Süddeutsche Zeitung

Druck im Fußball:Mertesacker entfacht eine Debatte neu

  • Per Mertesacker hat mit seinen Aussagen über den immensen Druck im Profibereich und die Folgen einen Beitrag zu einer Diskussion geleistet, der viele Spieler betrifft.
  • Für den Einblick in seine Leidenswelt wurde der ehemalige Nationalspieler gelobt, aber auch kritisiert.
  • Fußballer-Vertreter fordern eine bessere psychologische Betreuung.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Ulf Baranowsky fand es "mutig" und "wichtig", was er am Wochenende las und hörte. Aber er war nicht wirklich überrascht. Baranowsky arbeitet als Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV), er ist also so etwas wie der oberste Gewerkschaftler der deutschen Kicker. In seiner Organisation gibt es auch einen sogenannten Spielerrat, und ein prominentes Mitglied neben Benedikt Höwedes und Stefan Kießling ist Per Mertesacker.

Ein Trio einstiger Nationalspieler. Am Wochenende hat Mertesacker, 33, im Nachrichtenmagazin Spiegel einen Diskussionsbeitrag zu einem Thema geleistet, das viele Spieler betrifft, die Branche aber gerne diskret beiseite schiebt: der immense Leistungsdruck auf die Profis und seine Folgen. Von karrierelangem Brechreiz und Durchfall berichtete der Verteidiger und Weltmeister von 2014, der seine letzte Saison beim FC Arsenal bestreitet und danach dessen Jugendabteilung übernimmt. Vom Zwang, ständig liefern zu müssen, von der Erleichterung über Verletzungen, um mal raus zu sein aus der Mühle.

Der Druck habe ihn "aufgefressen", sagte er. VDV-Vertreter Baranowsky findet es begrüßenswert, "wenn jemand in so einer Situation einen Anstoß gibt: Nur so können Sie etwas bewegen", sagt er der SZ. Und er wundert sich zugleich über die Stimmen, die sich abfällig über Mertesackers Beitrag äußern: "Das ist sehr gefährlich. Wir dürfen nicht in die alten Fehler verfallen und dann über Fußball als Männersport, Härte oder den Mythos der Unbesiegbarkeit reden. Dann überlegen viele, ob sie wirklich den Mund aufmachen sollen, wenn es ihnen nicht gut geht."

"Wir dürfen nicht in die alten Fehler verfallen"

Nun ist die Frage, wie die Branche mit Mertesackers Worten umgeht. Lothar Matthäus erwies sich als Wortführer der Fraktion, die wenig Verständnis hat: "Er hätte ja aufhören können, wenn der Druck so groß war." Von anderer Seite gab es Zuspruch. "Ich würde sagen, er hat die Extreme im Profifußball sehr gut beschrieben", sagte Mertesackers ehemaliger Kollege Thomas Hitzlsperger: "Junge Spieler sollten wissen, was auf sie zukommen kann. Und wenn ein so verdienter Fußballer so offen spricht, kann ich das nur gutheißen."

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verwies auf Anfrage auf strukturelle Veränderungen in jüngerer Vergangenheit. "Die jungen Spieler werden in den Leistungszentren heute nicht nur sportlich geschult, sie werden auch mit Unterstützung von Psychologen mental auf eine spätere Karriere im Profibereich vorbereitet", sagt Präsident Reinhard Grindel der SZ: "Durch diese in den Auflagen festgeschriebenen Angebote sind die Spieler heute psychologisch deutlich besser betreut, als das in früheren Jahren der Fall war." Und in der Nationalelf herrsche ein "vertrauensvolles Klima, in dem sich jeder Spieler offen zu seinen Ängsten und Schwächen bekennen oder an den Team-Psychologen wenden" könne. Wie verständnisvoll der Umgang miteinander sei, habe er nach den Terroranschlägen von Paris im November 2015 selbst in den Katakomben erlebt.

"Ich kenne auch Fälle, in denen die Spieler nicht gestützt wurden"

Die Einschätzung bezüglich der Leistungszentren teilt VDV-Mann Baranowsky nicht ganz. Zwar gebe es dort heute eine verpflichtende sportpsychologische Betreuung, "aber die ist an vielen Stellen noch nicht so, wie sie sein müsste". Und im Profibereich wiederum existiere nicht mal eine Verpflichtung für solche Angebote. Gemäß einer 2017 erhobenen Umfrage unter Fußballern der drei deutschen Top-Ligen gaben nur 15 Prozent an, über eine gute sportpsychologische Betreuung zu verfügen, 25 Prozent sprachen von einer durchwachsenen Betreuung - und 60 Prozent von gar keiner.

Der VDV-Geschäftsführer räumt ein, dass sich nach dem Tod von Robert Enke 2009 einiges getan habe und es in Klubs vereinzelt gute Modelle gebe. "Aber ich kenne auch Fälle, in denen die Spieler nicht gestützt wurden, sondern in denen ihnen das Leben zur Hölle gemacht wurde", sagt er: "Wenn man zurückdenkt an die Versprechungen, die nach Roberts Tod gemacht wurden, und das abgleicht mit der heutigen Situation, dann haben diejenigen leider recht behalten, die sagten, das Thema werde relativ schnell aus dem Fokus verschwinden."

Gewerkschaftler Baranowsky sieht die Verbände in der Pflicht, die Betreuung zu verbessern. Nach seiner Meinung müssten die Verbände stärkere Vorgaben machen anstatt abzuwarten, dass von unten und von den Klubs Veränderungen kämen. "Dort fehlt das Expertenwissen, und die Klubs erkennen die Chancen nicht, die ihnen die Sportpsychologie bietet", sagt er: "Wenn die Spieler sich nicht trauen, Probleme anzusprechen, dann tut sich das System keinen Gefallen, sondern schadet sich selbst."

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SZ vom 13.03.2018/tbr
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