bedeckt München 16°
vgwortpixel

Dynamo Dresden:"Das Recht wurde bis an die äußerste Grenze gedehnt"

Razzia gegen Dynamo-Fans wegen Ausschreitungen in Karlsruhe

Martialisches Bild im Mai 2017: Die Fans von Dynamo Dresden im Camouflage-Look beim Auswärtsspiel in Karlsruhe.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)
  • Bis zu 30 000 Fans von Dynamo Dresden wollen im DFB-Pokal ihre Mannschaft bei Hertha BSC unterstützen.
  • Doch vor dem Pokalduell in Berlin werden Dynamo-Anhänger vor Gericht wegen eines wilden Fanmarschs hart bestraft.
  • Hier geht es zu allen Ergebnissen des DFB-Pokals.

Bis zu 30 000 Fans von Dynamo Dresden werden am Mittwoch in die Bundeshauptstadt fahren, um sich das Pokalspiel ihres Teams gegen Hertha BSC anzuschauen. Solche Massen mobilisiert auswärts kaum ein Bundesligist - was einer der Gründe ist, warum die Fanszene des abstiegsbedrohten Zweitligisten als eine der schillerndsten der Republik gilt. Ein anderer Grund ist das nicht ungern selbstgepflegte "Bad-Guy-Image", das sich der harte Kern der Dresdner Fanszene zuletzt im Mai 2017 bestätigen ließ.

Damals marschierten 2300 Dynamo-Fans im Camouflage-Look zum Karlsruher Wildparkstadion, orchestriert von bengalischen Fackeln und Böllerschlägen. Die martialischen Bilder, die dieser Fanmarsch lieferte, sollten das Motto "Krieg dem DFB" veranschaulichen. Bei vielen Passanten verursachten die als Soldaten verkleideten Fans aber schlicht und einfach Angst, 22 Polizisten wurden an diesem Nachmittag verletzt - durch eigene Polizeipferde, aber auch durch Böllerwürfe, die Knalltraumata hervorriefen.

Champions League Drei Verletzte und Zaunfahnen als Beute
Randale in der Youth League

Drei Verletzte und Zaunfahnen als Beute

Vermummte gehen beim Youth-League-Duell zwischen Olympiakos Piräus und Bayern auf Gäste-Fans los - die Uefa ermittelt. Augenzeugen glauben an eine organisierte Gewaltaktion.

Dass nun, nach mehr als zwei Jahren andauernden Ermittlungen, die Strafbefehle dazu in Sachsen eintreffen, würde wohl nicht mal Fan-Aktivisten empören - sofern sie den Menschen gelten würden, die damals diese Böller geworfen haben. Doch deren Personalien konnten nicht ermittelt werden. Stattdessen bekamen nun diejenigen Fans Post, die die Behörden für die Organisatoren des Fanmarsches halten: der Capo von "Ultras Dynamo"; jener Fan, der die Shirts verkauft hatte - und ein paar Dutzend andere Dynamo-Anhänger, deren Identität die Polizei nach einer Razzia im Winter 2017 feststellte, bei der sie unter anderem Handys und Spielkonsolen von 28 Fans konfiszierte.

Aus Angst vor neuen hohen Kosten wird auf eine Revision verzichtet

Fast alle der insgesamt 57 Beschuldigten, die Post aus Karlsruhe bekamen, erwarten nun harte Strafen. Die vermeintlichen Organisatoren des Fanmarsches haben sogar Gefängnisstrafen auf Bewährung erhalten, die Geldstrafen bewegen sich zwischen 900 und 10 000 Euro. Den Höchstsatz muss ausgerechnet der Capo Stefan L. bezahlen, dessen Anwaltskosten sich zudem bereits auf 14 000 Euro belaufen und der wie die anderen Fans auf eine Revision verzichtet. Denn die würde womöglich eine wochenlange Anwesenheit in Karlsruhe erfordern und könnte weitere Verfahrenskosten von bis zu einer Million Euro für alle Verfahren nach sich ziehen.

Die Anwältin Angela Furmaniak, die einzelne Fans vertritt, hat Verständnis dafür, dass die meisten Anhänger die Strafen zähneknirschend akzeptieren wollen, schließlich sei die Angst vor weiteren hohen Kosten nicht unbegründet: "Aus meiner Sicht als Strafverteidigerin hätte es mich aber gereizt, die Verfahren vor Gericht zu verhandeln. Hier wurde das Recht schon bis an die äußerste Grenze gedehnt."

Dass Fans verurteilt werden können, von denen in den meisten Fällen sogar die Staatsanwaltschaft nicht behauptet, dass sie sich individuell etwas zuschulden hätten kommen lassen, beruhe auf der "Argumentation, dass die angeblichen Organisatoren des Fanmarschs für alles, was dort geschehen ist, verantwortlich sind, auch wenn sie nicht selbst gewalttätig geworden sind", schlussfolgert Furmaniak: "Ich wüsste allerdings nicht, dass diese Rechtsfigur schon einmal außerhalb des Fußballs angewandt wurde."

Zudem wertet die Staatsanwaltschaft den Dresdner Fanmarsch als politische Kundgebung, was den Vorwurf ermöglicht, gegen das Uniformierungsverbot verstoßen zu haben. Der Vorsänger L., der den Fanmarsch per Megafon dirigiert hatte und am Spieltag durchgehend von Handy- und Polizeikameras gefilmt worden war, wurde am härtesten von allen Fans bestraft - empörend, wie er meint: "Körperverletzung? Jeder konnte sehen, dass ich genau das nicht gemacht hatte. Ich habe niemanden verletzt und auch niemanden dazu animiert", betont L.

Zur SZ-Startseite