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Dritte Liga:Ingolstädter Fehltritte

3. Liga - 1. FC Kaiserslautern - FC Ingolstadt 04 - Nachn dem Spiel Diskussion mit dem Schiedsrichter Stefan Kutschke (

Rudelbildung nach einer aufwühlenden Partie: Auch wenn sich Ingolstadts Sportdirektor Michael Henke (rechts) unauffällig zu verhalten scheint, wurde er doch auffällig.

(Foto: Stefan Bösl/Imago)

Nach dem turbulenten Spiel in Kaiserslautern gerät der FCI-Sportdirektor in Erklärungsnot. Der DFB-Kontrollausschuss hat ein Ermittlungsverfahren gegen Michael Henke eingeleitet.

Von Christoph Ruf

Michael Henke hat in den vergangenen 30 Jahren die größte Zeit seines Berufslebens auf der Trainerbank verbracht - bis auf wenige Wochen allerdings ausschließlich als Co-Trainer, bei Borussia Dortmund und dem FC Bayern zum Beispiel. Dass zu den kurzen Intermezzi, in denen der heutige Ingolstädter Sportdirektor als Cheftrainer wirkte, auch viereinhalb Monate als Coach des 1. FC Kaiserslautern zählen, wurde am Donnerstag vor Ort noch mal von vielen Menschen rekapituliert.

Die Zeitzeugen haben Henke als höflichen, kontrollierten Menschen in Erinnerung. Unvergessen ist aber auch 15 Jahre später noch, dass ihm der damalige Präsident René C. Jäggi eine Geldstrafe von 10 000 Euro auferlegte, weil er im Oktober 2005 die gegnerischen Spieler bei einer Pokalpartie in Erfurt als "Scheiß-Ossis" und "Ossi-Pack" beschimpft hatte. Henke selbst zeigte sich damals zerknirscht. Ihm seien "einfach die Pferde durchgegangen".

Der getretene Trainer Saibene muss erst zurückgehalten werden, später sagt er: "Völlig harmlos"

Am Mittwoch nach dem 1:1 seiner Schanzer in Lautern war es wieder so weit. Nachdem Henke den Lauterer Trainer Jeff Saibene im Vorbeigehen von hinten einen Tritt in die Füße versetzt hatte, verschwand der 63-Jährige flott in der Kabine. Gegenüber dem Donaukurier tat er so, als sei da eine nette Geste falsch interpretiert worden: "Das war mehr freundschaftlich. Vielleicht hat Jeff da etwas missverstanden." Der wutentbrannte Saibene musste nach dem Tritt von FCI-Keeper Fabijan Buntic daran gehindert werden, Henke hinterherzulaufen. Schon bei der Pressekonferenz hatte der Luxemburger sich dann wieder im Griff und tat so, als sei nichts passiert: "Ist nicht der Rede wert, ein kleines Gerangel. Ich habe einen Tritt von ihm gespürt, aber völlig harmlos." Später sagte Henke zum Sender Sport 1: "Ich muss mich entschuldigen, das war ein Fehlverhalten von mir."

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) teilte am Donnerstag mit, dass vom Kontrollausschuss ein Ermittlungsverfahren gegen Henke wegen des Verdachts "eines unsportlichen Verhaltens" eingeleitet wurde. Henke, der sich bereits bei Saibene entschuldigt hat, wurde vom DFB zu einer Stellungnahme aufgefordert.

Dass Henke und Saibene während ihrer neunmonatigen gemeinsamen Zeit in Ingolstadt größere Probleme miteinander gehabt hätten, ist nicht bekannt. Seine Entlassung im März - damals lag der FCI auf Platz fünf - hat Saibene allerdings als ungerecht empfunden. Doch auch andere Repräsentanten des FC Ingolstadt haben sich in der Vergangenheit schon einmal sympathischer präsentiert als am Mittwoch. Tomas Oral, der direkte Nachfolger Saibenes als Trainer, schimpfte quasi 90 Minuten lang vor sich hin und kritisierte seinen Spieler Stefan Kutschke für eine ausgesprochen faire Aktion: In der Nachspielzeit wies der Stürmer den Schiedsrichter, Asmar Osmanagic, beim Stand von 1:1 darauf hin, dass er selbst zuletzt am Ball war - der Referee revidierte daraufhin seinen Eckball-Pfiff. Zwei gelbe Karten für die Ingolstädter Bank, darunter eine für Oral selbst, die mit Rot geahndete Tätlichkeit von Caniggia Elva und die Tatsache, dass Torschütze Bilbija seinen Treffer sekundenlang provokativ vor Lauterer Fans zelebrierte, hinterließen ebenfalls keinen guten Eindruck in einem Stadion, das nach der schweren Verletzung von Dominik Schad ohnehin schon in Wallung war: Denn nach einem Zweikampf war der Ingolstädter Rico Preißinger ohne jede Absicht kurz vor Ende der regulären Spielzeit so unglücklich auf den Kaiserslauterer Verteidiger gefallen, dass das untere Bein deutlich abstand. Die Diagnose: Wadenbeinbruch.

Der Verletzte muss mit einer langen Pause rechnen.

Zuvor hatten die Zuschauer eine Partie gesehen, die auch sportlich sehr unterhaltsam war und bei der im zweiten Durchgang bemerkenswert gut sortierte Ingolstädter zu einem 1:1 kamen. Es war dabei durchaus beeindruckend, wie sich die Mannschaft gegen die Niederlage stemmte. Sie war nach der Pause zu zehnt besser als die zuvor so beeindruckenden Lauterer, die im ersten Durchgang spielerisch und kämpferisch die beste Leistung der vergangenen Monate gezeigt hatten. Elf Minuten nachdem Elva vom Platz musste (65. Minute), traf Bilbija für Ingolstadt (76.). Marvin Pourié hatte in der starken ersten Lauterer Hälfte das 1:0 erzielt (10.).

Auch in Ingolstadt hat das Verhalten von Henke und Oral offenbar nicht jedem gefallen. Die Lokalpresse zitierte am Donnerstag Ingolstädter Fans, die sich für das Auftreten ihres Vereins schämten. Zur Ehrenrettung von Oral muss allerdings gesagt werden, dass er immer wieder grundlos von der Tribüne herab beschimpft wurde - und sich nicht provozieren ließ.

© SZ vom 23.10.2020

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