Süddeutsche Zeitung

Ein Jahr nach Olympia in Tokio:Nutzlos war es nicht

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Es war falsch, die Spiele gegen den Willen vieler Menschen durchgeboxt zu haben. Aber dass dieses seltsame Weltsportfest nichts gebracht hat, kann man mit etwas Abstand auch nicht sagen.

Kommentar von Thomas Hahn, Tokio

Das Schockierende ist, dass man gar nicht schockiert ist von diesem neuen Korruptionsverdacht um das mittlerweile aufgelöste Olympia-Organisationskomitee Tocog. Kurz vor dem ersten Jahrestag der Spiele-Eröffnung von Tokio wurde er öffentlich. Am Dienstag war die Hausdurchsuchung beim Ex-Vorstandsmitglied Haruyuki Takahashi, 78. Der bestreitet, einer Firma gegen 45 Millionen Yen, umgerechnet 322 000 Euro, einen Sponsorendeal verschafft zu haben.

Aber Takahashi kennt man ja: Vor zwei Jahren gab er zu, während der Bewerbung mit 881 Millionen Yen aus der Tokioter Spiele-Kasse Lobbyarbeit betrieben zu haben. Und als Ex-Manager der japanischen Marketing-Agentur Dentsu, einer Langzeitpartnerin des Internationalen Olympischen Komitees, weiß er bestimmt, wie man Geld und Gefallen verteilt.

Kein Schock also. Der Sport hat sein Korruptionsproblem nicht im Griff, das ist bekannt. Dass Takahashi sich nicht schon zu Tocogs operativen Zeiten öffentlich rechtfertigen musste, ist möglicherweise sogar ein Symptom dafür.

Und sonst? Kaum zu glauben, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist, seit Tokio die ersten pandemischen Spiele in leeren Stadien und ohne zugereiste Zuschauer veranstaltete. Es gab eine Gedenkzeremonie im Nationalstadion. Gouverneurin Yuriko Koike lobte "viele Vermächtnisse". Und IOC-Präsident Thomas Bach fand im Kyodo-Interview, Japans Menschen könnten "sehr, sehr stolz" sein. Selbstzufriedenheits-Rhetorik. Das Übliche.

Ein ausländerarmes Inselland wie Japan braucht den internationalen Sport

Wahr ist, dass es schlimmer hätte kommen können. Immer noch zweifeln Medizinerinnen und Mediziner, ob es klug war, die Spiele nach der Verschiebung schon im Sommer 2021 während einer Infektionswelle bei niedriger Impfquote durchzuziehen. Aber bisher ist nicht bekannt, dass die Spiele die befürchtete Coronavirus-Schleuder geworden wären. Im Großen und Ganzen gelang es den Organisatoren, das Ereignis mit Zehntausenden von Sportlern, Funktionären und Medienschaffenden von der Bevölkerung im größten Metropolgebiet der Welt zu trennen. Seit man die raumschiffähnlichen Zustände bei Winter-Olympia in China kennt, muss man sogar sagen: Die Tokio-Spiele waren trotz aller Regeln noch relativ locker.

Japans Spitzensport haben die Spiele anscheinend genutzt: Bei Leichtathletik- und Fecht-WM gab es zuletzt historische Erfolge. Auch das reine Fernseh-Olympia dürfte Menschen zum Sporttreiben inspiriert haben. Und Tokio selbst? Die Nachnutzungspläne für die Sportstätten sind nicht überzeugend. Allein der Unterhalt des neu erbauten Nationalstadions kostet nach Stand der Dinge jährlich 2,4 Milliarden Yen Steuergeld. Immerhin: 2025 kommt die Leichtathletik-WM. Und vielleicht ziehen die neuen Anlagen noch mehr Großveranstaltungen an. Ein ausländerarmes Inselland wie Japan braucht den internationalen Sport, um die Welt zu sehen.

Die Spiele gegen den Willen vieler Menschen einfach irgendwie durchgeboxt zu haben, war nicht richtig. Aber dass dieses seltsame Weltsportfest verantwortungslos und nutzlos war, kann man mit etwas Abstand auch nicht sagen. Zumal ja selbst die Nachwehen lehrreich sind: Am Beispiel des alten Sport-Marketenders Takahashi kann Japans Jugend lernen, was ein Korruptionsverdacht ist.

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