Ein Grundsatz, den Eishockey-Verteidiger von ihren Trainern oft mit auf den Weg bekommen, ist, das Spiel möglichst vor sich zu halten. Ihm bloß nicht hinterherzulaufen. Oliver David, der neue Trainer des EHC Red Bull München, kennt dieses Prinzip natürlich, aber er baut nicht darauf. In seinem aggressiven Spielsystem, das darauf zielt, dem Gegner die Scheibe so schnell wie nur möglich abzuluchsen, müssen die Verteidiger nach vorne durchschieben, um den Druck kollektiv hochzuhalten. „Da werden unweigerlich Dinge in ihrem Rücken passieren“, erklärt er. Damit umzugehen, sei für viele Spieler schwer, da sie es anders gewohnt sind, betont David, das gelte besonders für nordamerikanische Spieler.
Für Ryan Murphy gilt das nicht. Der 32-jährige neue Verteidiger des EHC ist zwar fraglos Nordamerikaner, geboren in Aurora, in der Nähe von Toronto, doch er weiß genau, wie es sich anfühlt, das David-System auszuführen. Zwei Jahre lang hat er unter ihm in Salzburg gespielt, in beiden Jahren gewannen die Salzburger den österreichischen Titel. Murphy kennt das System also nicht nur; er weiß auch, dass es erfolgreich sein kann. Obwohl er neu in München ist, soll der Kanadier ein spielsystematisches Bindeglied zwischen Trainer David und den arrivierten EHC-Spielern sein. „Er kann anderen helfen, unsere Idee zu verstehen“, sagt David. Dass Murphy das System bereits „gelebt“ habe, sei von großem Wert. Das halte ihn zwar nicht davon ab, auch Fehler zu machen, „aber er kennt das Gefühl und weiß, wie es aussehen soll“, erklärt der neue EHC-Trainer.
Mit seinen 50 Scorerpunkten in der vergangenen Saison war Murphy der punktbeste Verteidiger der österreichischen Liga
Wenn man sich Murphys Salzburg-Statistiken ansieht, versteht man schnell, warum er sagt, dass Davids System „perfekt zu meiner Spielweise“ passt. Mit seinen 50 Scorerpunkten in der vergangenen Saison war er nicht nur der punktbeste Verteidiger der Liga, sondern wurde auch zum Spieler der Saison gewählt. „Sein Skillset ist außergewöhnlich“, findet EHC-Manager Christian Winkler. Murphys offensive Qualitäten zeigten sich schon früh und führten dazu, dass er im NHL-Draft 2011 bereits an der zwölften Stelle von den Carolina Hurricanes ausgewählt wurde. Es folgten 176 NHL-Spiele, ehe er nach Russland wechselte.
Der Offensivverteidiger-Stempel, den er schon früh aufgedrückt bekam und der auch beinhaltete, dass er ein Verteidiger sei, der offensiv immer hohes Risiko gehe, gefällt Murphy aber nicht. „Es hat mich viele Jahre gekostet, den Leuten zu beweisen, dass sie falsch liegen“, erzählt er. Er habe viel Zeit damit verbracht, seine Abwehrarbeit zu verbessern. „Heute bin ich ein kompletter Verteidiger“, betont er in selbstbewusster Manier, mit der viele nordamerikanische Eishockeyprofis, die in Europa landen, auftreten.
Die Münchner haben ihn primär wegen seiner offensiven Fertigkeiten geholt. Murphy werde „hinten eine Top-Position einnehmen, auch was die offensive Produktion angeht“, prognostiziert Winkler. Der Kanadier soll die Scheibe verteilen und mit seinem guten Auge die EHC-Stürmer einsetzen. Dabei helfen werden ihm seine eisläuferischen Qualitäten. Für den Österreicher Bernd Freimüller, der einige Jahre als Europa-Scout für NHL-Klubs tätig war und der Murphy gut kennt, agiert der Verteidiger in den Schlittschuhen „so leichtfüßig und scheinbar ohne Anstrengung wie einstmals Fred Astaire“. Dass Murphy in München eine offensive Rolle einnehmen kann, steht auch für Konrad Abeltshauser außer Frage. Der Verteidiger, der schon seit 2016 in München ist, lobt Murphy nicht nur dafür, dass er in der Kabine ein „Scherzkeks“ sei, das die Stimmung hochhalte, sondern vor allem für seinen „Spielwitz“ und für seine Fähigkeiten, die Scheibe super laufen zu lassen. Murphy, so Abeltshausers Fazit, sei ein „Bilderbuch-Offensivverteidiger, wie man ihn sich wünscht“.
Aufgrund der Ungewissheiten rund um EHC-Verteidiger Will Butcher – bei dem im Rahmen der sportmedizinischen Untersuchung vor Saisonbeginn gesundheitliche Auffälligkeiten festgestellt wurden, die ihm aktuell weder Eis-Training noch Spiele ermöglichen –, dürfte Murphys Offensivrolle an der Blauen Linie noch größer als ohnehin schon angedacht werden. Sein erstes Tor im EHC-Trikot hat der Verteidiger bereits verbucht, er traf am vergangenen Wochenende im österreichischen Zell am See beim 1:4 gegen die Schweden von Rögle BK. Die Mannschaft befinde sich noch in einer Lernphase, sagte Murphy nach der dritten Niederlage im dritten Testspiel, „das ist noch nicht das finale Produkt“. Einen Tag später feierte der EHC durch das 6:2 gegen den Schwesterklub aus Salzburg den ersten Testspielsieg des Sommers.
Sobald die Saison am 12. September beginnt, will Murphy dort weitermachen, wo er in Salzburg aufgehört hat: beim Gewinnen von Titeln. Bis vor zwei Jahren, erzählt er, hätte er auf die Frage nach seinem größten Karrieremoment mit seinem ersten NHL-Tor geantwortet. Aber jetzt sind es die zwei Meisterschaften mit Salzburg, denn „nothing beats winning“, nichts sei besser, als Erfolg zu haben. Das weiß man in München nach zwei mageren Spielzeiten nur allzu gut.
