Süddeutsche Zeitung

Eintracht Frankfurt:Warum Eintracht Frankfurt so gut ist

  • Vergangenes Jahr stand Eintracht Frankfurt vor dem Abstieg in die zwiete Liga.
  • Trainer Niko Kovac hat es aber nun geschafft, eine teilweise erneuerte Mannschaft zwischenzeitlich auf Platz vier zu führen.
  • Hier geht es zur Tabelle der Fußball-Bundesliga.

Jesus Vallejo ist mit 183 Zentimetern für einen Innenverteidiger nicht besonders groß und mit 74 Kilogramm auch nicht besonders kräftig. Und mit 19 Jahren ist er auch noch jung. Eintracht Frankfurts Trainer Niko Kovac aber nennt den schmalen Jungen aus Saragossa "eine Maschine". In der Fußballersprache bedeutet dieser Titel für einen Verteidiger das höchste Lob. Und dass diese Huldigung nicht übertrieben ist, bewies der Spanier einmal mehr beim 2:1 der maschinenhaften Eintracht gegen eine daddelige Borussia aus Dortmund. Vallejos Leistung war überragend. Nach dem Abpfiff gab Jesus mit den schwarzen Locken Auskunft über seine Entwicklung und den Erfolg der Frankfurter, die auf einen Champions-League-Platz hüpften und nun mit 24 Punkten drei mehr haben als Dortmund.

Die Hände hielt Vallejo hinter seinem Rücken verschränkt wie ein Schüler, der gerade abgehört wird. Aber das Bild täuschte: Hier erlebte man jemanden, der genau weiß, was er sagt. Seine großen Augen, sein wacher Blick und der Inhalt seiner Antworten zeugten von großer Überzeugung, aber auch von Demut. Auf die Frage, ob es Grenzen für diese Eintracht gebe, antwortete er: "Ich denke, wir haben es nicht nötig, uns Grenzen zu setzen - weder nach oben noch nach unten." Und ob er den Erfolg erwartet habe, als er im Sommer zur Leihe von Real Madrid zur Eintracht kam? "Die Bereitschaft, über sich hinauswachsen zu wollen, ist nicht verhandelbar."

Noch nie seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995 hatte Frankfurt mehr Ausbeute nach zwölf Spieltagen. Diese Eintracht, die in der Vorsaison nur über Relegationsspiele gegen Nürnberg in der Liga geblieben war, wächst gerade über sich hinaus. Viele neue, unbekannte Spieler aus vielen Ländern kamen im Sommer, die Transferpolitik von Sportdirektor Bruno Hübner und dem neuen Vorstandschef Fredi Bobic wurde argwöhnisch begleitet.

Fünf Monate später herrscht Euphorie: "Cool" findet Bobic die Punkteausbeute. Die Mannschaft lässt das Publikum träumen und träumt selbst, Linksverteidiger Bastian Oczipka sagt: "Wir haben gesehen, wie schnell es gehen kann: Vor drei, vier Jahren sind wir so in den Europapokal gekommen." Seit sechs Spielen ist die Eintracht ungeschlagen, die Fachsprache nennt das "einen Lauf haben".

Kovac hat sich in eine starke Position gebracht

Ein Spieler wie Vallejo ist inzwischen kein Unbekannter mehr, sondern hochbegehrt. Würde er nach Ablauf seines Leihvertrages am Ende der Saison weiter in Frankfurt spielen, wäre das eine kleine Sensation. Innenverteidiger-Routinier David Abraham, von dem Vallejo sagt, er sei für ihn wie ein großer Bruder auf und neben dem Platz, meint: "Der Junge ist viel besser, als ich in dem Alter war." Vallejo gilt als Musterbeispiel einer professionellen Arbeitsauffassung. Aber ob nun die Jungen die Alteingesessenen im Kader mitziehen oder eher die Alten die Jungen, ist nicht wichtig. Fakt ist: Seit Niko Kovac die Eintracht trainiert, hat sie alles, was ihr vorher fehlte: Tempo und Effektivität, Disziplin und Struktur, Selbstvertrauen und Siegeswillen.

Routiniers wie Alexander Meier, 33, Szabolcs Huszti, 33, oder Makoto Hasebe, 32, pressen, gehen in die Tiefe und verteidigen wie Berserker. Kovac sagt: "Wenn die betagteren Spieler laufen könnten ohne Ende, können das die jüngeren auch." Unter Kovac sind viele Profis zügig besser geworden. Bei Rechtsverteidiger Timothy Chandler, Offensivtalent Mijat Gacinovic und Vallejo sind die Steigerungen gewaltig, David Abraham gehört aktuell zu den besten Innenverteidigern der Liga. Gegen den BVB entschied Haris Seferovic die Partie nach seiner Einwechslung für den ausgepumpten Meier (79.) und erklärte brav: "Wenn das Team weiter so punktet, sitze ich gerne auf der Bank und versuche zu helfen." Unter Kovac werden selbst Rebellen zahm.

Vorstand Bobic will mit dem Trainer rasch verlängern

Die Mannschaft zeigt außerdem Nehmerqualitäten: Dass sie kurz nach dem Dortmunder Ausgleich durch Aubameyang (77.) zurückschlug, beweist dies. Harte Arbeit, Leidenschaft und Willensstärke - diese Eigenschaften verkörperte Niko Kovac als Spieler beim FC Bayern, in Leverkusen, bei Hertha BSC und in der kroatischen Nationalelf. Als Trainer lebt er diese Charaktereigenschaften authentisch vor.

Die Entwicklung der Eintracht vom Fast-Absteiger zur konstanten Überraschungself ist der Verdienst dieses unnachgiebig fordernden Trainers. Kovac hat sich in eine starke Position gebracht, zuletzt bemängelte er die Schwächen in der Infrastruktur am Trainingsgelände. Vorstand Bobic ist dennoch frohen Mutes, den im Sommer auslaufenden Vertrag des Trainers verlängern zu können. Niko Kovac hat seiner Elf nun bis Dienstag freigegeben. Aber ab Dienstag, sagt er, passt er dann wieder auf, dass "hier keiner anfängt zu fliegen".

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3269140
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.11.2016/schma
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.