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Eishockey:Bitter für Pille

Eishockey, DEL, ERC Ingolstadt - Düsseldorfer EG Im Bild Timo PIELMEIER (ERC Ingolstadt, 51) auf der Bank während angeze; Eishockey - Ingolstadt - Timo Pielmeier

Timo Pielmeier.

(Foto: Markus Fischer/imago)

Die Suspendierung von Ingolstadts Nationaltorwart Timo Pielmeier dürfte vor Gericht enden.

Von Johannes Schnitzler

Man kann nicht sagen, dass es Timo Pielmeier unvorbereitet getroffen hätte. Vergangene Woche postete der 31-Jährige mit der markanten Kopf- und Gesichtsbehaarung ein Trainingsvideo von sich und seinem nicht weniger bärtigen Bruder Thomas, 33, beide auf einem Laufband bei strammer Geschwindigkeit. Der Schweiß floss, die Haare wippten im Takt der Schritte, es sah so aus, als liefen sich zwei Wikinger für eine neue Staffel Game of Thrones warm. Was sich am Donnerstagnachmittag durch die elektronischen Kanäle verbreitete, dürfte den Eishockeytorwart Pielmeier dennoch kalt erwischt haben. "Timo Pielmeier nicht mehr im Kader" lautete der Titel einer Pressemitteilung seines Arbeitgebers ERC Ingolstadt. Es folgten einige Zeilen darüber, wie es den Panthern gelungen sei, trotz der schwierigen Rahmenbedingungen in der Corona-Krise die Lizenz für die neue Saison der Deutschen Eishockey Liga (DEL) zu erhalten. Neben der Treue von Partnern, Fans und Mitarbeitern "waren es die Vereinbarungen mit den Spielern, Trainern, dem Sportdirektor sowie dem Geschäftsführer, zum jetzigen Zeitpunkt 25 Prozent ihres Gehalts in eine variable Vergütung in Abhängigkeit zur Erlössituation des Klubs umzuwandeln", heißt es dort - die DEL hatte den vorläufigen Verzicht der Profis zur Auflage für die Lizenzierung gemacht. Auch Geschäftsstelle und Stadionsgastronomie hätten in Kurzarbeit ihren Beitrag geleistet.

Dann kam die Mitteilung zu ihrem eigentlichen Thema: "Während seit Wochen 14 Profis des ERC die obige Gehaltsumwandlung akzeptiert haben, konnte sich allein Torhüter Timo Pielmeier bis zuletzt nicht dazu entschließen, sich an dieser Maßnahme zu beteiligen." Deshalb sehe der ERC sich "nun gezwungen", den Nationalspieler aus dem Kader zu nehmen. "Diese Entscheidung ist uns sehr schwergefallen, insbesondere vor dem Hintergrund der sportlichen Erfolge, die wir gemeinsam gefeiert haben", wird Geschäftsführer Claus Liedy zitiert. Mit Pielmeier gewann der ERC 2014 überraschend die deutsche Meisterschaft, 2018 gehörte der Torwart dem deutschen Olympia-Silberteam in Pyeongchang an. "Aber es geht hier nun mal nicht um eine Einzelperson." Pielmeier ist nach dem Berliner Austin Ortega der zweite DEL-Profi, der sich offiziell der Unterschrift verweigert. Anders als der Amerikaner, der die Eisbären verlässt, ist Pielmeier aber der erste, der von seinem Klub dafür suspendiert wird. Liedy, der im April Claus Gröbner als Geschäftsführer abgelöst hat, schickte Pielmeier noch einige markige Worte hinterher: "Alle übrigen Spieler haben die Tragweite dieser Maßnahme verstanden und sich solidarisch mit dem Klub gezeigt. Lediglich unser dienstältester Spieler steht in dieser existenzbedrohenden Krise nicht Schulter an Schulter mit seinem Arbeitgeber und seinen Kameraden. Wir sind darüber sehr enttäuscht und sehen auf dieser Basis keine Möglichkeit, ihn als Teil unseres Teams wieder aufs Eis zu schicken."

An Pielmeier, dem großflächig tätowierten und gewiss nicht uneitlen Exzentriker, scheiden sich seit Jahren die Geister; selbst unter den ERC-Anhängern hat "Pille" nicht nur Fans. In den sozialen Netzwerken finden viele seine Suspendierung richtig. Andere, auch Kollegen und Vertreter anderer Klubs, empfinden die Pressemitteilung indes als herabwürdigend, gar "niederträchtig". Am Freitag trafen sich auf Initiative von Moritz Müller (Köln) und Patrick Reimer (Nürnberg) einige Profis in Würzburg, um die Satzung für die von ihnen geplante Spielergewerkschaft zu verabschieden. Die Causa Pielmeier liefert ihnen einen Präzedenzfall. Der Keeper selbst war für eine Stellungnahme nicht greifbar. Dass er, wie Fans spekulieren, seinem Bruder und dem ehemaligen Ingolstädter Thomas Greilinger in die drittklassige Oberliga zu seinem Heimatklub nach Deggendorf folgen könnte, ist auszuschließen. Wahrscheinlicher ist eine Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht. Pielmeiers Vertrag in Ingolstadt läuft noch bis 2022.

© SZ vom 18.07.2020

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