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Dynamo Dresden:Drei Auswärtsspiele in sechs Tagen

Dynamo Dresden - VfB Stuttgart

Gekämpft, aber verloren: Ondrej Petrak im Duell mit Marc VfB-Spieler Oliver Kempf

(Foto: Robert Michael/dpa)

Nach zweiwöchiger Quarantäne kehrt Dynamo Dresden als letztes Team in die 2. Liga zurück: mit einer Niederlage, jeder Menge Schmerzen - aber auch mit ein bisschen Hoffnung.

Zur Fußballtradition in Dresden gehört es, mit dem Kehren nicht immer vor der eigenen Haustür zu beginnen. Munterster Beleg dafür ist noch immer die in der Region legendäre Begegnung des Import-Funktionärs Willi Konrad mit einem Journalisten ("Dreckschwein"), im Grundsatz wiederum brachten es Freunde von Energie Cottbus auf den Punkt, als sie zu einem Jubiläum von Dynamo per Transparent ihrer Fremdwahrnehmung Ausdruck verliehen - "60 Jahre und immer sind die anderen schuld". Wer die Botschaft nicht sofort verstanden hatte, konnte in einem Begleitschreiben nachlesen, gemeint sei das "ständige .

.. Rumgeheule" in Dresden. Am Pfingstsonntag kehrte die Sportgemeinschaft Dynamo mit einem 0:2 gegen den VfB Stuttgart als letztes Team der beiden höchsten deutschen Fußball-Ligen in den Spielbetrieb zurück. Die Umstände der Niederlage geben Anlass zum Hoffen, aber auch zu einem leisen Wimmern, das mit Heulen oder gar Rumheulen nicht verwechselt werden sollte. Hoffnung ließe sich ableiten, bildete man einen speziellen Dresdner Corona-Quotienten aus Vorbereitungsqualität einerseits und Spielverlauf andererseits. "Wir kommen vom Balkon", hatte Cheftrainer Markus Kauczinski vor dem Spiel gesagt. Nach vier positiven Corona-Tests war seine Mannschaft vom örtlichen Gesundheitsamt in eine zweiwöchige Quarantäne geschickt worden, nur eine Woche gemeinsamen Trainings blieb Dynamo, um 84 Tage nach dem letzten Ligaspiel, einem 2:1-Heimsieg gegen den FC Erzgebirge Aue, wieder aufzulaufen.

"Für das, was wir momentan im Tank haben, war das gut", findet Trainer Kauczinski

Es spielte am Sonntag also der Tabellenletzte mit kalten Knochen gegen den Tabellenzweiten, der sich gerade erst mit einem Sieg gegen den direkt konkurrierenden HSV auf erhöhte Temperatur gebracht hatte. Das 0:1 für diesen Aspiranten fiel tendenziell glücklich (Al Ghaddioui, 18.), das 0:2 spät (Churlinov, 88.) und zudem in einer Phase, in der ein Ausgleich zumindest denkbar gewesen war. "Für das, was wir momentan im Tank haben, war das ein gutes Spiel", urteilte Kauczinski zutreffend; er konnte als Erkenntnis auch mitnehmen, das seine Mannschaft konditionell weit weniger deutlich unterlag, als zu befürchten gewesen war.

Gerade diese zumindest gefühlte Fast-Augenhöhe, mit der Dynamo gegen Stuttgart spielte, ist es allerdings, die in Dresden noch einmal den Blick freilegte auf den Irrwitz zu eigenen Ungunsten, den man im Spielplan für die restliche Saison lesen muss. Zuvor hatten sich die Beteiligten nach Kräften und erfolgreich bemüht, ja nicht rum zu heulen. Geschäftsführer Ralf Minge, 59, dessen zum 30. Juni auslaufender Vertrag nicht verlängert wird, wie Dynamo am Montagabend bestätigte, hatte darum gebeten, die besondere Situation "als positive Motivation" zu begreifen; auch die Dynamo-Ultras hatten, nach Art des Hauses mit viel Rauch und Feuer, am Vorabend des Stuttgart-Spiels mit einem Spruchband aus einem Sicherheitsabstand von etwas mehr als einer Flussbreite (Elbe) vom anderen Ufer Richtung Mannschaftshotel gegrüßt: "Wir zusammen gegen den Rest der Welt!"

Das große Wunschwunder in Dresden bleibt trotz aller Aussichtsarmut der Nichtabstieg. Nun könnte man fragen: Was wäre es psychologisch wert gewesen, wenn Dynamo nicht in der Quarantäne der direkten Konkurrenz beim Punkten hätte zuschauen müssen? Wäre, mit etwas mehr Vorbereitungszeit, gegen Stuttgart vielleicht tatsächlich ein Punkt drin gewesen?

Das Gute am Schlechten ist, dass für so ein Hätte-wäre-wenn keine Zeit bleibt. Neun Spiele in 29 Tagen sieht der Plan für Dynamo vor, und den Verweis auf englische Normalitäten kann jetzt schon keiner mehr hören. Es ist eben ein Zweitligist mit entsprechendem Kader, der dieses Programm nun zu absolvieren hat, und kein Mensch weiß, wie dieser Kader die anstehenden, na ja, angelsächsischen Wochen überstehen wird. Am Sonntag sagte Kauczinski, man werde sich morgen erholen, übermorgen trainieren und dann nicht etwa der Königin ihr Kind holen, sondern leider nur nach Hannover fliegen, dort geht es am Mittwoch schon weiter. Und Hannover wird ja noch gar nichts gegen das, was Kauczinski längst seine "Lieblingswoche" genannt hat: drei Auswärtsspiele in sechs Tagen, in Bielefeld, Kiel, Sandhausen.

Dies wissend, sagte Kauczinski auch, man werde wohl "vorerst damit leben müssen, dass nicht jeder in jedem Moment gleich behandelt werden kann". Das zeigt Größe, und womöglich gelingt es Dresden, den Unmut in sportlich wertvollen Trotz zu übersetzen. Dann könnte am Rande auch ein positiver Grund zu den eher zweifelhaften Gründen kommen, den Wikipedia-Artikel zum Begriff "Geisterspiel" weiterhin mit dem Dynamo-Stadion zu bebildern.

© SZ vom 02.06.2020/sonn
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