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Dritte Liga:Gnadenlos abhängig

Unterhachings Praesident Manfred SCHWABL (UNT, unten) und Unterhachings Trainer Arie VAN LENT (UNT), Patrick HASENHUETT

Aus der Fassung: Unterhachings Trainer Arie van Lent (links), sein Assistent Robert Lechleiter (rechts), Präsident Manfred Schwabl und der beste Saisontorschütze der SpVgg, Patrick Hasenhüttl (Mitte) in heller Aufregung.

(Foto: Imago/Oryk Haist)

Dass gegen Dresden ein Talent heraussticht, stützt das Konzept der SpVgg Unterhaching - zeigt aber gleichzeitig die Schwächen der Mannschaft auf.

Von Stefan Galler

Es waren seine ersten 20 Minuten in der Königsklasse, doch Karim Adeyemi hinterließ durchaus einen bleibenden Eindruck. Der 18 Jahre alte Stürmer von RB Salzburg gab wahrhaftig alles, um der Champions-League-Partie am Mittwochabend gegen den Titelverteidiger FC Bayern noch eine Wendung zu geben. Das sollte zwar nicht gelingen, der Träger der Fritz-Walter-Medaille in Gold für den besten deutschen U17-Spieler des Jahres 2019 hatte noch ein paar auffällige Szenen, letztlich aber siegten die Münchner mit 3:1. Zumindest für Manfred Schwabl, den Präsidenten von Adeyemis ehemaligem Verein SpVgg Unterhaching, dürfte der starke Kurzauftritt des deutschen Jugendnationalspielers ein Stimmungsaufheller gewesen sein, nachdem ihn seine Drittligamannschaft am früheren Abend nicht gerade frohlocken ließ: Bei Dynamo Dresden kassierte Haching eine 0:2 (0:2)-Niederlage, blieb damit im sechsten Spiel in Folge ohne Sieg und belegt weiterhin Abstiegsplatz 17 in der Tabelle.

Die Personalie Adeyemi ist ein Schlüssel, um zu verstehen, was sich bei den Hachingern gerade abspielt: Die SpVgg setzt "gnadenlos" (Schwabl) auf die Jugend, stützt das eigene Nachwuchsleistungszentrum - und will dabei auch "nicht einknicken", wie es der Klubpräsident formuliert. Er hat die Philosophie des Vereins klar umrissen, weil er mangels üppiger Ausstattung mit Fernsehgeldern ein Überleben des Klubs nur auf diesem Wege als realistisch einschätzt - und zwar unabhängig von der Spielklasse. Ziel sei es, "achtzig Prozent des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs" zu bestücken, sagt Schwabl, der selbstverständlich darauf hofft, dass darunter immer wieder mal ein Juwel ist wie Adeyemi, der einst bei Bayern in der Jugend an Regeln und Konventionen abprallte und dann in Hachings U17 und U19 durchstartete - ehe er 2018 für 3,3 Millionen Euro Ablöse nach Salzburg wechselte.

Beim Spiel in Dresden haben die Unterhachinger wieder mal eines ihrer großen Talente ins kalte Wasser geworfen, den 17 Jahre alten Boipelo Mashigo, der in Südafrika geboren wurde und vor gut zwei Jahren vom Deutschen Fußball-Internat Bad Aibling nach Unterhaching kam. Der Mittelfeldspieler trainiert seit Saisonstart im Profikader von Coach Arie van Lent mit, nun brachte ihn der Fußballlehrer erstmals in einem Punktspiel - zur Halbzeit, und das beim Stand von 0:2. "Positiv ist, dass er der beste Mann bei uns war. Negativ, dass er es war und nicht einer der anderen Spieler", sagte van Lent in der Pressekonferenz nach der Partie und dieser Satz drückte viel Frust über die Vorstellung seiner Mannschaft aus.

Jene hatte in Dresden nur zu Beginn wirklich mitgehalten, als Niclas Anspach und Paul Grauschopf passable Chancen zur Führung vergaben. Mit dem Führungstreffer für Dynamo durch Marco Hartmann, der eine Freistoßflanke von Patrick Weihrauch per Direktschuss verwertete (26.), war es vorbei mit einem Duell auf Augenhöhe. Prompt kassierte Haching gleich noch den zweiten Gegentreffer, nach sehenswerter Vorarbeit von Weihrauch und Jonathan Meier erhöhte der frühere österreichische Nationalspieler Philipp Hosiner auf 2:0 (42.). "Wir haben in der letzten Viertelstunde vor der Pause total nachlässig verteidigt", sagte van Lent, der zudem das "schlampige Passspiel" seiner Mannschaft kritisierte. In Hälfte zwei habe sein Team "eine sehr ordentliche Leistung" gezeigt, allerdings ohne die notwendige offensive Durchschlagskraft, um die Partie noch zu drehen. "Wir waren sehr ungefährlich, deshalb geht das Ergebnis auch in Ordnung."

Die harmlose Offensive ist eines der großen Probleme der SpVgg: In zehn Spielen hat man gerade mal neun Treffer erzielt. Drei davon gehen aufs Konto von Zugang Patrick Hasenhüttl, 23, der vor seinem Wechsel von Türkgücü zur SpVgg lediglich über Regionalligaerfahrung verfügte.

Im Sommer hat die derzeit zudem von vielen Verletzungen gebeutelte Mannschaft viel an Substanz verloren - neben Verteidiger Alexander Winkler (Kaiserslautern) vor allem im vorderen Bereich: Die Kreativspieler Sascha Bigalke und Jim-Patrick Müller, beide noch in Haching unter Vertrag, spielen in den Planungen des Vereins keine Rolle mehr und können laut Schwabl auch nicht auf eine Begnadigung hoffen. Solche Entscheidungen trifft bei den Rot-Blauen der Chef persönlich, weshalb er auch einräumt, für eine eventuelle Fehlplanung selbst verantwortlich zu sein - im Verbund mit Claus Schromm, der im Sommer vom Trainerposten auf die Stelle des sportlichen Leiters rückte. "Das Trainerteam muss mit dem Personal arbeiten, das wir ihm hingestellt haben", sagte Schwabl vor einer Woche der SZ.

Dass in Dresden auch Flügelspieler Luca Marseiler und Stürmer Felix Schröter nicht zum Kader gehörten, habe "Leistungsgründe", wie es aus dem Verein heißt. Ob diese Entscheidung von Coach van Lent oder aus dem Präsidentenbüro kam und ob das Duo am Samstag gegen Wehen wieder mitmachen darf, blieb indes offen.

© SZ vom 27.11.2020
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