Weltrekord von Armand Duplantis:In immer dünnerer Luft

Lesezeit: 3 min

Armand Duplantis

Drüber: Armand Duplantis überspringt die Latte in 6,21 Metern Höhe.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Der Schlusstag der Leichtathletik-WM hat nochmals zwei Weltrekorde zu bieten, einen davon liefert wieder Stabhochspringer Armand Duplantis. Er überfliegt 6,21 Meter - und es sieht nicht so aus, als wäre er am Limit angekommen.

Von Johannes Knuth, Eugene

Neulich wurde der Stabhochspringer Armand "Mondo" Duplantis gefragt, ob er eigentlich süchtig sei. So ein Sprung über sechs Meter mit einem Kunststoffstab, mache das einen nicht irgendwann auch zum Abhängigen? Duplantis überlegte nicht lange, er sagte so trocken wie immer: "Es ist eher die Sucht, eine Bestätigung darin zu finden, dass es weitergeht. Du willst im Leben nie stehen bleiben, egal, was du tust, auch wenn es nur um Zentimeter geht." Und in seinem Beruf sei es mittlerweile nun mal so, dass es dann, wenn es bei ihm wieder einen Zentimeter höher gehe, ein neuer Weltrekord dabei abfällt.

Am Sonntag, am letzten Tag der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Eugene, war es mal wieder so weit: 6,21 Meter überquerte der 22-Jährige, einen Zentimeter mehr, als er im Frühjahr in der Halle geschafft hatte (der Weltverband lässt im Stabhochsprung Rekorde im Freien und in der Halle gleichermaßen zählen). Duplantis hüpfte von der Matte, malte auf der Laufbahn einen Salto in die Luft, so ekstatisch hat man ihn noch nicht oft gesehen. Dabei habe er diesmal gar nicht so sehr an den Rekord gedacht, sagte Duplantis später, er wollte einfach diesen WM-Titel gewinnen. Weltmeister war er bis zum Sonntag nämlich tatsächlich noch nicht.

Es war, im übertragenen wie wörtlichen Sinn, der finale Tusch dieser WM und eines Leistungsfeuerwerks, das mit bisherigen Maßstäben immer schwerer zu fassen ist. Die Nigerianerin Tobi Amusan war die 100 Meter Hürden wenige Stunden zuvor in 12,12 Sekunden gerannt, ein Weltrekord im Halbfinale, und ihre 12,06 Sekunden im Finale fanden nur deshalb keinen Einzug in die Rekordbücher, weil der Rückenwind zu stark blies. Willkommen in der neuen Leichtathletik-Welt, in der Zeiten, die man früher in die Videospielkonsole hämmerte, Realität werden.

Weltrekord von Armand Duplantis: Tobi Amusan läuft bereits im Halbfinale über die 100 Meter Hürden Weltrekord - ihre Bestzeit im Finale wird wegen zu starken Rückenwinds nicht anerkannt.

Tobi Amusan läuft bereits im Halbfinale über die 100 Meter Hürden Weltrekord - ihre Bestzeit im Finale wird wegen zu starken Rückenwinds nicht anerkannt.

(Foto: Chai von der Laage/Imago)

Duplantis' Flüge in immer dünnere Höhenluft wirken insofern noch plausibel, weil der Schwede in einem Wettkampf steckt, den er vor sehr langer Zeit schon gewonnen hat. Er eiferte als Kind seinen Brüdern nach, der Vater, früher selbst Stabhochspringer, baute eine Anlage in den Garten. Irgendwie schafften es die sportbegeisterten Eltern, den Sohn mit Freude durch den Sport toben zu lassen, ohne dass er durch frühen Drill ausbrannte. Duplantis erwarb so fast nebenbei die Bewegungen einer Kunst, die viele erst später erfassen, und die selbst Weltmeistern und Olympiasiegern immer wieder entgleitet, so komplex ist diese Disziplin: der Anlauf mit dem Stab, Einstich, das Heraufturnen in fünf, sechs Meter Höhe.

Heute springt Duplantis Stäbe von einer Härte, die er nur biegen kann, weil er so viel Geschwindigkeit beim Anlauf und Einstich in den Stab steckt wie kaum ein anderer. Er hat diese Bewegungen verinnerlicht, es ist ein Guthaben, das er im Grunde nur selbst verspielen kann, sollte er sich verletzten oder die Lust verlieren.

Nicht, dass es auf absehbare Zeit danach aussähe. "Ich glaube, dass ich schon ein paar großartige Dinge getan habe", sagte er vor ein paar Wochen bei einer Presserunde, "aber ich habe immer das Gefühl, dass noch mehr zu tun ist." Und, auch das ist nicht selbstverständlich: Er habe gelernt, dass man manchmal Abstand von der Sache braucht, die man am besten kann. Vor allem, scherzte er, wenn das bedeute, dass er seinen Vater, der ihn bis heute trainiert, einmal aus den Augen bekomme.

Weltrekord von Armand Duplantis: Zentimeter für Zentimeter verbessert Duplantis die Bestmarke - zuletzt im Januar in der Halle.

Zentimeter für Zentimeter verbessert Duplantis die Bestmarke - zuletzt im Januar in der Halle.

(Foto: Christian Petersen/AFP)

Als ihn ein Reporter neulich noch fragte, wie Duplantis es beurteile, dass immer mehr Spitzenathleten von ihren mentalen Kämpfen mit sich selbst berichten, wie 200-Meter-Weltmeister Noah Lyles etwa - da gewährte der 22-Jährige einen seltenen Einblick in sein Seelenleben. Er sei vor seinem Olympiasieg vor einem Jahr "fast verrückt" geworden, sagte er, denn: "Wenn ich das nicht gewonnen hätte, wären sehr viele Leute sehr enttäuscht gewesen. Dass so viel Last auf einem Tag liegen kann, die kleinste Kleinigkeit alles zerstört - das habe ich so noch nie erlebt." Er könne jetzt jedenfalls "voll und ganz verstehen", wenn Athleten unter diesem Druck zusammenbrechen.

"Seitdem", sagte Duplantis, "fühlt sich alles, was ich tue, wie ein Bonus an."

Die Probleme sind jetzt andere. 6,22 Meter als nächstes, ganz sicher. Vor der WM hatte er sich auch noch an den Augen operieren lassen; er habe keine Lust mehr auf Kontaktlinsen gehabt, sagte er. Er habe einst die Geschichte des US-Springers Jeff Hartwig mitbekommen, der sich die US-Meisterschaften vermasselte, weil seine Kontaktlinsen in trockener Luft unbenutzbar waren. "Seitdem war ich ein bisschen paranoid", sagte Duplantis, aber dieses Problem ist nun ja auch gelöst.

Wohl dem, der solche Sorgen hat. Und jetzt einen noch besseren Durchblick.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB