Die Amtszeiten des Fußballexperten Sven Mislintat sind zuletzt dramatisch eingebrochen. Bei Ajax Amsterdam war der 53-Jährige vor drei Jahren nur vier Monate als Technischer Direktor im Amt. Borussia Dortmund hat sich vor einem Jahr nach gerade mal neun Monaten wieder von ihm getrennt. Und am Dienstag hat Fortuna Düsseldorf nach dem vorangegangenen Abstieg in die dritte Liga mitgeteilt, dass man sich nach lediglich fünf Monaten wieder von Sportvorstand Mislintat trennt.
„Manchmal entwickeln sich die Dinge im Leben anders als gewünscht“, wird Mislintat in einer Vereinsmitteilung zitiert: „Der Abstieg und seine Auswirkungen haben uns alle brutal getroffen. Wir haben diskutiert, welche Schlüsse wir daraus ziehen müssen, und dabei festgestellt, dass wir unterschiedliche Auffassungen haben.“
Könnte sein, dass sie bei der Fortuna im Moment selbst nicht so genau wissen, welche Auffassung sie eigentlich haben sollen. Als der Düsseldorfer Unternehmer Björn Borgerding, 44, Ende 2023 als Vorsitzender des Aufsichtsrats bestätigt wurde, hatte er kurz zuvor gesagt: „Um dauerhaft und nachhaltig erfolgreich zu sein, braucht dieser Verein Stabilität, Kontinuität und Ruhe.“ In einem Vereins-Fragebogen hatte er damals geschrieben: „Wenn wir weiter unaufgeregt und seriös arbeiten, dann werden wir die nächsten Schritte in unserer wirtschaftlichen Entwicklung gehen.“
Nun hat Fortuna Düsseldorf in den vergangenen Monaten folgende Eigenschaften nicht bewiesen: Stabilität, Kontinuität, Ruhe und Unaufgeregtheit. Von Mislintat, der sein Amt erst im Dezember angetreten hatte, trennte sich der Klub nun nach nur 162 Tagen. Im April hatte Fortuna den Trainer Markus Anfang nach 188 Tagen im Amt entlassen und durch Alexander Ende ersetzt. Und bevor im Dezember der Ur-Düsseldorfer Klaus Allofs, 69, mehr oder weniger freiwillig als Sportvorstand zurückgetreten war, hatte er über die vom sportlichen Misserfolg erschütterte Vereinspolitik gesagt: „Manchmal sollte man ein bisschen mehr Durchhaltevermögen zeigen, mehr Kontinuität.“
„Die Atmosphäre im Verein ist derzeit nicht leistungsfördernd“, sagte Klaus Allofs zum Abschied
Am vorletzten Sonntag ist die Fortuna dann schmerzhaft in die dritte Liga abgestiegen. In dieser äußerst herausfordernden Klasse werden die wirtschaftliche und sportliche Zukunft des Traditionsvereins auf dem Prüfstand stehen. Eine zeitnahe Rückkehr in die zweite Liga ist für Düsseldorf geradezu unabdingbar. Traditionsklubs wie Rot-Weiss Essen, der MSV Duisburg oder Preußen Münster sind in vergleichbaren Lagen aber auch schon mal in die vierte Liga durchgerutscht. Alle drei schafften früher oder später die Rückkehr in den Profifußball: Duisburg nach einem Jahr, Münster nach drei Jahren, Essen erst nach 14 Jahren.
Klaus Allofs hatte sich im Dezember von seinem Herzensklub mit den Worten verabschiedet: „Die Atmosphäre im Verein ist derzeit nicht leistungsfördernd.“ Fünf Monate später stieg Düsseldorf in die dritte Liga ab. Dieser Abstieg ist freilich auch die Konsequenz eines im vergangenen Sommer von Allofs und dem damaligen Trainer Daniel Thioune nicht gut zusammengestellten Kaders. Zudem wurde offenbar versäumt, die wichtigsten Spieler einen auch für die dritte Liga gültigen Vertrag unterzeichnen zu lassen. Nun verfügt der Klub nur noch über einen rudimentären Kader.
Der Mann, der den Karren als Mislintats Nachfolger aus dem Dreck ziehen soll, heißt Samir Arabi. Der 47 Jahre alte Aachener war bis März 2023 zwölf Jahre lang Sportchef bei Arminia Bielefeld. In dieser Zeit stieg die Arminia von der dritten Liga bis in die Bundesliga auf, ehe sie in einem Rutsch wieder in die dritte hinabstürzte. In der Phase des Absturzes wurde Arabi entlassen. Er kennt sich also aus mit den Parabelflügen eines Traditionsklubs: mit Steigflügen und Abschwüngen. Über seinen neuen Job bei der Fortuna sagt Arabi: „Die Aufgabe ist anspruchsvoll!“
Im Wahlkampf für den Aufsichtsratsvorsitz hatte Borgerding vor drei Jahren gesagt: „Wirtschaftliche Stabilität und Vernunft steht über allem; der Verein war leider oft genug in gefährlichen Schieflagen – diese Zeit wünscht sich niemand zurück.“ Genau diese Zeit hat der Klub jetzt aber zurück.


