Zu Beginn einer neuen Saison geht es für Klubs und Spieler oft darum, erst einmal ein Gefühl für all das Neue entwickeln. Wo steht man? Greifen die Stärken der Vorbereitung auch in den ersten Pflichtspielen? Wie steht man da, im Vergleich zur Konkurrenz? Gabriel Fontaine kennt solche Fragezeichen zum Start nicht. Der kanadische Eishockeyprofi kam in der vergangenen Saison neu in die Deutsche Eishockey Liga (DEL) – und startete bei den Eisbären Berlin direkt voll durch. In den ersten vier Spielen traf er viermal, nach neun Partien hatte er neun Treffer auf seinem persönlichen Torkonto. Am Saisonende hielt der Stürmer den Meisterpokal in seinen Händen. Im Sommer siedelte Fontaine nach München um, wieder eine neue Stadt, ein neuer Klub, eine neue Umgebung. Aber auch in der bayerischen Landeshauptstadt scheint Fontaine keine lange Anlaufzeit zu brauchen. Am DEL-Auftaktwochenende feierte er seine Pflichtspielpremiere für den EHC – und traf in beiden Partien.
Gegen Kuriositäten ist allerdings auch Fontaine nicht gewappnet. Er schaute am Sonntagnachmittag genauso ungläubig wie die 9542 Zuschauer im Münchner SAP Garden, als die Scheibe zu Beginn des Schlussdrittels vom eigenen Mann ins leere Tor trudelte. Bei einer angezeigten Strafzeit nahm EHC-Trainer Oliver David seinen Torhüter Mathias Niederberger zugunsten eines sechsten Feldspielers vom Eis, da die Strafe dann ausgesprochen wird, sobald ein gegnerischer Spieler an die Scheibe kommt. Ein Passversuch von Veit Oswald wurde dann aber so abgefälscht, dass die Scheibe über die Bande ins eigene leere Tor trudelte.
EHC-Kapitän Patrick Hager sagte zu der kuriosen Szene bei Magentasport, er habe die Schiedsrichter darauf hingewiesen, dass der Kontakt von einem Bremerhavener Spieler gekommen sei. Ihm sei gesagt worden, dass das nicht als Kontrolle zähle. „Ob das Sinn macht, müssen andere entscheiden, es war zu unserem Nachteil.“ Die DEL bestätigte noch am Sonntag, dass es sich um ein nicht-regelkonformes Tor handelte, was aber keine Folgen haben wird. Dieses 2:2, für EHC-Coach David „eine der unglücklichsten Situationen, die es im Eishockey geben kann“, markierte den Wendepunkt im ersten Heimspiel der Münchner. Sie unterlagen den Fischtown Pinguins aus Bremerhaven 3:4 und verpassten damit den idealen Saisonstart, der nach einem 4:2-Auftaktsieg am Freitag bei den Kölner Haien möglich gewesen wäre.
Beim 4:2 in Köln spielt sich Ville Pokka in den Vordergrund
Dabei sah es am Sonntag im Startdrittel aus Münchner Sicht sehr gut aus. Die Vorzüge des laufintensiven und auf Positionsrochaden setzenden Spielsystem des neuen Trainers David blitzten schon in den ersten acht Spielminuten mehrmals auf. Maximilian Daubner, einer der Münchner Verteidiger, tauchte zweimal gefährlich vor dem Gäste-Tor auf, beim zweiten Mal ganz alleine. Sein Abschlussversuch mit der Rückhand ging aber am Fischtown-Kasten vorbei (8.). Gerade im Startdrittel gelangen den Münchnern einige schnelle Spielzüge, mehrmals setzten sie sich im Pinguins-Drittel fest und machten gehörig Druck. Belohnt wurde das in Minute 13, als der Münchner Druck dazu führte, dass Bremerhaven die Scheibe im eigenen Drittel verlor und Fontaine am langen Pfosten leichtes Spiel hatte, sie über die Linie zu drücken. Der EHC hatte die Partie im Griff, doch das erste Überzahlspiel der Pinguins, ohnehin eines der stärksten der Liga in den vergangenen Jahre, war sehr gefährlich. Münchens Nationaltorhüter Mathias Niederberger hatte einiges zu tun – und vereitelte in Minute 18 das 1:1, als er einen Alleingang von Bennet Roßmy entschärfte. Die große Chance auf das 2:0 ließ Taro Hirose liegen, als er kurz vor der ersten Drittelpause einen Penalty verschoss.
Im Mitteldrittel war das Münchner Spiel nicht mehr so druckvoll und temporeich, die Gäste aus dem hohen Norden fanden immer besser in die Partie und ließen sich auch nicht durch Münchens 2:0 (29., Hirose traf platziert in Überzahl) aus dem Konzept bringen. Max Görtz markierte kurz danach das 1:2, am Ende des Drittels hielt Niederberger die knappe Führung fest. Die kuriose Szene zum 2:2 (das Tor wurde Vladimir Eminger zugeschrieben) raubte dem EHC Energie, die Tore von Jan Urbas (50.) und Roßmy (57.) besiegelten die EHC-Niederlage. Auch Adam Brooks 3:4 (59.) konnte sie nicht mehr verhindern.
Der Saisonstart war dem EHC dagegen geglückt. Am Freitagabend siegten die Münchner beim Vorjahresfinalisten, den Kölner Haien, mit 4:2. Neben Torhüter Niederberger, der mit seinen 28 Paraden einen wichtigen Beitrag zum Auswärtssieg leistete, spielte sich Ville Pokka in den Vordergrund. Der Verteidiger, 2022 mit Finnland Olympiasieger und Weltmeister geworden, bereitete bei seinem Debüt für den EHC zwei Tore vor. Pokka wurde erst wenige Tage vor dem Saisonstart verpflichtet, er brauchte also so gut wie keine Anlaufzeit. „Ein erstes Spiel in einer neuen Mannschaft und einer neuen Liga ist nicht einfach, aber es lief sehr gut für mich“, sagte der 31-Jährige. Veit Oswald, der in Köln das 4:1 erzielte, sagte nach der Freitagspartie: „Wenn wir so weiterspielen, sind wir schwer zu schlagen.“ Nun, am Sonntag war ein dominantes Drittel zu wenig – und das Eishockey-Kuriositätenkabinett nicht auf der Seite des EHC.

