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Dritte Liga:Viel zu rot

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Gute Freunde als Gegner: Sascha Mölders (links) und der frühere 1860-Verteidiger Aaron Berzel.

(Foto: Mladen Lackovic/imago images)

Beim 2:2 im neuen Stadtderby begegnen sich 1860 München und Türkgücü auf Augenhöhe - wobei die Löwen mit Entscheidungen des Schiedsrichters hadern.

Von Christoph Leischwitz

Rein geografisch handelte es sich natürlich um ein Derby, immerhin trainieren der TSV 1860 und Türkgücü München nur acht Kilometer voneinander entfernt. Rein stimmungsmäßig aber natürlich nicht, auch wenn der eine oder andere Vereinsvertreter nach dem hitzigen Drittliga-Duell am Samstag heiser gewesen sein dürfte. Doch womöglich ist dieses Spiel ein gutes Beispiel dafür, warum es in Coronazeiten keinen Heimvorteil mehr gibt, warum man sich Heim- und Auswärtsstatistiken eigentlich sparen kann. Denn es ist ja schon fraglich, ob in einem Stadion voller Sechzig-Anhänger alles so gekommen wäre, wie es kam: dass die Sechziger nach einem klaren Handspiel in der 43. Minute keinen Strafstoß bekommen; dass hingegen Dennis Dressel die rote Karte für ein hartes Einsteigen an der Mittellinie sieht (59.); und dass Türkgücü keinen Platzverweis zu beklagen hat, obwohl sich Alexander Sorge nach einer frühen gelben Karte ein auffälliges Foul gegen Sechzigs Angreifer Sascha Mölders leistete (81.). Sicher ist, dass Sechzigs Trainer Michael Köllner keine gelbe Karte wegen Meckerns gesehen hätte. Am Ende retteten die Löwen ein 2:2 über die Zeit, ein Spiel und ein Ergebnis auf Augenhöhe, auch wenn zu bedenken ist, dass die Sechziger lange Zeit ein Augenpaar weniger zur Verfügung hatten.

"Ich bin stocksauer", sagte Mölders nach dem Spiel mehr als einmal. "Un-be-dingt" habe man dieses Spiel gewinnen wollen, und nun fühlte sich der 35-Jährige offensichtlich ungerecht behandelt. Als dann der BR-Reporter auch noch fragte, ob man sich nun nach drei Unentschieden in Serie Gedanken machen müsse, da antwortete Mölders sarkastisch, dass man eine "Vollkrise" habe. Dann ging er in die Kabine. Der Frust saß tief bei den Sechzigern, Türkgücü nicht geschlagen zu haben, jenen neuen roten Rivalen, der mittelfristig die Nummer zwei in der Stadt werden möchte - und der mit einem Sieg im Nachholspiel am Mittwoch in Rostock Sechzig nun tatsächlich überholen könnte.

Dabei hätte Mölders auch ein kleines bisschen Genugtuung verspüren können. "Das interne Duell geht an Sascha", sagt Aaron Berzel nach dem Spiel bei Magentasport. Denn der Innenverteidiger war gegen seinen Kumpel einfach nicht hinterher gekommen, als dieser sich bei einer Flanke lösen und die zwischenzeitliche 2:1-Führung erzielen konnte (49.). Berzel hatte vergangene Saison noch für Sechzig gespielt, den Abschied forciert hatte eher der Verein. Immerhin schenkte Mölders, so sauer er über den Spielverlauf auch war, Berzel nach dem Schlusspfiff noch sein Trikot.

Es gehe letztlich doch auch nur um drei Punkte, hatte Türkgücü-Trainer Alexander Schmidt allen Ernstes vor dem Spiel behauptet. Ausgerechnet Schmidt, der zwölf Jahre lang für 1860 München gearbeitet hatte. Neun gelbe Karten und einen Platzverweis später sprach er von einem "sehr emotionalen, hitzigen Spiel". Dabei begann das neue Münchner Prestigeduell recht verhalten. Sechzig hatte in der 22. Spielminute seine zweite Torchance - und erzielte die Führung, die sich kaum abgezeichnet hatte: Fabian Greilinger traf mit einem präzisen Flachschuss, nachdem Daniel Wein im Mittelfeld gute Vorarbeit geleistet hatte (22.). Der Ausgleich gut drei Minuten später hatte sich auch nicht abgezeichnet - abgesehen davon, dass Türkgücüs spielstarker Kapitän Sercan Sararer auf der linken Seiten sträflich freistand, was per se schon gefährlich ist. Das "blöde 1:1", so nannte Köllner hernach diesen Treffer. Da hätten sich zu viele gegenseitig aufeinander verlassen, in einem Moment, als Türkgücü aus Köllners Sicht "angeknackst" schien. Sararers Flanke jedenfalls fand Petar Sliskovic, der sein neuntes Saisontor per Kopf erzielte (26.), einen Großteil der Treffer hat Sararer vorbereitet. Bislang bekommt kein Gegner das Duo Sararer/Sliskovic in den Griff.

Nach dem 2:1 durch Mölders folgte die rote Karte für Dressel nur zehn Minuten später. "Die rote Karte kann man geben", räumte Köllner hernach ein. Warum er sich später mit einem Kommentar auch noch Gelb abholte, das habe mit einer Unmutsäußerung über die grundlegende Ausrichtung des Schiedsrichters zu tun. Der habe die Spieler zunächst an der langen Leine gelassen, bei Dressel aber das erste Vergehen maximal bestraft. Der giftige Mölders-Kommentar dazu: "Sehr mutig, in so einem Spiel am Mittelkreis Rot zu zeigen."

So ließ der zweite Türkgücü-Ausgleich auch wieder nicht lange auf sich warten. Dabei konnte Berzel etwas zum 2:2 beitragen: einen hohen Ball auf Sararer, der diesen sehenswert verarbeitete und dann, natürlich, Sliskovic Tor Nummer zehn auflegte (70.). Schmidt fand, dass seine Mannschaft die Ruhe am Ball gefehlt habe, auch in Überzahl. Köllner sagte, er sei stolz auf seine Mannschaft, alle Fans könnten es sein. Diese Fans, sofern anwesend, wären noch einer der wenigen klaren Unterschiede, die es noch gibt zwischen Sechzig und Türkgücü.

© SZ vom 30.11.2020
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