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Editorial:Früher war mehr Lametta

FC Bayern München - Eintracht Frankfurt

Die übliche Leere: So sieht die Allianz Arena in München seit bald einem Jahr aus.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Der FC Bayern feiert beim 5:1 gegen Köln im leeren Stadion seinen 121. Geburtstag. Das Fest zum 120. war das bis heute letzte Spiel mit Fans im Stadion. Höchste Zeit für Wehmut.

Von Sebastian Fischer

Für die kölsche Mundart in der Arena des FC Bayern war am Samstag allein der Stadionsprecher zuständig. "Et kütt wie et kütt", sagte Stephan Lehmann nach dem zweiten von fünf Treffern der Münchner beim 5:1 gegen die Gäste vom 1. FC Köln: Es kommt wie es kommt. Vielleicht wollte er mit dem Zitat aus dem Kölschen Grundgesetz die Chancenlosigkeit des Außenseiters verspotten. Vielleicht, das wäre die charmantere Option, wollte er aber auch stellvertretend etwas beitragen, was fatalistische Kölner Fans vielleicht gesagt hätten, wären sie da gewesen. Natürlich waren sie das nicht, zum ersten Mal bei einem Auswärtsspiel des FC beim Rekordmeister.

Lehmann, der Stadionsprecher, hat auch mit einem anderen Beitrag die Erinnerung an Fans im Stadion befeuert. Er gratulierte dem FC Bayern zum 121. Geburtstag, den der Klub genau am Samstag beging. Danach war man in Gedanken natürlich schnell beim runden Geburtstag vor einem Jahr, der dem Spielplan geschuldet in der vergangenen Saison bei einem Heimspiel am 8. März gefeiert wurde, mit einer riesigen Choreografie, mit roten und weißen Transparenten an jedem Platz und viel Lametta. Es war das 2:0 des FC Bayern gegen den FC Augsburg - und bis heute das letzte Spiel in der Allianz Arena, bei dem Zuschauer zugelassen waren. Dann kam die Corona-Krise.

Seitdem sind Fußballspiele für den Zuschauer bis auf wenige Ausnahmen nur noch Fernsehereignisse. Das ist natürlich einerseits sehr plausibel, aber das macht es auch nicht fröhlicher, und deshalb ist etwas Sentimentalität zu diesem traurigen Jubiläum schon gestattet. Im Lokalteil der SZ am Samstag haben Autorinnen und Autoren Erinnerungen an letzte Male aufgeschrieben, an letzte Erlebnisse, als das Coronavirus zwar schon in München war, aber noch nicht so richtig ernstgenommen wurde. Ein Stadionbesuch ist auch dabei, nicht in der großen Arena, sondern in Giesing. Am 29. Februar gewann der TSV 1860 in der 3. Liga mit 4:3 gegen Chemnitz.

"Mit Bratwurstsemmel und Bier in der Hand sitze ich auf der Haupttribüne im Grünwalder Stadion, sogar die Sonne scheint", schreibt Dominik Fürst. 15 000 Menschen sahen damals ein wildes Fußballspiel, das Prince Owusu in der allerletzten Minute der Nachspielzeit entschied. "Durch die Gitterstäbe schüttle ich Trainer Köllner nach dem Schlusspfiff noch die Hand, man machte das damals noch, und gehe zufrieden nach Hause", erinnert sich der Kollege, der übrigens auch ein ausgezeichneter Torhüter des ausgezeichneten FC E-Garten 05 in der Bunten Liga ist, in der jetzt wie überall im Freizeit-, Amateur- und Jugendfußball auch schon wieder monatelang kein Spiel mehr stattfinden durfte - aber das ist eine andere, mindestens genauso traurige Geschichte.

© SZ/Grö
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