Ein ganz wichtiges Spiel

Wer glaubt, dass am Samstag nur noch ein Freundschaftsspiel gegen Portugal stattfindet, der irrt. Man kann sogar so weit gehen und sagen, dass das Duell um den dritten Platz das wichtigste Spiel des Jahres für die deutsche Elf ist.

Von Jürgen Schmieder

Das Spiel um Platz drei ist ein unsäglicher Termin. Es geht nur noch um die goldene Ananas. Um nichts. Das glaubt zumindest der deutsche Mittelfeldmann Tim Borowski, der in seiner Enttäuschung die güldene Tropenfrucht nannte, als er auf den Samstag angesprochen wurde.

Doch Borowski irrt. Freilich ist das Duell gegen Portugal nicht das Endspiel, in dem um die wichtigste Trophäe - ebenfalls aus Gold, jedoch ein Ball, der von Karyatiden getragen wird - des Fußballs gespielt wird. Einige Spieler haben sich verletzt abgemeldet: Mertesacker ließ sich operieren, Friedrich plagt eine Zerrung, Ballack leidet an einer Sehnenentzündung. Im Finale hätten sie wohl alle nochmal auf die Zähne gebissen und gespielt.

Natürlich wird die Weltmeisterschaft auch bei einer Niederlage der deutschen Elf ein voller Erfolg sein. Die Mannschaft wird am Sonntag in Berlin mehr als herzlich empfangen werden, auch wenn sie nur den vierten Platz erreicht haben sollte. Die Fans sind stolz auf das, was die Klinsmänner geleistet haben.

Dennoch wäre ein Sieg am Ende eines großartigen Turniers unglaublich wichtig.

Wer am Dienstag das Halbfinale an einem öffentlich Ort gesehen hat, der hat es erlebt: das Leiden, die Passion, die Trauer, die sowohl Spieler als auch Fans öffentlich zeigten. Nein, so darf man nicht ausscheiden, so darf diese Weltmeisterschaft nicht enden.

Und sie ist auch noch nicht vorbei. Die Spieler fahren nicht mit einer bitteren Niederlage in den Urlaub, die Fans werden nicht der Trauer überlassen. Denn schon vier Tage später findet das nächste Spiel statt. Und damit die Gelegenheit, viele Tränen zu trocknen.

Es geht wieder gegen einen großen Gegner. Portugal hat im Verlauf des Turniers gezeigt, dass sie zurecht zu den stärksten Mannschaften im Weltfußball gehören. Die deutsche Elf hat also nicht nur die Gelegenheit, den dritten Platz zu erreichen, sondern auch noch während der WM einen der so genannten "Großen" zu besiegen - wenn man wie viele Statistiker behauptet, das Spiel gegen Argentinien wäre ja nur ein Unentschieden gewesen.

Das Spiel ist aber auch ein Signal der Mannschaft an die Fans: Seht her, wir haben ein Spiel unglücklich verloren, sind auf die bitterste aller Arten gescheitert. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, sondern stehen vier Tage später auf und feiern gemeinsam mit Euch den dritten Platz.

Vier Jahre später Weltmeister

Ein Sieg wäre aber auch eine wichtige Botschaft an Jürgen Klinsmann. Die Spieler würden ihm zeigen, dass sie sich nicht nur von einer Welle der Euphorie ins Halbfinale tragen ließen. Sie können ihrem Trainer zeigen, dass auch eine Niederlage sie nicht aufhalten kann, dass sie weiter mit ihm arbeiten wollen. Ein begeisternder Auftritt kann das entscheidende Mosaikstückchen sein, dass Klinsmann weitermacht.

Wohl deshalb wird der Bundestrainer auch keine B-Elf in das Spiel schicken. Oliver Kahn spielt nicht, weil man ihm ein Gnadenbrot am Ende einer grandiosen Nationalmannschaftskarriere zuwerfen möchte. Er spielt, weil er als Torhüter gleichwertig ist und zu einem erfolgreichen Tag beitragen kann - nach dem Ausfall Ballacks wohl sogar als Kapitän.

Das letzte Spiel um Platz drei einer deutschen Elf fand am 20. Juni 1970 statt. Deutschland siegte gegen Uruguay mit 1:0 durch ein Tor von Wolfgang Overath. Und wurde vier Jahre später Weltmeister.

Vielleicht geht es morgen tatsächlich nur um eine goldene Ananas. Aber um eine, die heller strahlen kann als der Weltpokal.