Wenn es nicht läuft, bleibt manchmal nur Galgenhumor. Getreu dieser Maxime macht in Frankfurt über die Sozialen Medien ein Bildchen mit einer Bonbon-Tüte die Runde. Darauf steht: „Nimm Drei – Frankfurt Edition“. Dazu das Wappen von Eintracht Frankfurt auf der Verpackung. Passt ja, nur dass der Inhalt niemandem süß schmeckt. Im Gegenteil: Die Verbitterung nach dem fünften sieglosen Pflichtspiel mit drei Gegentoren in diesem Jahr ist so gewaltig, dass die Stimmung nach der 1:3-Heimniederlage gegen den aktuellen Tabellendritten TSG Hoffenheim an einem gefährlichen Kipppunkt angelangt ist.
Mit Schlusspfiff hatten sich die Protagonisten ein Pfeifkonzert anzuhören, auch der Gang vor die Nordwestkurve geriet zur unangenehmen Aufgabe. Die Ultras hatten für die Schlussphase entschieden, jegliche Unterstützung einzustellen. Und nicht wenige Stadionbesucher verließen vor Abpfiff fluchtartig den Ort des Schreckens. Die Stammkundschaft im Stadtwald war sich schnell einig: Seit der in den „Abstieg der Schande“ führenden Talfahrt 2011 hat kein Eintracht-Ensemble so angeknackst gewirkt. In dieser Verfassung scheint ein Europapokalplatz unerreichbar.
Deshalb wollte Sportvorstand Markus Krösche gar keine Gegenrede halten. „Es ist die schwierigste Phase der letzten viereinhalb Jahre“, räumte der Manager ein, der von den Unmutsäußerungen schwer getroffen wirkte. Er könne die Unzufriedenheit verstehen: „Ich glaube, dass wir in den letzten Wochen wenig dazu beigetragen haben, dass wir hier irgendwie Freude entfachen.“ Ähnlich äußerte sich Kapitän Robin Koch: „Wir haben immer Support bekommen und die Mannschaft muss das jetzt auf dem Platz regeln und die Fans wieder auf unsere Seite ziehen.“
Nur, wie soll das ohne Leidenschaft und Kampfgeist gehen? Abgesehen von der Anfangsphase mit dem Führungstor von Zugang Arnaud Kalimuendo (18.) blieben die Hessen am Ende fast alles schuldig. Diese Mannschaft steht gerade für fast gar nichts mehr – außer dem wenig schmeichelhaften Attribut, mit dem Schlusslicht 1. FC Heidenheim die Schießbude der Liga zu bilden. Krösche hatte vor Anpfiff in Sachen Trainersuche noch bei Sky behauptet, „dass wir supersexy sind“, doch ein Fußballlehrer wird jetzt vielleicht noch mal überlegen, was diesen zerrupften Adler wirklich attraktiv macht.
Ist auch deshalb ein neuer Coach immer noch nicht in Sicht? Die Einigung mit dem eigentlich früh als logischer Kandidat identifizierten Marco Rose soll haken. Angeblich stehen weitere Namen auf der Liste, einer davon soll Kjetil Knutsen sein, Trainer von FK Bodö/Glimt, dem Überraschungsteam der Champions League. In Norwegen ist gerade Winterpause, deshalb wäre ein Wechsel vielleicht möglich. Krösche, 45, blockte in bekannter Manier alle Fragen zur Trainersuche ab: „Wir wollen den Richtigen auswählen. Wenn es so weit ist, werden wir es verkünden.“
Wer wird Trainer der Frankfurter, nachdem man Dino Toppmöller entlassen hat?
Im Januar warten jetzt zwei weitere Heimspiele, die zum Charaktertest werden: erst Mittwoch das sportlich bedeutungslose Champions-League-Heimspiel gegen Tottenham, dann Samstag die wichtige Bundesliga-Partie gegen Bayer Leverkusen. Den Abschied aus der Königsklasse wird auf jeden Fall noch das Gespann mit Dennis Schmitt und Alexander Meier übernehmen, obwohl das Interimsduo bislang belegt hat, dass Vorgänger Dino Toppmöller die Misere keineswegs allein zu verantworten hatte. Dafür stand ein Transparent am Zaun zum Fanblock mit der Aufschrift: „Danke für alles Dino“.
Dass das Frankfurter Geschäftsmodell mit dem ständigen Kaufen und Verkaufen Identifikation und Zusammenhalt raubt, trat selten so offen zutage wie in diesen düsteren Wochen. Längst heißt es, dass gerade zu viele Profis nur auf die eigene Karriere schauen. Als einer gilt Verteidiger Arthur Theate, der bei der Blamage in Baku gegen Qarabag Adam (2:3) die nächste vogelwilde Vorstellung geboten hatte – und nun auf der Bank saß. Doch auch Vertreter Aurèle Amenda stabilisierte die Abwehrkette nicht.
Im Gegenteil: Der Schweizer Abwehrhüne lenkte den Ball unglücklich zum 1:3 ins eigene Tor ab (65.). Zuvor war beim 1:1 durch Max Moerstedt mal wieder Torwart Kaua Santos am Ball vorbei gesegelt (52.). Unglücklich wirkte auch die Faustabwehr des brasilianischen Ballfängers, in deren Folge TSG-Verteidiger Ozan Kabak ungedeckt mit der Schulter traf (60.). Der Zerfall der Eintracht in drei Akten folgte längst bekannten Mustern. Binnen 13 furchtbaren Minuten war das Spiel entschieden – und der Geduldsfaden beim Frankfurter Anhang gerissen.


