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Paul Drux bei der WM:Drux findet: Handball hat ein strukturelles Problem

Im Grunde ist er ja genau damit erwachsen geworden: dass das Leben Situationen bereithält, die nicht immer komfortabel sind und die einen vor Aufgaben stellen. Er habe durch die vielen Verletzungen auch was fürs Leben gelernt, sagt der 23-Jährige: "dass es außerhalb des Handballs noch ganz viele andere Sachen gibt." Nach dem Abitur im Internat hat er sich für Wirtschaftsinformatik eingeschrieben, um beständig auch was für den Kopf zu tun. Seit er sportlich öfter pausieren muss, betreibt er sein Studium "mit mehr Nachdruck", sagt Drux, auch weil er Spaß am Programmieren gefunden hat. "Das lineare Denken gefällt mir. Dass man gesagt bekommt: Wenn etwas so ist, ist es so. Dann akzeptiert man das und hinterfragt es nicht besonders. Damit kam ich bisher immer gut klar." Was einem weiterhelfen kann, wenn man gezwungenermaßen mehr Reha- als Handball-Profi ist. "Man hat ja nur zwei Möglichkeiten", sagt Drux: "Entweder man reißt sich den Hintern auf oder man lässt es bleiben. So ein Mittelding kam für mich nie in Frage. Entweder ganz oder gar nicht."

Ganz oder gar nicht, so erlebt man Drux auch auf dem Spielfeld. Ist er fit, fällt er durch Furchtlosigkeit auf, er sucht den Kontakt zum Gegner in Eins-gegen-ein-Situationen und hat eine Wurfgenauigkeit, die er sich durch Fleißarbeit nach dem Mannschaftstraining aneignete. Dagur Sigurdsson, bis 2015 Trainer der Füchse und Förderer von Drux, bis 2017 auch Nationaltrainer, hat ihn in wichtigen Jahren geprägt, "er hat mich gelehrt, Mut zu haben", sagt Drux, "dass man sich Situationen stellt, auch wenn sie zunächst beängstigend erscheinen". Entscheidende Fähigkeiten für einen Spielgestalter. Aber auch als Dirigent im eigenen Leben.

Dass es immer wieder ihn erwischt mit den Verletzungen, damit hadert er nicht, "das liegt auch ein bisschen an meiner Spielweise", sagt er, und manchmal kommt eben noch Pech dazu. Seit Jahren wird eine Belastungsdebatte im Handball geführt, auch Drux findet: Der Sport hat ein strukturelles Problem. "Das Problem ist die geringe Pause im Sommer oder Winter. Jeder würde es begrüßen, viele englische Wochen zu haben und dafür zwei Monate Pausen dazwischen", sagt Drux, und auch: "Da müssten sich mal einige Personen, die oben was zu sagen haben, zusammensetzen. Und da sollte es mehr um die Sportler gehen und nicht nur darum, wie man Handball besser vermarkten kann." Aussagen, in die er auch erst hineinwachsen musste.

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Drux hofft darauf, noch rechtzeitig fit zu werden

Ob man den besten Paul Drux schon einmal gesehen hat? Drux zögert kurz, dann sagt er: "Ich glaube, ich hatte schon ein paar ganz gute Spiele, ich war bisher nicht ganz so schlecht. Aber natürlich hätte ich das schon gerne mal über längere Strecken gezeigt." Die Olympischen Spiele in Rio waren sein bestes Turnier, "es war kein katastrophales Spiel dabei", sagt er, er ist ein dankbarer, fast demütiger Mensch. Persönliche Titel seien ihm "so was von komplett egal", mit der Mannschaft will er Titel gewinnen, sonst nichts. Deswegen ist das mit dem Karabatic-Vergleich von vor vier Jahren auch etwas, das er lieber ausblendet. "Ich habe immer gesagt, ich bin kein Karabatic", sagt Drux, "ich habe immer versucht, ich selbst zu bleiben." Und während er so erzählt in den Gängen der Halle, kommen Teamkollegen herbei, andere Füchse, man grüßt sich per Handschlag.

Dass er auf der Mittelposition genauso wie im linken Rückraum eingesetzt werden kann, macht Drux gerade jetzt zu einem noch begehrteren Mann im Nationalteam - einige Kollegen sind verletzt und fallen aus für die Heim-WM im Januar, Drux hofft darauf, noch rechtzeitig fit zu werden und in die Mannschaft zu rutschen. "Die Vorrunde in Berlin, das ist ja fast mein Wohnzimmer", überlegt er laut, "und dann die Hauptrunde in Köln. Das wäre ja... wie gemalt eigentlich." Wie gemacht für Paul Drux. Doch auch mit niederschmetternden Diagnosen hat er gelernt, umzugehen. Vielleicht klingt es so, das Erwachsenwerden im Sport, wenn einer ohne Bitterkeit in der Stimme sagt: "So schön der Sport ist, ist es manchmal auch hart. Manchmal bist du auf der einen Seite, manchmal auf der anderen."

Auf der einen Seite quietschen die Handballschuhe übers Parkett, auf der anderen gucken die Reha-Patienten durch die Glasscheibe in der Tür. Paul Drux lächelt dabei.

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