Nachruf auf Egidius Braun:Er erweiterte den Horizont des DFB

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Egidius Braun, hier beim DFB-Bundestag 1986. (Foto: teutopress GmbH/Imago)

Als Sportfunktionär geschätzt und geachtet zu werden, ist eine Kunst, die selten gelingt. Doch über den DFB-Präsidenten Egidius Braun, genannt "Pater Braun", wurden schon zu Lebzeiten Lobreden verfasst.

Von Philipp Selldorf

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 befehligte der Teamchef Franz Beckenbauer nach eigenem Bekunden eine "Topfntruppe", aber das war nicht sein einziges Problem. Im deutschen Kader trafen Fraktionen aufeinander, die sich mit gewöhnlicher sportlicher Konkurrenz nicht begnügten: Fehden und Spannungen prägten das Beisammensein der Parteien aus Hamburg, Bayern und Köln, und als Karl-Heinz Rummenigge im ARD-Interview die Kölner mahnte, sie sollten gefälligst "ihre Spielchen" bleiben lassen, berief Delegationsleiter Egidius Braun eine Krisensitzung ein, an die sich Rummenigge Jahre später mit Vergnügen erinnerte: "Da saßen der Toni Schumacher, der Franz, der Egidius und ich im Raum. Wir haben geredet und geredet, und irgendwann stand der Toni mir auf einmal Nasenspitze an Nasenspitze gegenüber, und ich habe gedacht: Jetzt haut er mir eine rein."

Schumacher drehte jedoch bei, ging auf sein Zimmer und reagierte sich beim Hanteltraining ab. Als er eine halbe Stunde später, völlig durchgeschwitzt, wieder den Raum betrat, fällte Braun sein Urteil: Beide Streithähne müssten umgehend nach Hause reisen. Rummenigge und Schumacher akzeptierten, Beckenbauer nicht: "Sie sind wohl nicht ganz zu retten: unsere zwei wichtigsten Spieler nach Hause zu schicken!" Später gestand Braun den Beteiligten, allein dieser Abend im Dienst des deutschen Fußballs habe ihn wohl zwei Lebensjahre gekostet. Der in Breinig bei Aachen geborene Rechts- und Philosophiegelehrte und im bürgerlichen Leben als Kartoffelgroßhändler firmierende Braun, auch liebevoll "Pater Braun" gerufen, war zwar schon damals ein erfahrener Fußballfunktionär - aber dem Temperament dieser Topfntruppe nicht immer gewachsen.

Braun (im weißen Hemd) und Teile der deutschen Nationalmannschaft 1986 in Mexiko: Hinten: Dieter Hoeneß, Torwart Harald Schumacher, Pierre Littbarski, Karl-Heinz Rummenigge, Norbert Eder, Olaf Thon. Vorn: Lothar Matthäus, Klaus Augenthaler und Felix Magath. (Foto: Werek/Imago)

Erwischt hat es in Mexiko dann statt Schumacher und Rummenigge den aufsässigen Ersatztorwart Uli Stein. Aus Rummenigges Memoiren: "Dietmar Jakobs, Dieter Hoeneß und ich waren dreimal beim Egidius, weil er den Uli nach Hause schicken wollte. Dreimal haben wir's abgewendet. Aber irgendwann hat der Neuberger aus Mexiko-City die Order gegeben: Es reicht." Hermann Neuberger war damals DFB-Präsident.

Geschichten zur Weitergabe an Kinder und Kindeskinder hat Egidius Braun in seiner Zeit als Schatzmeister (1977 bis 1992) und als Präsident des DFB (1992 bis 2001) in reicher Zahl erlebt. Amüsante und brisante wie in Mexiko oder bei der WM 1994 in den USA, als er den Rebellen Stefan Effenberg nach Hause schickte, aufwühlende und schreckliche wie 1998 in Frankreich, als deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel beinahe zu Tode prügelten und der DFB-Chef Braun aus Betroffenheit und Scham entschlossen war, die Mannschaft aus dem Turnier abzuziehen. Er war ein Mensch mit politischem Verstand, aber er war auch ein Gefühlsmensch.

Bundespräsident Johannes Rau merkte an: "Egidius Braun wird nicht nur geachtet - er wird auch geliebt, und das ist bei sogenannten Funktionären selten."

Im Alter von 97 Jahren ist Egidius Braun in der Nacht zu Mittwoch gestorben, in den Nachrufen werden jetzt die Lobesreden aufgegriffen, die schon zu Lebzeiten in unübersehbarer Menge zu seinen Ehren angestimmt wurden. Der ehemalige Kanzler Helmut Kohl etwa erinnerte an Brauns 90. Geburtstag an "einen DFB-Präsidenten, der nicht als 'Herr Präsident' unterwegs war, sondern als begeisterter Fußballer" und Wohltäter, Bundespräsident Johannes Rau merkte an: "Egidius Braun wird nicht nur geachtet - er wird auch geliebt, und das ist bei sogenannten Funktionären selten."

Brauns aktueller Nachfolger beim DFB, Bernd Neuendorf, als gebürtiger Dürener ein mittelrheinischer Landsmann und ebenfalls der Aachener Alemannia verbunden, erklärte den Mittwoch zu einem "traurigen Tag für alle Fußballerinnen und Fußballer in Deutschland und Europa": Braun sei ein besonderer Mensch gewesen, der sich mit den Mitteln des Fußballs "gerade für diejenigen eingesetzt hat, die Unterstützung und Zuwendung brauchen".

Jenseits des Sports und seiner Begebenheiten setzte Egidius Braun durch zielstrebige Arbeit Maßstäbe: Mit seiner unternehmerischen Erfahrung trug er dazu bei, den DFB zu einem Wirtschaftsbetrieb zu formen; er tat seinen markanten Teil dazu, die WM 2006 nach Deutschland zu holen; für die internationalen Beziehungen und für ein vielfältiges soziales und karitatives Engagement trat er mit Eifer und Erfolg ein, den Horizont der Sportorganisation DFB hat er dadurch deutlich erweitert. Entschlossenheit, Tatkraft und Beharrlichkeit zeichneten ihn aus, Autorität und eine gewisse Strenge waren ihm dabei nicht fremd. Er wusste durchaus, sich durchzusetzen - wenn auch nicht auf jeder Krisensitzung, die ihm das Fußballleben bescherte.

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