debüt bei der WM 2019 deshalb noch so präsent: "Damals im Viertelfinale haben wir unser Potenzial nicht ganz so gut ausgeschöpft", sagt Söderholm. Nach der besten Vorrunde in der WM-Geschichte verlor sein Team damals 1:5 gegen Tschechien.

An diesem Mittwoch beginnt nun in Nürnberg die Vorbereitung auf das Turnier in Riga. In einer Videopressekonferenz sagte Söderholm am Dienstag: "Ich freue mich einfach riesig. Auf diesen Tag habe ich lange gewartet."

Dass er in dieser Phase der Vorbereitung improvisieren muss, ist nicht neu für ihn. Noch fehlen die Spieler der Playoff-Teilnehmer aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL), einige Angeschlagene benötigen eine Pause. Vor allem aber fehlen die Profis aus der nordamerikanischen NHL. Und so, wie es derzeit aussieht, kommen die wenigsten für einen WM-Einsatz infrage. NHL-MVP Leon Draisaitl, Teamkollege Dominik Kahun (beide Edmonton), Philipp Grubauer (Colorado) und Nico Sturm (Minnesota) haben gute Aussichten auf die Playoffs. Aber noch steht nicht einmal fest, wann diese beginnen. Wegen mehrerer virusbedingter Spielausfälle hat die NHL die Hauptrunde vorerst bis zum 19. Mai verlängert. Zwei Tage später beginnt die WM. Laut Weltverband IIHF müssen Nachrücker in Lettland aber zunächst drei Tage in Einzel- und dann drei Tage in Team-Quarantäne. "Am siebten Tag dürfte der Spieler in den Wettkampf eingreifen", sagte DEB-Sportdirektor Christian Künast am Dienstag. Das macht die Lage: schwierig.

"Wir werden nicht zu viele neue Spieler bei der WM sehen."

Für Söderholm gilt umso mehr, dass er, wie er sagt, "die Gedanken nicht zu weit weg schweben" lässt, sondern "in der richtigen Zeitzone" bleibt. Es gehe zwar auch im Hinblick auf Olympia 2022 in Peking darum zu sehen, "was wir brauchen, was wir lernen können und welche Spieler international unter dem höchsten Druck ihre beste Leistung bringen können". Zunächst aber gilt es herauszufinden, wer das bei dieser WM kann. Zwei, von denen er das weiß, fehlen ihm bereits. Der Berliner Leo Pföderl, mit 20 Treffern in 34 Spielen bester deutscher DEL-Torschütze, fällt ebenso verletzt aus wie Patrick Hager, Kapitän des EHC Red Bull München. Beide gehörten 2018 zum Silber-Team in Pyeongchang. Alternativen könnten Spieler sein wie Kälble und Napravnik, beide 23, die sich wie zuletzt Marc Michaelis über das College für die NHL empfehlen wollen. Ob sie Söderholm kurzfristig helfen können? Fraglich. "Wir werden nicht zu viele neue Spieler bei der WM sehen", sagt Söderholm. Stattdessen hofft er auf Moritz Seider, 20, der vor zwei Jahren ein imponierendes WM-Debüt hinlegte. Der Verteidiger steht zwar in der NHL bei Detroit unter Vertrag, ist aber für diese Saison nach Schweden an Rögle BK verliehen, wo er zu den Stützen des Teams zählt - das sich soeben mit einer 4:0-Serie gegen Champions-League-Rekordsieger Frölunda für das Halbfinale der schwedischen Eliteserien qualifiziert hat. "Moritz ist körperlich sehr robust" und "zu 100 Prozent ein interessanter Spieler", sagt der ehemalige Verteidiger Söderholm. Auch Tobias Fohrler, 1,95 Meter groß, 105 Kilo schwer, der in der Schweizer National League beim HC Ambri-Piotta einen kernigen Abwehrriegel gibt, ist ein Typus, der in der DEL nicht so oft vorkommt. Der 23-Jährige Sohn einer Schweizerin hat immerhin schon vier Länderspiele absolviert.

Und so trifft sich beim Casting in Nürnberg neben talentierten Debütanten und einigen Routiniers noch die Gruppe jener, die eine schwierige DEL-Saison hinter sich haben. Spieler wie Daniel Schmölz, der bei den Nürnberg Ice Tigers, Schlusslicht der Süd-Gruppe, immerhin 19 Saisontreffer erzielte, nur einen weniger als Leo Pföderl bis zu seiner Verletzung. Oder Simon Sezemsky, vor einem Jahr noch gefürchteter Powerplay-Schlagschütze bei den Augsburger Panthern, in diesem Jahr wie sein Klub aber erschreckend blass geblieben. Augsburg gab am Dienstag bekannt, dass der Vertrag mit Cheftrainer Tray Tuomie nicht verlängert wird. Bundestrainer Söderholm will indes sehen, ob Spieler "bei uns in einer anderen oder einer spezifischen Rolle besser liefern können als im Verein".

Die erste Vorbereitungswoche endet mit zwei Testspielen am Samstag (20.15 Uhr) und Sonntag (16 Uhr) in der Slowakei. Danach weiß er mehr. Und sei es nur, welche Kandidaten dann schon aus dem DEL-Viertelfinale ausgeschieden sind.

© SZ
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