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Eintracht Frankfurt:Mit eingebauten Federn

1899 Hoffenheim - Eintracht Frankfurt

Finsterer Blick, ausgebreitete Arme: Frankfurts Bas Dost nach seinem Tor zum 1:0 für Frankfurt.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Kein Team hatte die Winterpause so dringend benötigt wie Frankfurt. Der 2:1-Auswärtserfolg gegen Hoffenheim ist das Produkt einer taktischen Umstellung und von mehr Trainingszeit.

Wer so selten als Torschütze in Erscheinung tritt wie Timothy Chandler, hat die seltenen Glücksmomente noch in bester Erinnerung. "Im Februar 2018 gegen Leipzig", antwortete der gebürtige Frankfurter mit einem breiten Grinsen, als der Matchwinner von Eintracht Frankfurt gefragt wurde, ob er sich an seinen letzten Treffer noch erinnern könne. Ausgerechnet der als Rechtsaußen eingesetzte Rechtsverteidiger köpfte das siegbringende 2:1 zum wichtigen Auswärtserfolg bei der TSG Hoffenheim.

Bemerkenswert war, wie gut der 29-Jährige seinen Kopfball nach einer der vielen Flanken von Filip Kostic timte (62.). "Ich wusste wirklich nicht, ob da der 'Timmy' oder Cristiano Ronaldo so hoch springt", scherzte hernach sein Teamkollege Mijat Gacinovic, der die Schlüsselszene aus einiger Entfernung beobachtete, nachdem der fleißige Serbe in der starken ersten Halbzeit das 1:0 durch Bas Dost mustergültig vorbereitet hatte (18.). Auch Trainer Adi Hütter zeigte sich ob der Sprungkraft seines Matchwinners überrascht: "Vielleicht hatte er Federn eingebaut."

Das unerwartete Sprungwunder Chandler bemühte indes ganz bodenständige Erklärungen: "Ich habe in der Winterpause viel gearbeitet. Ich habe wieder viel reinzuhauen und bin wieder bei 100 Prozent." Nur weil Dauerbrenner Danny da Costa seit Monaten in der Formkrise steckt, hat der lange unter den Nachwirkungen eines Knorpelschadens leidende Chandler jetzt zum Rückrundenstart gleich eine Chance bekommen. Ob er links oder rechts, hinten oder vorne eingesetzt wird, ist ihm übrigens ziemlich gleich, "mir macht es Spaß, Fußball zu spielen", sagte der ehemalige US-Nationalspieler. Man müsse nur "Kampf und Mentalität" in die Waagschale werfen, dann gehe es auch 2020 wieder aufwärts.

Für die Hessen war es der erste Erfolg seit jenem ebenso fulminanten wie trügerischen 5:1 gegen den FC Bayern am 2. November des vergangenen Jahres. Seitdem hatte es in der Liga sechs Niederlagen und ein Remis gegeben, und die Vielspieler vom Main überwinterten nach 56 Pflichtspieleinsätzen im Jahr 2019 auf einmal nahe an der Abstiegszone. Kaum ein Team hatte die Pause so nötig wie die Hessen.

David Abraham fremdelt noch nach seiner Langzeitsperre

Hütter sprach nun sichtlich erleichtert von einem "verdienten Sieg und absoluten Befreiungsschlag in unserer Situation". Seine Mannschaft sei "taktisch unglaublich diszipliniert" gewesen. Sportvorstand Fredi Bobic hatte zwar nicht den leisesten Zweifel an den Fähigkeiten des österreichischen Fußballlehrers vermittelt, aber bei anhaltendem Misserfolg hätte auch der 49-Jährige in Erklärungsnot geraten können. Die Umstellung auf ein 4-2-3-1-System sorgte nun beim ersten Lackmustest für einen deutlich stabileren Gesamtzustand. "Wir müssen uns alles weiter hart erarbeiten", sagte Hütter mit Blick auf das nächste Heimspiel gegen RB Leipzig.

Doch es gibt keinen Grund, der Neuausrichtung nicht zu vertrauen. Obwohl David Abraham nach seiner Langzeitsperre (wegen des Remplers gegen Freiburgs Trainer Christian Streich) noch Anpassungsprobleme verriet, stand die Eintracht in der Defensive weitgehend sicher. "Wir haben 75 Prozent der Partie sehr viel richtig gemacht", erklärte Hütter. "Es hat nicht alles, aber vieles gut funktioniert", ergänzte Torwart Kevin Trapp. Der 29-Jährige hatte ebenfalls ein Vierteljahr verletzungsbedingt pausiert und überzeugte sogleich: Beim zwischenzeitlichen Ausgleich von Konstantinos Stafylidis (48.) hatte er keine Abwehrchance, ansonsten strahlte er die unbedingt notwendige Sicherheit und Selbstbewusstsein aus.

Hingegen agierte der Gastgeber aus dem Kraichgau fast durchgängig saft-, kraft- und ideenlos. Nachvollziehbarer war, warum die heimischen Fans zusehends schwiegen: Kurz nach Anpfiff mussten Notärzte in der Südkurve der Sinsheimer Arena einen Fan reanimieren. Wie der Verein mitteilte, habe die Wiederbelebungsmaßnahme geholfen, der Betroffene sei zur weiteren Untersuchung ins Krankenhaus gebracht worden. Hütter sagte dazu später: "Es zeigt mir wieder, was wirklich wichtig ist im Leben."

© SZ vom 19.01.2020
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