Süddeutsche Zeitung

Eintracht Frankfurt:Armin Veh: Wenn der Trainer zetert

Von Tobias Schächter, Frankfurt

David Kinsombi stand in dieser Saison bisher eine Minute in der Bundesliga auf dem Platz, er gehört zu den vielen jungen Spielern von Eintracht Frankfurt, denen Trainer Armin Veh die Bundesliga nicht wirklich zutraut. Die anderen heißen Joel Gerezgiher, Mijat Gacinovic oder Luca Waldschmidt. Auch diese Spieler hatten schon Einsätze in dieser Saison, überzeugt hat Veh noch keiner. Waldschmidt beispielsweise wurde vom Trainer sogar einmal ein- und wieder ausgewechselt. Er sei ja kein Jugendtrainer, blaffte Veh auf Nachfrage nach der Höchststrafe für den jungen Spieler.

Mit Kinsombi aber wird Veh an diesem Sonntag gnädig umgehen, sagt er. Weil die Innenverteidiger Carlos Zambrano und Marco Russ gesperrt fehlen, wird der 19-jährige Deutsch-Kongolese an diesem Sonntag beim Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund von Beginn an neben David Abraham im Abwehrzentrum zum Einsatz kommen. Veh empfiehlt dem Nachwuchsmann vor 80.000 Zuschauern locker ins Spiel zu gehen und sich keinen Kopf zu machen: "Kinsombi ist an nix Schuld - egal, was es ist."

Veh kündigt an: "Von uns ist nicht viel zu erwarten"

Ohnehin sind Vehs Hoffnungen offenbar nicht besonders groß, aus Dortmund Punkte mitzunehmen. Neben gestandenen Innenverteidigern fehlt auch Spielmacher Marc Stendera gesperrt. Stefan Reinartz fällt zudem wegen einer Patellasehnenentzündung aus. Veh sagt deshalb: "Wenn man realistisch ist, muss man sagen, dass von uns ja nicht viel zu erwarten ist."

Die Auswärtsfahrt nach Dortmund ist das Spiel eins nach dem Trauma des verlorenen Derbys gegen Darmstadt 98 vom letzten Wochenende, dem fünften sieglosen Spiel hintereinander. Die benachbarten "Lilien" wurden in Frankfurt 33 Jahre lang belächelt, vergangenen Sonntag stürzte der Aufsteiger nun die vermeintlich große Eintracht endgültig in den Abstiegssumpf.

Er habe ja schon viel erlebt, betont Veh immer wieder, die Pleite gegen Darmstadt aber sei eine der "schwärzesten Stunden" seiner über 20 Jahre langen Trainerlaufbahn gewesen. Die Eintracht und ihr Trainer sind angeschlagen, die Stimmung ist am Boden in Frankfurt. Statt Hoffnung auf bessere Zeiten ist selbst ein möglicher Abstieg kein Tabu-Thema mehr unter den Fans. Mit 14 Punkten aus 16 Spielen und zuletzt desolaten Leistungen ist die Angst vor dem Absturz groß.

Veh reagierte unter der Woche mit einer öffentlichen Wutrede gegen die Spieler, auch am Freitag zeigte er sich noch eingeschnappt. "Ich will nix mehr hören, ich will keine Erklärungen mehr. Ich habe keine Lust mehr zu diskutieren", stellte er klar. Ihm gehe es um Eigenverantwortung und darum, dass die Führungsspieler über sich selbst nachdenken sollten. Er wolle einfach eine bessere Leistung sehen, erklärte der 54-Jährige. Unter der Woche hatte er gepoltert, er schäme sich, man müsse aufstehen und sich wehren. Und aufhören werde er hier sicher nicht!

Zeichen der Stärke oder der Schwäche?

Vehs Gezeter löste zwiespältige Reaktionen unter den Fans aus. Manch einer sieht darin den längst fälligen Weckruf an pomadige Profis. Andere interpretierten den Ausbruch des Trainers als populistischen Versuch, von eigenen Schwächen abzulenken. Veh steht im Ruf, ein Trainer zu sein, der einen guten Lauf moderieren kann, sogar bis zur Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart 2007 oder der Europapokalteilnahme bei seinem ersten Engagement in Frankfurt mit der Eintracht 2013. Auf die Idee, Veh als Feuerwehrmann in der Krise zu verpflichten, würde aber wohl kein Entscheider in der Branche kommen.

Denn läuft es nicht, geht Veh auf Abstand zur Mannschaft, oder wirft hin - so wie letztes Jahr beim VfB Stuttgart. Damals war er enttäuscht von dieser VfB-Elf, er hatte sich schlicht in der Qualität der Spieler getäuscht. Auch in Frankfurt hat er schnell erkannt, dass mit diesem Kader die bei seiner Verpflichtung gehegten Europapokalträume nicht zu erfüllen sein werden.

Jetzt fordert Veh Zugänge im Winter

Schon vor Wochen erklärte er deshalb, es gehe in dieser Saison vor allem darum, drei Teams hinter sich zu lassen. Vielleicht hat er Recht, aber hätte er das laut sagen müssen? Der Hinweis auf fehlende Qualität in der Mannschaft kommt bei Veh immer, wenn es nicht läuft. Spieler besser zu machen, Talente zum Beispiel, wäre die Aufgabe des Trainers. Veh, der Genießer, wirkt aber immer ein bisschen beleidigt, wenn die Spieler seine Erwartungen nicht erfüllen.

Dass nun auch Veh Zugänge im Winter fordert, belegt die misslungene Kaderzusammenstellung im Sommer. Außer Torwart Lukas Hradecky und mit Abstrichen David Abraham konnte kein Zugang überzeugen. Der Elf fehlen nicht erst seit gestern: ein Offensivspieler mit Tempo und Dribbelqualitäten auf der linken Außenbahn und ein guter Rechtsverteidiger.

Um die Stimmung nicht vollends zum Kippen bringen zu lassen, ruhen die Hoffnungen auf einen Sieg zum Vorrundenabschluss im Heimspiel gegen Bremen. In Dortmund hegt Veh die vage Hoffnung, dass der Druck in diesem Spiel nicht auf den Schultern seiner Spieler laste. "Wir werden unser Heil nicht in der Offensive suchen", kündigt Veh an. David Kinsombi dürfte einiges zu tun bekommen.

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Quelle:
SZ vom 13.12.2015/fued
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