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Editorial:Gegen viele Widerstände

Trikottausch? Kopfbälle mit ondulierter Frisur? Manndeckung? Gerade die mediale Berichterstattung über fußballspielende Frauen war lange voll von Respektlosigkeit.

Von Anna Dreher

An diesem Wochenende begeht der Deutsche Fußball-Bund ein Jubiläum aus einem Anlass, der feierliche Stimmung absolut rechtfertigt und doch sehr grotesk ist. Vor 50 Jahren, am 31. Oktober 1970, hob der Verband bei seinem Bundestag in Travemünde ein seit 1955 geltendes Verbot auf. Von nun an durften auch Frauen in der Bundesrepublik wieder offiziell Fußball spielen - was ihnen davor in Vereinen und auf deren Sportplätzen untersagt war. Wer es doch tat, wurde oft vertrieben, selbst auf kommunalen Anlagen. Gekickt wurde also vor allem mit Jungs auf dem Bolzplatz.

Mit der Erlaubnis des DFB waren zwar längst nicht alle Ressentiments beseitigt und nicht alle Kämpfe um Gleichberechtigung ausgefochten. Das sind sie ja leider bis heute nicht. Aber immerhin ein erster großer Schritt war getan, ohne den viele weitere nicht hätten folgen können. Es ist bezeichnend, dass der DFB sich erst dazu überwand, als sich eine stärkere Konkurrenz in Form eines Alternativbündnisses abzeichnete. Denn längst nicht alle sahen ein Problem darin, dass auch Frauen Fußball spielen wollten. Und so hatten sich auch während des Verbots Teams gebildet, waren Partien im In- und sogar Ausland selbst organisiert worden von Vereinen, die sich das nicht untersagen ließen. Allen Widerständen zum Trotz.

Wie viele Widerstände das damals waren, ist mir bei der Recherche wieder bewusst geworden. Das wurde in den Gesprächen deutlich, die ich mit damaligen Spielerinnen geführt habe, und beim Anschauen von Fernsehausschnitten. Die Belustigung der Zuschauer springt einen geradezu an und ist den sexistischen Kommentaren deutlich herauszuhören: "Was so ein richtiger Fußballbomber ist, hat mehrere Gegner - aber auch mehrere Bälle", hieß es da zum Beispiel. Am bekanntesten dürfte der Auftritt von Moderator Wim Thoelke im ZDF Sportstudio aus dem Jahr 1970 sein . "Decken! Decken! Decken! Nicht Tisch decken! Manndecken - frei von allen kleinlichen Sorgen von Haushalt, Mann und Kinder spielt der Libero dahinten", kommentiert er erst den Beitrag zu einem Spiel. Und bevor er junge Fußballerinnen im Studio begrüßt, leitet er ein mit: "Nun fragt man sich natürlich, also ich frage mich, und ich nehme an, Sie sich auch: Was sind denn das für Mädchen, die das betreiben, und aus welchen Gründen tun sie das, hä?"

Bärbel Wohlleben traf im ersten offiziellen Meisterschaftsfinale mit einem starken Distanzschuss zum 3:0 für den TuS Wörrstadt. Die Zuschauer der ARD-Sportschau wählten ihn im September 1974 zum ersten "Tor des Monats" einer Frau. Endlich Anerkennung! Als die heute 76-Jährige damals im Fernsehstudio war, wollte der Moderator jedoch vor allem wissen, wie das denn mit Kopfbällen sei, "wenn ich an Frisur denke, man ist frisch onduliert, kommt vom Friseur, will abends noch bisschen ausgehen", und wer denn kochen würde, wenn die Frau Fußball spiele. Immer wieder: geballter Chauvinismus, schräge Witze, Respektlosigkeit. Selbst Silvia Neid, die als Spielerin die Achtziger und Neunziger prägte, stellt in einer ARD-Doku fest: "Es ging immer nur um das Gleiche: Trikottausch. So war das."

Aber die Spielerinnen des Wörrstädter Meisterteams von 1974 haben auch erzählt, dass sie aus ihrem unmittelbaren Kreis sowie dem Vereinsumfeld und der Stadt stets unterstützt wurden. Dass ihnen die Sprüche anderer egal waren, dass sie über den Vorurteilen und teils obszönen Bemerkungen standen. Weil eine Aufbruchsstimmung und ein Zusammenhalt unter den Fußballerinnen herrschte und sie schließlich einfach nur eins wollten: Fußball spielen. Keine große Sache, sollte man meinen.

© SZ/bkl
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