Eintracht Braunschweig Am Ende weint jeder allein

Große Enttäuschung nach dem Abstieg in die Dritte Liga beim Braunschweiger Frederik Tingager.

(Foto: dpa)

Der Abstieg in die dritte Liga stürzt den Traditionsverein in eine große Ungewissheit - seit Montag steht zumindest fest, dass Trainer Lieberknecht nicht bleiben wird.

Von Jörg Marwedel, Braunschweig

Manche Abstiege kündigen sich an. Zum Beispiel beim 1. FC Köln oder beim Hamburger SV. Da waren die Spieler trotz aller zwischenzeitlichen Hoffnungen irgendwie auf den Absturz eingestellt. Bei den Zweitligaprofis von Eintracht Braunschweig war das anders: Im vergangenen Mai spielten sie gegen den VfL Wolfsburg in der Relegation um einen Platz in der ersten Liga. Im 50. Jahr nach der deutschen Meisterschaft 1967 träumte der Klub von der Rückkehr ins Oberhaus. Auch vor dieser Saison war das Ziel der Aufstieg. Nun ist die Eintracht in die dritte Liga abgerutscht - weil sie am letzten Spieltag nach dem 2:6 bei Holstein Kiel erstmals auf dem Abstiegsplatz 17 strandete.

Es ist ein Abstieg mit Folgen. Viele davon sind noch ungewiss, seit Montag steht jedoch zumindest fest, dass Trainer Torsten Lieberknecht, 44, keinen Vertrag für die dritte Liga erhalten wird. Dies sei "die einvernehmliche Entscheidung" nach einem Gespräch der Klubführung mit dem Trainer gewesen, heißt es in einer Mitteilung. Lieberknecht war exakt zehn Jahre in Braunschweig tätig gewesen, er war mit dem Klub 2011 in die zweite Liga aufgestiegen, er spielte mit der Mannschaft in der Saison 2013/14 in der Bundesliga. 2008 hatte er in seinen Anfangstagen als Coach den Absturz in die vierte Liga verhindert, was Grundlage wurde für das Ende von der Eintracht als Chaos-Verein. Noch länger im Verein ist Ken Reichel, der Kapitän. Nachdem er mit seinen Kollegen am Sonntag eine halbe Stunde vor den 1200 mitgereisten Anhängern gesessen hatte, bekannte er: "Das tut im Herzen weh. Es ist der schlimmste Moment in meinem Leben." Er könne verstehen, "dass die Fans uns hassen".

Seit elf Jahren ist Reichel in Braunschweig, er ist eine Kultfigur geworden, genauso wie Lieberknecht. Anders als der Abstieg hatte sich der Abschied des Trainers angedeutet: In Kiel hatte Lieberknecht geheult wie ein Schlosshund. Erst mit dem Holstein-Kollegen Markus Anfang, der ihn zu trösten versuchte, dann mit einigen mitfühlenden Fans, schließlich allein in der Kabine. Zwischendurch hat er versucht, die Spieler aufzumuntern, die noch mehr geweint haben. Etwa Verteidiger Frederik Tingager, der an drei Gegentoren beteiligt war. Bereits Ende Januar hatte Lieberknecht zudem vor dem Spiel in Aue von seinem persönlichen "Endspiel" gesprochen, trotz eines Vertrags bis 2020. Interne Debatten hatten ihn zu diesem Fazit getrieben, als der Klub auf Rang 15 abgerutscht war. Dann siegte Braunschweig gegen Aue 3:1, und die Anhänger kämpften mit Plakaten um ihren Lieblingstrainer. Sportchef Marc Arnold hat Gedanken an eine frühere Trennung keineswegs abgestritten, als er nach dem Abstieg mit bleicher Miene vor die Kamera trat. Er sagte: "Wenn wir der Meinung gewesen wären, dass wir die Notbremse hätten ziehen müssen, hätten wir es gemacht." Nun zogen sie die Notbremse erst, als alles bereits zu spät war. Am Sonntag noch waren alle Beteiligten der Frage nach Lieberknechts Weiterbeschäftigung ausgewichen, Sportchef Arnold genauso wie Aufsichtsratschef und Präsident Sebastian Ebel. Der TUI-Manager Ebel, der es gewohnt ist, mit großen Zahlen umzugehen, sprach davon, dass "die Kraft, die Leidenschaft und das Geld, das wir investiert haben", sich nicht ausgezahlt hätten. So sei das manchmal, wenn "die Kugel den Berg hinunterläuft". Die Auswirkungen seien immens.

"Eine wirtschaftliche Katastrophe", sagte Ebel. Etwa 20 Millionen Euro kostet der Abstieg, errechnete das Magazin kicker, was vor allem mit dem geringeren Fernsehgeld zu erklären ist. In der zweiten Bundesliga kassierte der Klub weit über zehn Millionen Euro - in der dritten Liga nur noch eine Million. Immerhin hatte sich die Eintracht mit einem Personaletat von 16 Millionen Euro zu den Top Fünf empor gearbeitet. Nun, sagte Ebel, "müssen wir wieder in die Mangelverwaltung reinkommen". Viele Spieler werden den Klub verlassen, kaum die Hälfte der Profis hat einen Vertrag auch für die dritte Liga. Nationalspieler wie Gustav Valsvik oder Christoffer Nyman sind kaum zu halten.

Zudem kommt die Transferpolitik von Arnold auf den Prüfstand. Wurde er viele Jahre für gute Verpflichtungen gelobt, so ist die Bilanz der Saison 2017/18 die eines Absteigers. Abgänge wie jene von Onel Hernandez (Norwich), Saulo Decarli (Brügge), Nik Omladic (Fürth) oder Marcel Correira (Kaiserslautern) konnten nicht ausgeglichen werden. Kaum ein Zugang prägte das Spiel, ob es Onur Bulut, Özkan Yldirim, Steve Breitkreuz oder die im Winter geholten Georg Teigl und Tingager waren.

Es wird spannend, ob Lieberknecht, der laut Kollege Anfang "bestimmt die gleiche Arbeit gemacht hat" wie in der vergangenen, erfolgreichen Saison, das einzige Opfer der Braunschweiger Aufräumarbeiten bleibt. Nur Kapitän Reichel hat bereits erklärt, er könne sich vorstellen, in der dritten Liga zu bleiben.

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04/05 Regionalliga Nord 1.

05/06 2. Bundesliga 12.

06/07 2. Bundesliga 18.

07/08 Regionalliga Nord 10.

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