Süddeutsche Zeitung

Drittliga-Relegation:Die Befreiung muss warten

Trotz enormer individueller Klasse verliert der FC Bayern München II das Hinspiel 1:3 beim VfL Wolfsburg II, der sich als eingespielte Mannschaft mit taktischen Ideen, Aggressivität und Physis wehrt.

Die Befreier Lateinamerikas haben schon für so manches herhalten müssen in der Geschichte; es sind ja auch schon mehr als zwei Jahrhunderte ins Land gegangen, seit die Bolívars, San Martíns oder O'Higgins die Kämpfe anführten gegen die spanischen Kolonisatoren. Etwas überraschend war es freilich schon, dass die rund 1000 Anhänger des FC Bayern München II auf Befreier aus Übersee rekurrierten, als sie am Dienstagabend in Wolfsburg einfielen, um dem Hinspiel in der Relegation zur dritten Fußball-Liga beizuwohnen. Sie entfalteten eine Choreo, auf der Trainer Holger Seitz in einer Fantasieuniform zu sehen war, die an lateinamerikanische Ikonen des 19. Jahrhunderts erinnerte und umrahmt war von einem Spruch: "Champions League der Amateure? Copa Libertadores! Befreit uns von den Ketten der Viertklassigkeit."

Nun, die Ketten scheinen von kaum durchdringlicher Konsistenz zu sein: Der FC Bayern schleppt nach einer ersten Hälfte voller Abwehrfehler einen 1:3-Rückstand ins Rückspiel, das am Sonntag (16 Uhr) im Stadion an der Grünwalder Straße stattfinden wird. "Es ist nicht unbedingt einfacher geworden durch den heutigen Tag, was unsere Zielsetzung Drittligaaufstieg anbelangt", stellte der als Befreier eingeplante Seitz fest.

"Die Relegation hätte nach 30 Minuten auch vorbei sein können", sagt FCB-Trainer Seitz

Zur Pause waren die Mienen der eigens eingeflogenen Honoratioren der Bayern, unter ihnen Klub-Präsident Uli Hoeneß und Sportdirektor Hasan Salihamidzic, von Bitternis geprägt. Denn die Wolfsburger hatten bereits einen Spielstand hergestellt, der am Ende Bestand haben sollte: 3:1. Das war auch in dieser Höhe nicht unverdient: Die Bayern verströmten zwar größere individuelle Klasse, die Qualität ihrer Einzelspieler war enorm. Seitz hatte diverse Spieler aus dem Bundesligakader berufen, allen voran den viel gerühmten Wintereinkauf Alphonso Davies, der letztlich keine Wirkung entfalten konnte.

Doch das Team, das eingespielt wirkte, durchdrungen war von einer erkennbaren Spielidee, von Aggressivität und Physis, waren die Wolfsburger. Sie zeigten bald auf, warum sie in der Regionalliga Nord mit sagenhaften 86 Toren Meister geworden waren: Ihr Team hat im Sturm Dynamit im Überfluss. Als die Bayern sich noch sortierten, hatten sie schon ihre erste Großchance. Nach einem Konter stürmte Blaz Kramer, 23, allein auf Bayerns Torwart Ron-Thorben Hoffmann zu - und scheiterte nur deshalb, weil er die Erwägungen zur Frage, wo er den Ball hin schießen sollte, zur Doktorarbeit ausweitete. Hoffmann wehrte mit dem Fuß ab. Nach der anschließenden Ecke ging Wolfsburg jedoch in Führung. Die Bayern brachten den Ball weder unter Kontrolle noch aus der Gefahrenzone; nach einem abgefälschten Schuss versenkte einer der Wolfsburger Veteranen, Michele Rizzi, den Ball mit einem Volleyquerschuss aus recht unmöglichem Winkel im Netz der Bayern. Und Wolfsburg blieb dran. Kramer hätte schon nach 10 Minuten auf 2:0 erhöhen können, wieder rettete Hoffmann. "Die Relegation hätte nach 30 Minuten auch vorbei sein können, wir sind da mit einem blauen Auge davongekommen", sagte Seitz. Erst nach jenen 30 Minuten sorgten die Bayern für veritable Gefahr - durch einen exzellenten Schuss von Wooyeong Jeong, den Wolfsburgs Torwart Philipp Menzel mit Bravour parierte. Ehe die Bayern aber das Gefühl entwickeln konnten, das Spiel wirklich unter Kontrolle zu bringen, schlugen die Wolfsburger durch ihren zweiten Torjäger Daniel Hanslik zu: Er verwertete einen Eckstoß per Kopf (33.).

Murat Saglam, beim VfL nominell Spielgestalter, wirkt in der Fünferkette als Rechtsverteidiger

Die Platzherren blieben gefährlich, auch weil sie auf die Bayern tief in der eigenen Hälfte warteten und bei ihren Kontern auf die physisch beeindruckenden Hanslik und Kramer zählen konnten. Nach einem Freistoß von Meritan Shabani aus dem Halbfeld aber riefen die Bayern plötzlich Bingo: VfL-Verteidiger Robin Ziegele köpfelte den Ball ins eigene Netz (44.). Den Schock verdauten die Wolfsburger dank eines Blackouts von Bayerns Innenverteidiger Maxime Awoudja. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte spielte er völlig unbedrängt den Ball in die Füße von Hanslik, der mit einem Flachschuss seinen zweiten Treffer der Partie erzielte. "Der Treffer zum 3:1 war bezeichnend für die erste Halbzeit", fand Seitz, "wir haben einen gewissen Stress gehabt mit der Situation."

Nach der Pause versteifte sich Wolfsburg noch mehr auf die Defensivarbeit. Symbolisch dafür stand Murat Saglam, nominell der Spielgestalter beim VfL, der nun fast durchgehend als Rechtsverteidiger einer Fünferkette wirkte, die von einem muskelbepackten Mittelfeld abgeschirmt wurde. Die Partie verlor nun ihren zuvor so großen Unterhaltungswert - und konnte eigentlich nur noch mit einer aufregenden Szene aufwarten. Eine scharf vors Tor getretene Ecke schaufelte sich Wolfsburgs Torwart Menzel selbst ins Netz. Doch weil Bayerns Stürmer Kwasi Okyere Wriedt in Menzels Nähe stand und den VfL-Keeper touchierte, versagte Schiedsrichter Thorben Siewer dem Treffer die Anerkennung. Eher zu Unrecht.

All das mündete in eine Wolfsburger Abwehrschlacht, der die Bayern keine durchschlagende Idee entgegensetzen konnten. Es blieb bei dem 1:3, das angesichts der defensiven Stärke der Wolfsburger wie eine schwere Last wirkt. Aber: Die Grünwalder Straße mag keine Befreier gesehen haben. Aufholjagden schon.

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SZ vom 23.05.2019
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