Stanley Cup Finals:Hoffen auf ein Wunder

Lesezeit: 4 min

Frustrierend: Die Oilers, vorne links Leon Draisaitl, und ihr Trainer Kris Knoblauch müssen etwas schaffen, was in der NHL-Geschichte erst ein Mal einem Team gelungen ist. (Foto: Jeff McIntosh/AP)

Die Edmonton Oilers mit Leon Draisaitl liegen in der Finalserie gegen die Florida Panthers 0:3 zurück – so einen Rückstand hat seit 82 Jahren kein NHL-Team mehr aufgeholt. In Kanada drücken nun sogar Konkurrenten Edmonton die Daumen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Und dann singen sie. Drinnen, in der Eishockeyhalle im Stadtzentrum von Edmonton. Draußen, im sogenannten „Moss Pit“, wo all jene feiern, die keine Eintrittskarte haben. Es ist eine Tradition vor den Spielen der Oilers, die nur bei all jenen nicht für Gänsehaut und feuchte Augen sorgt, die auch bei „Love Story“, „Club der toten Dichter“ und „Toy Story 3“ emotionslos bleiben. Zuerst wird die US-Hymne gesungen, und weil Kanadier herzerwärmend nette Leute sind, singen sie einfach mal mit. Es folgt die Hymne Kanadas, und wäre es nicht Blasphemie, müsste man sagen: Das „O Canada“ am Ende aus mehr als 18 000 Kehlen drinnen und noch mal so vielen draußen ist erhabener als das „Slav’sya“ in der russischen Hymne von einem Männerchor.

Zwei Stunden nach diesem Spektakel sangen sie wieder alle, drinnen und draußen, es war aber ein verzweifelter Gesang. Ihr Team hatte von 1:4 auf 3:4 verkürzt und drückte auf den Ausgleich – ein sich steigerndes „Ooooh“ bei jeder Chance, ein höheres, mit jedem Mal enttäuschteres „Aaaah“ bei jedem abgewehrten Schuss. „Ooooh“, „Aaaah“, immer wieder: „Ooooh“, „Aaaah“ – doch dann wurde, das untrügliche Zeichen für unendliche Trauer, aus Lärm innerhalb einer Sekunde Totenstille. Das Spiel war aus, die Leute waren still, viele von ihnen hatten wieder feuchte Augen. Es ist die Hoffnung, die Fans tötet.

Eishockeyprofi Leon Draisaitl
:Wie im Wilden Westen

Der deutsche Eishockey-Profi Leon Draisaitl steht zum ersten Mal in der Finalserie der NHL – und dürfte sie entscheidend prägen.

Von Jürgen Schmieder

0:3 liegen die Oilers nun zurück in den Stanley Cup Finals, der Finalserie der Eishockey-Profiliga NHL. Die Florida Panthers, die schon im Vorjahr im Finale standen und an Las Vegas scheiterten, brauchen nur noch einen Sieg zum Triumph – was für die Oilers die Fortsetzung einer Tragödie Shakespeare’schen Ausmaßes bedeuten würde.

„Schauen Sie sich um“, sagt Torhüter Skinner: „Es gibt in dieser Umkleide Hoffnung, sonst nichts.“

Die Partie am Donnerstagabend war das erste Finalheimspiel der Oilers seit 18 Jahren; den Cup haben sie seit 1990 nicht mehr gewonnen. Davor hatten sie in sieben Jahren fünf Mal triumphiert, es waren die Zeiten von Wayne Gretzky, dem sie draußen eine Statue hingestellt haben; und wer wissen will, wie sehr dessen Abgang zu den Los Angeles Kings das Herz der Leute gebrochen hat, möge bitte die Doku „King’s Ransom“ gucken, das Lösegeld für den König. Denn nun folgten alle Seiten der Enttäuschung und des Trauerns.

Im ersten Jahr nach dem Transfer: Aus in der ersten Runde – gegen die Gretzky-Kings! Dann kamen – nach einem letzten Triumph ohne Gretzky mit dem neuen Kapitän Mark Messier – Playoff-Pleiten, erfolglose Jahre und die Niederlage im entscheidenden siebten Spiel der Finalserie 2006. Danach: zehn Jahre lang Irrelevanz. Seit 2015 schließlich: Hoffnung, vor allem wegen der als Superstars verehrten Connor McDavid und Leon Draisaitl – aber eben auch: Trauer, weil die Oilers stets scheitern, ob kurz vor dem Ziel oder schon eher. Es ist die Hoffnung, die tötet.

Hoffnung tötet, aber sie stirbt nicht: Oilers-Fans vor der Statue von Klublegende Wayne Gretzky, der mit Edmonton vier Mal den Stanley Cup gewann. (Foto: Jason Franson/AP)

So nah dran wie jetzt waren sie also seit 18 Jahren nicht mehr, und sie sind auch der Vertreter Kanadas in dieser Serie. Seit 1993 hat kein kanadisches Team mehr den Stanley Cup gewonnen; damals besiegten die Montréal Canadiens die, man könnte es sich nicht ausdenken, LA Kings von Gretzky. Natürlich würde niemand aus Toronto, Vancouver und schon gar nicht Calgary den feinen Champagner bei einem Oilers-Triumph öffnen. Aber so, wie viele Kanadier es damals den Canadiens eher gönnten als den Gretzky-Kings, so würden viele Kanadier nun genüsslich darauf hinweisen, dass der Stanley Cup, die älteste Sporttrophäe im nordamerikanischen Sport, wieder dort sei, wo sie hingehöre.

Die Oilers waren ja nur in Spiel zwei wirklich unterlegen

Die Hoffnung wurde auch genährt durch – noch mal, solche Geschichten kann man sich nicht ausdenken: Torwart Stuart Skinner, in Edmonton geboren und aufgewachsen. Im US-Sport bilden Vereine Talente nicht selbst aus; es ist also eher selten, dass jemand in seiner Heimatstadt spielt. Skinner war bis vor ein paar Wochen weniger Held als vielmehr Symbol fürs Scheitern, weil er in wichtigen Partien zu häufig für das eine Gegentor zu viel verantwortlich war – auch zu Beginn dieser Playoffs. Seit der Viertelfinalserie hält er aber grandios, weshalb die Leute bei jeder Parade einen „Stuuuuu“-Gesang anstimmen, und sorgte für noch mehr Hoffnung: Skinner hält, Draisaitl und McDavid treffen. Da geht doch was! „Die Stimmung in der Stadt ist schon besonders“, sagte Draisaitl vor Spiel drei. Wer Draisaitl kennt: „besonders“ ist in seinem Sprachschatz ein Synonym für „völlig durchgeknallt“.

Und nun, nach drei Niederlagen nacheinander?

„Wir hatten unsere Chancen, sehr viele davon“, sagte McDavid in der Oilers-Kabine, und genau das gibt Spielern und Fans Hoffnung auf das Wunder von Edmonton: Sie waren lediglich in Spiel zwei wirklich unterlegen. In der ersten Partie verzweifelten sie bei 32:18 Schüssen am überragenden Panthers-Torwart Sergei Bobrowski, in Spiel drei (35:23 Schüsse) waren es, wie McDavid sagte, „ein paar kleine Fehler hier und da – schon steht es 1:4“. Sie können mithalten mit den Panthers, und das wissen sie auch. „Schauen Sie sich um“, sagte der Edmontoner Junge Skinner: „Es gibt in dieser Umkleidekabine Hoffnung, sonst gar nichts.“

Vier Teams haben einen 0:3-Rückstand aufgeholt in der NHL-Geschichte, zuletzt die Kings – nein, nicht die von Gretzky, sondern die 2014 auf dem Weg zum Stanley-Cup-Triumph. Das einzige 0:3-Comeback in der Finalserie gelang den Toronto Maple Leafs gegen die Detroit Red Wings – im Jahr 1942. „Alles, was wir jetzt tun können: am Samstag gut spielen und einen Sieg holen“, sagte McDavid, und er hatte für die Oilers-Fans eine Botschaft bereit, die er so oft wiederholte, dass es fast wie ein Lied klang: „Keep cheering, keep cheering, keep cheering!“ Feuert uns weiterhin an, denn, und dann zitierte McDavid die Comeback-Legende Rocky: „Es ist nicht vorbei, ehe es vorbei ist.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusExklusivEishockey
:Zwei Strafbefehle in Dopingaffäre

Einer der aktuell prominentesten deutschen Dopingfälle weitet sich aus: Die Justiz verhängt gegen den Eishockeyprofi Yannic Seidenberg und seinen Arzt Strafbefehle – beide legen Einspruch ein.

Von Johannes Aumüller

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: