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E-Sport:Kein Platz im Teamhaus

Fortnite World Cup in New York

Männerlastige Domäne: Spieler beim Fortnite-World-Cup in New York.

(Foto: Benedikt Wenck/dpa)

Frauen haben grundsätzlich die gleichen Voraussetzungen wie Männer - trotzdem schaffen es nur wenige Spielerinnen an die Spitze. Warum ist das so?

Die Turniere füllen Arenen, die Spieler kassieren bisweilen Millionen: E-Sport boomt längst auch in Europa. Die große Mehrheit der Gaming-Profis sind Männer, das ist auch an diesem Wochenende beim Fifa-eWorld Cup in London nicht anders. Manchmal gibt es auf großen E-Sport-Veranstaltungen gesonderte Turniere, bei denen reine Frauenteams unter sich spielen. Die Preisgelder sind meist geringer, die Sponsoren weniger großzügig. Überhaupt kommt den E-Sportlerinnen weniger Aufmerksamkeit entgegen als ihren männlichen Kollegen.

Seit Ende April gibt es im eSport-Bund Deutschland (ESBD) deshalb die Arbeitsgruppe "Gender Diversity im eSport", die sich für mehr Gleichberechtigung einsetzt. Kristin Banse, 23, und Jin-A Shim, 29, die hauptberuflich in einer Berliner E-Sport-Agentur arbeiten, repräsentieren die Gruppe als ehrenamtliche Sprecherinnen; ebenso Jana Möglich, 28, die bis 2014 unter dem Namen "Evolet" aktive E-Sportlerin war und als Online-Managerin für eine Spendenplattform in Kiel tätig ist.

Die Toleranzschwelle für sexistische Bemerkungen sei im E-Sport sehr hoch, sagt Kristin Banse. Sie erzählt von einem League-of-Legends-Turnier, auf dem einer ihrer Gegenspieler anmerkte, Frauen gehörten in die Küche. Ihr Team meldete das der Turnierleitung. Die habe jedoch kein Problem damit gesehen - obwohl sexistische Äußerungen laut Regelwerk verboten gewesen seien. Der Umgangston sei in der Szene allgemein ruppig, gerade weil die Spieler online anonym aufeinander treffen. Dadurch seien auch Männer oft Anfeindungen ausgesetzt. Der Unterschied liege darin, dass die Ruppigkeiten gegenüber Frauen fast ausschließlich gegen deren Geschlecht gerichtet seien. "Bei uns Frauen ist es so kanalisiert sexistisch. Und dadurch, dass Sexismus auch in anderen Lebensbereichen präsent ist, werden Frauen beim Einstieg in den E-Sport extrem verunsichert", erklärt Möglich.

Hinter den Kulissen des E-Sports nehmen Frauen teils hohe Positionen ein, sei es im Finanzbereich oder Marketing von Klubs und Organisationen oder auf Turnieren als Kommentatorinnen oder Moderatorinnen. Die Bühne des aktiven Sports wird jedoch Männern überlassen. "Aktuell werden Frauen im E-Sport nicht an Vorbildpositionen gesetzt", findet Banse. Solch ein Ideal fehlte vielen jungen Spielerinnen.

Prinzipiell ist es zwar nicht verboten, dass Frauen in professionellen Teams und den großen Ligen mitspielen - anders als in körperlichen Sportarten können Männer und Frauen im E-Sport unter den exakt gleichen Bedingungen gegeneinander antreten. Umso erstaunlicher ist es, dass das so selten der Fall ist. Zumal der Trend in anderen Sportarten derzeit eher zu Mixed-Wettbewerben geht.

Die Infrastrukturen im E-Sport sind oft nicht auf Frauen ausgelegt. In vielen professionellen Teams ist es üblich, dass die Spieler in Teamhäusern trainieren und zusammenleben, meist mit wenig Privatsphäre in Zweier- oder Dreierzimmern. Frauen - seien es Teamkolleginnen oder die Partnerinnen der Spieler - gelten als Ablenkung vom Trainingsalltag. Einige Manager seien strikt dagegen, Frauen ins Team zu holen, weil das zwischen den Spielern, die häufig noch im Teenageralter sind, zu Reibereien führen könnte, sagt Möglich: "Wenn die Teammanager, die darüber entscheiden, welche Spielerinnen und Spieler angeworben werden, solche Einstellungen haben, dann ist es ja kein Wunder, dass so wenige Mädchen in Pro-Teams sind."

So bleiben für viele E-Sportlerinnen, die den Sprung in den Profibereich schaffen wollen, als Alternative fast nur die rein weiblichen Teams. Lena Babic war bis 2013 unter dem Pseudonym "Shushu" Teil des damaligen Counter-Strike-GO-Frauenteams des Computer-Versandhändlers Alternate. Als sich das Team auflöste, beschloss die 25-jährige Nürnbergerin, sich auf die Ausbildung zu konzentrieren. "Damals war das Preisgeld nicht so hoch, dass man sagen kann, man hätte das hauptberuflich machen können", sagt sie. Daher wünscht sie sich für Frauenturniere eine größere Plattform und höhere Preisgelder - bei den diesjährigen Copenhagen Games, einer internationalen E-Sport-Veranstaltung, war das Preisgeld im Counter Strike-Wettbewerb der Männer fast dreimal so hoch wie das der Frauen.

Viele Frauen glauben, dass sie im E-Sport noch sehr alleine dastehen

Die Arbeitsgruppe des ESBD arbeitet darauf hin, diese Turniere möglichst überflüssig zu machen. "Das Ziel soll sein, dass sowohl Frauen als auch Männer an ihrer spielerischen Leistung gemessen werden und auch in gemischten Teams antreten können", sagt Möglich, die sich schon in ihrer Masterarbeit mit der Problematik befasste. Trotzdem hätten Frauenturniere durchaus noch ihre Berechtigung: Für Einsteigerinnen könnten sie einen geschützten Bereich darstellen, um sich im E-Sport auszuprobieren, mit Ligastrukturen und anderen Spielerinnen in Kontakt zu kommen. Auf einem höheren Niveau kann eine Trennung nach Geschlechtern allerdings den umgekehrten Effekt haben: Wo es weniger Konkurrenz gibt, braucht es auch eine geringere Leistung, um es an die Spitze zu schaffen. Deshalb würden Frauenturniere in der Männer-Szene noch oft belächelt.

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es allerdings kaum Profispielerinnen, die sich auf dem gleichen Niveau bewegen wie die Männer. In der Overwatch League, der internationalen Profi-Liga für dieses Videospiel, ist unter rund 200 Spielern eine Frau. Die Südkoreanerin Se-yeon "Geguri" Kim spielt seit der aktuellen Saison für die Shanghai Dragons. "Ich glaube, es gibt Spielerinnen, die auch die Leistung bringen würden, wenn sie die Chance bekommen würden, in einem gemischten Team zu spielen", sagt Ex-Spielerin Babic.

Generell zeichnet sich in der E-Sport- und Gaming-Szene ein zunehmend größeres Bewusstsein für das Thema Diversität ab. Im österreichischen E-Sport-Verband gibt es seit vorigem Jahr eine Genderbeauftragte. Auch in den USA haben sich Initiativen wie "Any Key" oder "Women of eSports" gebildet. Vor dem Hintergrund, dass sich der ESBD bemüht, E-Sport von der Bundesregierung und dem DOSB offiziell als Sportart anerkennen zu lassen, ist es für Möglich eine "logische Konsequenz, dass der E-Sport sich immer mehr an öffentlichen Strukturen orientiert" und sich um Gleichberechtigung kümmert.

Für die Arbeitsgruppe des ESBD geht es zunächst darum, sich zu vernetzen. Im Gruppenchat und bei Treffen, die mehrmals im Jahr geplant sind, sollen sich die weiblichen Mitglieder der Gaming-Szene austauschen. "Viele Frauen, gerade im Online-Gaming, glauben, dass sie noch sehr alleine dastehen, wenn sie anfangen, sich an E-Sport heranzutasten", sagt Möglich. Das sei aber nicht mehr so - laut dem Branchenverband Game ist knapp die Hälfte der Spieler weiblich. Nur ein Bruchteil von ihnen sucht allerdings bisher den Wettkampf.

© SZ vom 03.08.2019
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