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E-Sport:Lichtblitze und Chaos

Sitzberger

Gaming-Versteher: 1860-Vizepräsident Hans Sitzberger (Mitte) mit Penta-Manager Andreas Schaetzke (li.) und Profi-Spieler Serkan Atilgan.

(Foto: oh)

Der TSV 1860 München wagt den Einstieg in den E-Sport: Die Löwen treten künftig in der Deutschen Meisterschaft in "League of Legends" an - und sehen sich gleich als Titelfavorit.

Möglicherweise hat es am Stolz der Sechzger genagt: Vergangene Woche startete die sogenannte Virtual Bundesliga die "Club Championship", eine Art Meisterschaft, in der 22 Klubs aus der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga im Computerspiel "Fifa" gegeneinander antreten - ohne den TSV 1860 München, dessen Profis bekanntlich nur in der dritten Liga kicken. Allerdings hatte der Verein auch keinerlei Ambitionen im E-Sport gezeigt - bis jetzt. Am Montag verkündeten die Löwen auf ihrer Internetseite, dass der Klub ab sofort in der Deutschen Meisterschaft im Computerspiel "League of Legends" antreten wird.

Im Gegensatz zu "Fifa" lässt sich dort keinerlei Gemeinsamkeit mit dem Kerngeschäft Fußball ausmachen; League of Legends spielt in einer Fantasywelt abseits vom grünen Rasen, in der Hexen, Ninjas und Monster gegeneinander kämpfen. Jeder der fünf Spieler eines Teams steuert eine Spielfigur, genannt Champion, um eine gegnerisches Mannschaft aus ebenfalls fünf Spielern zu besiegen. Für Laien ist das schnelle Spiel nur schwer nachvollziehbar, auf den ersten (und auch den zweiten) Blick sieht man nur Lichtblitze und Chaos.

Daher haben andere Fußballklubs, wie zum Beispiel der VfB Stuttgart, der VfL Bochum oder Bayer Leverkusen, einen softeren Einstieg in den E-Sport gewählt: Sie beschäftigen zwar schon länger eigene Fifa-Profis, aber an fußballfremde Computerspiele haben sie sich noch nicht herangewagt. Offenbar befürchten die Vereine, dass die Schnittmenge zwischen Fußballfans und Gaming-Fans nicht groß genug sein könnte. Das sieht Robert Reisinger, Präsident des TSV 1860, anders: "Wir sind zuversichtlich, dass sich die Investition auszahlt, über Trikotwerbung und Trikotverkäufe, und auch über neue Vereinsmitglieder."

Viele Sportfunktionäre - so zum Beispiel auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) - haben immer noch ein Problem damit, Spiele, die nicht "die digitale Simulation von Sport aus der realen Welt" sind, als E-Sport zu bezeichnen. Alle anderen Computerspiele - zum Beispiel League of Legends - gelten nur als "eGaming" und können daher nicht als Sportart anerkannt werden. Bayern-Präsident Uli Hoeneß geht noch weiter: "Ich sehe ein großes Problem auf uns zukommen", sagte er in Hinblick auf E-Sport auf einer CSU-Veranstaltung im vergangenen Sommer: "Das darf auf keinen Fall olympisch werden." Aus Sicht vieler Gamer verdeutlicht das nur, dass die alten Herren des Sports die Leidenschaft der Jungen nicht verstanden haben.

Nun gibt sich also der TSV 1860 München e.V. als Gaming-Versteher - ohne vorher irgendeine Berührung mit dem Thema E-Sport gehabt zu haben. Vereinsmanagerin Viola Oberländer sagt dazu: "Wir wollen Trend und Tradition vereinen. E-Sport ist ein großer Sektor und wir wollen die Jugend nicht verlieren."

Dafür hat sich der Klub Hilfe von dem erfahrenen E-Sport-Team Penta Sports geholt, dessen Geschäftsführer laut Reisinger "ein Tiefblauer" ist und selbst auf 1860 zukam. Das 2013 gegründete Unternehmen mit Sitz in Berlin hat Profispieler in League of Legends, Fifa sowie in den beiden Online-Shootern "Rainbow Six" und "Fortnite" unter Vertrag. Die Kooperation mit den Sechzgern beschränkt sich auf League of Legends. Spieler sowie Trainer und Analysten, die mittlerweile fester Bestandteil jedes professionellen E-Sport-Teams sind, hat Penta für die Kooperation mit 1860 zu einem elfköpfigen Team zusammengestellt. Wie im Profifußball kommen die E-Sportler aus ganz Europa: aus Deutschland, Österreich, Spanien und Estland. Unter dem Namen "Penta 1860" kämpfen sie in einer von E-Sport-Veranstalter ESL ausgerichteten Liga mit neun anderen Teams um die deutsche Meisterschaft.

Als Vorbild, wie das Engagement der Sechzger im E-Sport langfristig aussehen könnte, gilt vermutlich der FC Schalke 04. Der Bundesligist aus dem Ruhrgebiet wagte schon vor zwei Jahren den Sprung in den E-Sport. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben sich die Schalker zu einer festen League-of-Legends-Größe gemausert. Sie spielen in der höchsten europäischen Liga des Computerspiels, der League of Legends European Championship (LEC). Allerdings kostete der Startplatz in dieser Liga 8,5 Millionen Euro.

Für ein derartiges Investment dürften den finanziell gebeutelten Münchner Löwen auch in den kommenden Jahren noch die Mittel fehlen. Dennoch scheint der Verein sein Engagement ernst zu meinen: Neben dem Profibereich soll auch Raum für Breiten-E-Sport im Verein entstehen. "Wir wollen den Fans die Möglichkeit geben, bei uns League of Legends zu spielen", sagt Oberländer. Vorstellbar sei, dass auch "Fifa" ins Angebot mit aufgenommen wird. Shooterspiele schließt die Vereinsmanagerin dagegen aus. Für Interessierte sollen Online-Trainingsmöglichkeiten und Tutorials zur Verfügung stehen. Oberländer sagt: "Alle Mitglieder sollen vom E-Sport profitieren." Auch diejenigen, die sich nicht für Computerspiele interessieren. Mit Geld, das der E-Sport generiert, könnte zum Beispiel die Box-Abteilung querfinanziert werden: "Das ist ausdrücklich vertraglich so festgelegt."

Vorerst stehen natürlich die neuen Gaming-Profis im Rampenlicht: Schon an diesem Mittwochabend hat Penta 1860 sein erstes Ligaspiel. Wie von den Löwen kaum anders zu erwarten, sind die Ambitionen hoch: Man gelte als Favorit auf die Deutsche Meisterschaft, heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung von Penta und dem TSV. Die Konkurrenz in der Liga ist allerdings groß, es könnte deshalb gut sein, dass es mit dem Meistertitel auch bei League of Legends nichts wird. Doch Enttäuschungen sind 1860-Fans ja gewöhnt.

© SZ vom 23.01.2019
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