Editorial:Außer Atem

Lesezeit: 2 min

25.11.2020, xlakx, Volleyball DVV Pokal, Berlin RECYCLING Volleys - Netzhoppers KW emspor, v.l.am Ball Fabian Wiede (Fu

Bleibt lieber daheim: Der Berliner Fabian Wiede (links) hat seine WM-Teilnahme vorsichtshalber schon mal abgesagt; sein Auswahlkollege Julius Kühn (rechts) aus Melsungen ist noch mit von der Partie.

(Foto: Jan Huebner/Imago)

Die Debatte um die Handball-WM betrifft nur vordergründig Corona-Bedenken: Den Spielern geht die Luft aus, weil sie an der Grenze der Belastbarkeit balancieren.

Von Joachim Mölter

Falls das so weitergeht mit den Corona-Infektionen hierzulande, werden die Handballer noch froh sein, im Januar ihre Weltmeisterschaft in Ägypten spielen zu dürfen - selbst diejenigen, die seit Monaten vehement für eine Verschiebung des Turniers plädieren. Denn falls nach Weihnachten womöglich ein derart harter Lockdown übers Land kommt, dass auch den Profisportlern die Arenen wochenlang zugesperrt werden, dann sind die Handballer zumindest noch auf den Bildschirmen präsent. Riskanter kann es in Ägypten auch nicht sein, wenn schon quasi ganz Deutschland ein Risikogebiet ist.

Der Rekordmeister THW Kiel ist einer der Wortführer in Sachen WM-Absage, immer mit Verweis auf gesundheitliche Gefahren und drohenden Arbeitsausfall, wenn seine Angestellten mit dem Nationalteam unterwegs sind. Nun hat der Klub in dieser Woche seine Mannschaft aber selbst in Quarantäne geschickt, wegen drei Corona-Fällen, die nichts mit der deutschen Auswahl zu tun haben, sondern mit dem eigenen Betrieb, den eigenen Reisen. Dass Kiels Kreisläufer Patrick Wiencek gleichzeitig seine WM-Teilnahme abgesagt hat, weil es sich für ihn "einfach nicht richtig anfühlt, im Januar vier Wochen weit weg von zu Haus zu sein", bündelt in einem einzigen Klub die ganze Widersprüchlichkeit, die in diesem Thema steckt.

Wiencek ist nicht der einzige Nationalspieler, der für die WM abgesagt hat: Franz Semper und Tim Suton fallen wegen Kreuzbandrissen aus, Fabian Wiede verzichtet nach einer Schulter-Operation vorsichtshalber, um einer Überlastung des Gelenks vorzubeugen. 2021 steht ja noch eine Olympia-Qualifikation an und bei Erfolg eine Teilnahme in Tokio - da muss man Prioritäten setzen.

Das Grundproblem des Handballs ist nicht Corona, sondern der übervolle Terminkalender.

So unterschiedlich die Gründe für die WM-Absagen auch sind, sie tangieren alle das Grundproblem des Handballs - und das ist nicht Corona. Gerade die Nationalspieler balancieren an der Grenze der Belastbarkeit: Bundesliga-Spieltag am 26./27. Dezember, Finalturnier der Champions League am 28./29. Dezember, EM-Qualifikationsspiele am 6. und 10. Januar, WM vom 13. bis 31. Januar, Bundesliga am 6./7. Februar. National wie international sind bereits Partien ausgefallen, die im sowieso eng getakteten Terminplan nachgeholt werden sollen. "Die Luft", sagt Uwe Schwenker, Präsident der Handball-Bundesliga, "wird immer dünner."

Kein Wunder bei dem aufgeblähten Programm: Der Weltverband hat die WM von 24 auf 32 Teilnehmer aufgestockt, und er wird nicht absagen, bloß weil Corona-Bedenken in Deutschland laut werden (und im Übrigen nirgendwo sonst); die Bundesliga spielt mit 20 statt 18 Klubs, europäische Wettbewerbe bieten auch keine Entlastung. Wenn keiner bereit ist, Luft rauszulassen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Ballon platzt. Die Spieler sind längst außer Atem, es ist verständlich, dass sie sich wie Wiencek und Wiede ihre Auszeiten lieber freiwillig nehmen, ehe sie gezwungen werden wie Semper und Suton.

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