„Es hat ihm gefallen hier“, sagte die 29-jährige Britin Lotti Fry nach ihrem Sieg im Dressur-Weltcupfinale in Basel über ihr Pferd Glamourdale. Das hatte man gemerkt. Kraftvoll war der 14-jährige Rapphengst durchs Viereck getanzt und hatte seine Star-Qualitäten voll ausgespielt. Wenn er mit Riesentritten und -sprüngen das Viereck durchmisst, sieht so mancher Konkurrent ganz klein aus. Kaum setzt Glamourdale einen Huf in die Arena, hat er das Publikum auf seiner Seite. Mit 88,195 Prozent, fast vier Prozentpunkte mehr als die Zweitplatzierte Isabell Werth auf dem 15-jährigen Quantaz (84,365), sicherte sich Fry, die in den Niederlanden lebt und trainiert, ihren ersten Sieg beim Weltcupfinale.
Glamourdale ist eine vielschichtige Pferdepersönlichkeit. Er liebt das Publikum, er liebt nach Aussagen seiner Reiterin aber auch entspannte Spazierritte in Wald und Feld. Er hasst das Vortraben beim Tierarzt-Check an der Führleine zu Beginn jedes Turniers. Dann kehrt er den Pferdepascha raus, der er im Nebenberuf als Deckhengst ja auch ist, und kommt wie ein mittelalterliches Ritterross dahergetänzelt. Da er mit seiner grazilen Reiterin wahrscheinlich einfach davonlaufen würde, hat sich Lotti Fry einen speziellen Ablauf ausgedacht: Sie reitet ihn bis zum Vorführplatz, steigt ab, dann übernehmen zwei kräftige Männer, einer rechts, einer links, und traben mit dem Hengst vor den Richtern hin und her. Ist der Veterinärcheck vorbei, sei „Glami“ wieder der vertraute Schmusebär, sagt Fry über den tausendfachen Vater; genau 1111 Nachkommen sind im Dressursport von ihm schon unterwegs, Grand-Prix-Klasse haben bisher nur zwei erreicht.
Der in den Niederlanden gezogene Glamourdale wurde schon früh als Hochbegabung entdeckt, gewann Jungpferdechampionate mit Höchstnoten, vor allem im Galopp. 2022 gab es in Herning in Dänemark zwei Weltmeistertitel, wenn auch in Abwesenheit der damaligen Nummer eins, Jessica von Bredow-Werndl, die damals eine Tochter bekam. In Paris gewann das Paar Fry/Glamourdale zwei olympische Bronzemedaillen.
Quantaz sei „ein Macho“, sagt Isabell Werth – in Basel zeigte sich der Wallach aber sehr kooperativ
In Basel war Fry als hohe Favoritin angetreten, die achtmalige Olympiasiegerin Isabell Werth hatte sich insgeheim Platz drei ausgerechnet, es wurde dann Platz zwei. Quantaz ist kein Strahlemann wie Glamourdale, aber ein solider Wallach, der, gesteuert von seiner genialen Reiterin, am richtigen Tag alles kann. Er sei „ein Macho“, sagt Werth, das heißt, er kann auch mal übellaunig die Mitarbeit verweigern. Am Samstag jedoch zeigte er sich kooperativ und paradierte in der schwierigsten Kür des Tages zu den Klängen von Bonnie Tyler.
Ein Kind prominenter Eltern ist der 13-jährige Rapphengst Total Hope, der unter der in Mühlen lebenden Norwegerin Isabel Freese Dritter wurde (81,850). Sein Vater ist der zu seinen Glanzzeiten als „Wunderhengst“ gefeierte Totilas, seine Mutter ist Weihegold, unter Isabell Werth eines der besten Pferde ihrer Zeit, Olympiazweite in Rio 2016. Total Hope, der dem Luxuspferdehändler Paul Schockemöhle gehört, hat zwar die Farbe, aber nicht den Charme seines Vaters. Sein Talent für Piaffe und Passage hat er von beiden Eltern mitbekommen, auch die sichtlichen Bemühungen, mitzuarbeiten und es seiner Reiterin recht zu machen. Ein weiterer Totilas-Sohn, Gotilas du Feuillard, wurde unter dem Franzosen Corentin Pottier Vierter (80,415). Unter den Nachkommen von Totilas sind 28 Dressurpferde im Grand-Prix-Sport, eine stolze Bilanz.

Die beiden deutschen Weltcup-Debütantinnen Bianca Nowag-Aulenbrock auf Florine und Carina Scholz auf Soirée d’Amour wurden Sechste beziehungsweise Elfte. „Beide haben sich in diesem starken Feld sehr gut verkauft“, lobte Bundestrainerin Monica Theodorescu.
Doch es gab nicht nur Weltklasseritte in Basel. Nach dem Ritt der US-Amerikanerin Adrienne Lyle auf dem völlig verkrampften, wie ein ungebremster Rennwagen durch den Sand stiebenden Fuchswallach Helix erklangen Buhrufe und Pfiffe in der St. Jakobshalle. Nicht für die Reiterin, der man allenfalls hätte vorwerfen können, dass sie nicht rechtzeitig die Segel gestrichen und aufgegeben hatte, sondern für die Richter, die bis auf die deutsche Chefrichterin Ulrike Nivelle Noten von mehr als 70 Prozent zogen. Bei der Publikums-App zum Mitrichten waren es gerade mal 65,108. Da zeigte sich mal wieder, dass die Dressur auch ein Richterproblem hat und dass die Zuschauer keineswegs so ahnungslos sind, wie mancher denkt.


