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Dritte Liga:TSV Eintracht 1860

v.li.: Sascha Mölders (Moelders, TSV 1860 München, 9) Phillipp Steinhart (TSV 1860 München, 36) mit Torjubel, Jubel, To

Der Chef-Torschütze und sein Stellvertreter: Sascha Mölders (links) gratuliert Phillipp Steinhardt zu seinen zwei Treffern gegen den 1. FC Kaiserslautern.

(Foto: Sven Leifer /foto2press/imago)

Die mannschaftliche Geschlossenheit der Münchner Löwen ist ihre große Stärke im Aufstiegskampf. Nach 23 Punkten aus den letzten neun Spielen gesellt sich zur sportlichen Konstanz des Fußball-Drittligisten nun auch eine mentale. Und wenn Sascha Mölder mal nicht trifft, dann schießt das Tor halt ein anderer.

Von Christoph Leischwitz, München

Einen kleinen Seitenhieb hat der sonst so freundliche Herr Köllner dann schon noch in seiner Rundum-Sorglos-Rede eingebaut nach dem Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern, einen kurzen Kommentar in Richtung Gegner. "Es war kein Spiel auf Augenhöhe", sagte er nach dem klaren 3:0 am Dienstagabend. Es war eine Anspielung auf die zuvor getätigte Aussage des Trainerkollegen Marco Antwerpen, der vor dem Spiel angemerkt hatte, man wähne sich mit dem TSV 1860 München auf eben jener. Am kommenden Samstag, so Köllner, da habe man es dann wirklich mit einem Gegner auf Augenhöhe zu tun, da treten die Löwen beim SV Wehen Wiesbaden an. Köllner hat unlängst schon einmal nach einem Spiel den Gegner kritisiert, nach dem 2:0-Sieg gegen Türkgücü München, damals war er sogar noch sehr viel deutlicher geworden: die Umsetzung des Projekts Türkgücü sei eine "Katastrophe".

Doch Köllner macht das nicht, um auf einen geschlagenen Gegner draufzuhauen; er macht es nur, wenn dieser zuvor verbal angefangen hat. Köllner verfolgt damit ein vorrangiges Ziel, eines, das ihm ganz besonders wichtig ist: Er will Geschlossenheit demonstrieren.

Der TSV 1860 München, wer hätte das noch vor Kurzem gedacht, macht dies momentan tatsächlich in allen Belangen, es ist derzeit seine große Stärke. In den vergangenen neun Spielen hat die Mannschaft 23 Punkte geholt, sie hat sich in den 16 Partien der Rückrunde erst zehn Gegentore eingefangen, und Köllner schwärmte am Dienstag auch noch davon, dass Torwart Marco Hiller schon zum 13. Mal zu Null gespielt habe. Kein Wunder, dass der Trainer immer wieder die mannschaftliche Geschlossenheit anspricht, die auch belegbar ist. "Wir sind momentan auf allen Positionen griffig, wir wollten uns zu einer Spitzenmannschaft entwickeln, die solche Spiele ab der ersten Sekunde im Griff hat", sagt er. Das ist offenkundig gelungen. Selbst dann, wenn der designierte Torschützenkönig der dritten Liga, Sascha Mölders, mal nicht trifft. Diesmal hatte Abwehrspieler Phillipp Steinhart zwei Tore geschossen, "am Samstag ist es wieder ein anderer", so der Trainer. Lauterns Trainer Antwerpen kritisierte nach dem 0:3 übrigens die mangelnde Laufbereitschaft einiger seiner Spieler. Und bescheinigte den Sechzigern, "gut eingespielt" zu sein und eine "gute Qualität" zu besitzen.

"Sechzig München ist ein Fanverein, er ist Lebensinhalt und Religion", sagt Trainer Michael Köllner

Zusätzlich zur rein sportlichen Konstanz gesellt sich bei den Löwen offenbar auch eine mentale. Dass Stephan Salger in der neunten Spielminute ein Elfmeter verweigert wurde, dass der TSV 1860 weiter anlaufen musste, schien die Mannschaft nicht weiter aus der Fassung zu bringen. Verpasste Gelegenheiten werden schnell abgehakt, und das ist der Grund, warum die Aufstiegshoffnung nun so reell geworden ist, mehr noch als durch das Aufrutschen auf den dritten Tabellenplatz: Es scheint im Moment nichts zu geben, was die Mannschaft stoppen könnte. Das sagte auch Doppeltorschütze Steinhart nach dem Spiel.

Das Spiel auf dem Platz ist für den Trainer aber nur der sichtbare Ausdruck für die Ruhe und Fokussiertheit, die derzeit im Verein herrschen. Der Klub nutzt jede Gelegenheit, um geschlossen aufzutreten - auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Geradezu ehrenhaft macht er es in der Unterstützung zweier junger Buben aus Oberhaching, die an Ostern ihre Eltern verloren hatten. Der Erlös der so genannten 12.-Mann-Tickets, die für das Spiel gegen Kaiserslautern verkauft wurden, gehen komplett an den Onkel der Kinder, der eine Spendenaktion eingerichtet hat und großer 1860-Fan ist (es können im Nachhinein übrigens immer noch Tickets gekauft werden). Als das Münchner Kreisverwaltungsreferat eine Vorlage für eine neue Stadion-Verordnung vorlegte, die wohl zu deutlich mehr Personenkontrollen rund ums Grünwalder Stadion geführt hätte, da war die Vereinsführung der Sechziger die einzige Münchner Klubführung gewesen, die sich hinter die Fans stellte - die für Mittwoch geplante Abstimmung wurde übrigens verschoben, nachdem einige Politiker die Sinnhaftigkeit angezweifelt hatten; es ist davon auszugehen, dass die sachlichen Proteste der Sechzig-Fans ihren Beitrag dazu geleistet haben.

Und als Hunderte Anhänger auf dem kurzen Weg zum Stadion dem Mannschaftsbus folgten und der Mannschaft zujubelten; als einige nach dem Spiel auf Giesings Höhen ihre Autohupen betätigten, da kommentierte Köllner das so: "Sechzig München ist ein Fanverein, er ist Lebensinhalt, Religion. Viele erleben eine harte Zeit. Da ist es doch das Schönste, ihnen positives Lebensgefühl zu vermitteln. Sie abzulenken von Corona." Der TSV 1860 hat nur noch ein Heimspiel: gegen den FC Bayern München II. Die Spannung steigt, die Inzidenz fällt. Es ist nicht auszuschließen, dass in den kommenden Wochen in Giesing noch mehr Geschlossenheit sichtbar wird, in Form von ausgelassener Freude, die sich dann Bahn bricht.

© SZ/pps
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