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Eintracht Frankfurt:Manager im Home-Office

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Als Krisenmanager gefragt: Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic schärft in schwierigen Zeiten sein Profil.

(Foto: Andreas Schlichter/Getty Images for DFB)

Wie Sportvorstand Fredi Bobic für seine Mannschaft plant - und innerhalb der Liga mit seinem pragmatischen Ansatz an Einfluss gewinnt.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Fredi Bobic ist es eigentlich gewohnt, ständig unterwegs zu sein. In der Corona-Krise muss aber natürlich auch der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt die Füße still halten. "Auf diese Ruhe hätte man gerne verzichten können", erklärte der 48-Jährige nun in einem Video-Interview aus dem Home-Office, nachdem sich mindestens zwei Profis des hessischen Bundesligisten infiziert haben. Bobic sagte deshalb am Wochenende eine Einladung ins ZDF-Sportstudio ab, weil er sich nach dem ersten Fall selbst eine Quarantäne verordnet hatte: "Das gehört sich einfach, dass man Disziplin vorlebt. Da ist man selbst in der Verantwortung." Angst sei das falsche Wort, sagte er, aber er wache "mit dem Gefühl der Unsicherheit" auf.

Seine Frau lebt mit der jüngeren Tochter in Berlin, seine ältere studiert in Stuttgart - und er sorgt sich wie so viele um seine Eltern, "die über 70 Jahre alt sind und damit automatisch zur Risikogruppe zählen", erzählte Bobic. Er rechne auch damit, dass "noch der eine oder andere Spieler dazu kommt und es generell weitere Beteiligte erwischen wird".

Speziell für die Fußball-Profis hat die Eintracht die Versorgungsmaßnahmen ausgeweitet. Eine eigene App ist eingerichtet, "damit die Jungs ihr Essen geliefert bekommen" - den Fahrdienst erledigt Mannschaftskoch Stefan Eisler. Athletiktrainer Martin Spohrer stellt Videos mit Fitnessübungen ein, zudem wurden den Spielern die Fahrräder nach Hause geliefert. Nationaltorwart Kevin Trapp erheiterte seine Kollegen über die sozialen Netzwerke mit kraftvollen Übungen. Wie lange die Motivation aber so hochgehalten werden kann, weiß niemand. Daher wünscht sich natürlich auch Bobic, dass sich die Spieler irgendwann wieder mit Fußball beschäftigen.

"Unser Ziel sollte sein, die Saison zu Ende zu spielen", sagt er, aber er ahnt, dass das wenig realistisch ist, wenn sich in der Öffentlichkeit gerade nicht mehr als zwei Menschen treffen sollten. Die Eintracht ist eine für die ganze Rhein-Main-Region identitätsstiftende Marke geworden, weshalb der Sportchef sich wünscht, dass "wir unseren Beitrag leisten, dass die Menschen auch wieder über andere Dinge sprechen als das Coronavirus". Der ehemalige Nationalspieler kann sich vorstellen, ohne Zuschauer im Mai und Juni die Saison durchzupeitschen und hält auch flexible Möglichkeiten für denkbar, "einen Spieler vertraglich über den Juni hinaus zu binden". Profi-Kontrakte werden meist bis zum 30. Juni abgeschlossen. Doch auch die Saison abzusagen, zieht er in Erwägung, wenn er sagt: "Ein Saisonabbruch würde sehr, sehr viele sehr hart treffen. Wie viele kleine oder mittelständische Unternehmen." Die Existenz aber würde für die Eintracht wohl nicht auf dem Spiel stehen.

Denn Bobic hat nach seinem Amtsantritt im Sommer 2016 aus der einst launischen Diva einen auf Wachstum getrimmten Mittelstandsklub gemacht, der unter seiner Regie bereits zweimal im Pokalfinale (2017, 2018) stand und gerade das zweite Mal in der Europa League mitmischt. In der Saison 2018/2019 kletterte der Umsatz auf mehr als 200 Millionen Euro, diese Saison hätte der Klub - ohne die Corona-Krise - an den 300 Millionen gekratzt. Das Eigenkapital betrug bereits vergangenen Sommer 34,6 Millionen. Gewisse Puffer sind also vorhanden, und der Sportchef hat mit seinen Spielern auch schon mal über einen möglichen Gehaltsverzicht ("sehr spannendes Thema") geredet.

An diesem Dienstag wird die Deutsche Fußball Liga (DFL) auf einer Präsidiumssitzung gar nicht umhin kommen, die eigentlich nur bis zum 3. April gültige Spielpause für den deutschen Profifußball zu verlängern. Alles deutet daraufhin, dass das neunköpfige Gremium den Mitgliedern bei deren nächster (virtueller) Vollversammlung am 30. März eine weitere Aussetzung des Spielbetriebs empfiehlt. Pragmatiker wie Bobic haben innerhalb der Liga mittlerweile starken Einfluss. Ihm kommt dabei seine Erfahrung zupass: Nach seiner aktiven Karriere bewarb er sich 2006 persönlich um eine Hospitanz. Der prominente Praktikant lernte in der Zentrale im Frankfurter Westend auch Christian Seifert kennen: Der DFL-Vorsitzende und der Eintracht-Sportvorstand sind per Du miteinander.

Bobic soll derjenige gewesen sein, der am Freitag, dem 13. März, in Telefonschalten vehement dazu riet, den 26. Spieltag komplett abzusagen - zuvor wollte die DFL an einer Ausführung ohne Zuschauer festhalten. Wie eng Seifert und Bobic kooperieren, war auch gut zu beobachten, als die beiden am 4. März beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ein neues Zertifikat für die Ausbildung von Managern im Profifußball vorstellten. Die von Bobic aktiv geprägte Präsentation sollte künftige Bundesliga-Macher "für die Praxis" wappnen, wie er sagte. Es ging um Lizenzrecht und Transferwesen, Scouting oder Verhandlungsgeschick - nur der Baustein "Krisenmanager in Epidemie-Zeiten" war da noch nicht vorgesehen.

© SZ vom 24.03.2020

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