Weltreiterspiele Tränen nach dem grandiosen Comeback

Emotionaler Moment: Isabell Werth jubelt auf ihrem Pferd Bella Rose.

(Foto: dpa)
  • Isabell Werth gewinnt mit der deutschen Dressur-Equipe Gold im Mannschaftswettbewerb.
  • Mit 84,829 Prozentpunkten sichert sich die sechsfache Olympiasiegerin auch die Tageswertung.
  • Dabei war es ein Risiko, mit der Fuchsstute Bella Rose zu reiten, die dreieinhalb Jahre verletzt war.
Von Matthias Schmid

Isabell Werth suchte nach einer weiteren Fabelleistung ihrer an Fabelgeschichten reichen Vita erst einmal das Krankenhaus auf. Sie hatte es nach der Pressekonferenz und der Dopingprobe sehr eilig, das Gelände der Weltreiterspiele in Tryon im US-Bundessaat North Carolina zu verlassen. Die erfolgreichste Reiterin des Planeten machte sich am Donnerstagabend große Sorgen um Madeleine Winter-Schulze. Die achte WM-Medaille, die sie gerade mit einer "Sternstunde" errungen hatte, wie die 49-Jährige selbst zugab, verlor etwas an Bedeutung.

"Ich muss schnell zu Mado und sehen, wie es ihr geht", bekannte Werth. Mado, Madeleine Winter-Schulze, ist die Besitzerin ihres WM-Pferdes Bella Rose, die 77-jährige Unternehmerin war am Vorabend so schlimm gestürzt, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Sie hatte also nicht mit eigenen Augen mitbekommen, wie Werth und die übrigen Mitglieder der deutschen Dressur-Equipe, Sönke Rothenberger mit Cosmo, Jessica von Bredow-Werndl mit Dalera und Dorothee Schneider mit Sammy Davis jr. den WM-Titel mit 242,950 Punkten vor den Vereinigten Staaten (233,136) und Großbritannien (229,628) verteidigten.

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Fast dreieinhalb Jahre war ihr Pferd Bella Rose verletzt

Vor allem der Auftritt von Werth war dabei bemerkenswert, eine ziemlich erstaunliche Geschichte sogar, sie hat mit ihrer verletzungsanfälligen Fuchsstute ein grandioses Comeback auf großer Bühne gefeiert, das ihr nicht mehr viele zugetraut hatten. Mit 84,829 Prozentpunkten hatte sich die sechsfache Olympiasiegerin auch an die Spitze des Einzelklassements geschoben, die allerdings nicht in die beiden nun folgenden Einzel-Entscheidungen im Grand Prix Special in der Nacht auf Samstag und in der Kür am Sonntag einfließen werden. Tageszweite war die Amerikanerin Laura Graves auf Verdades (81,537) vor Rothenberger (81,444).

Fast dreieinhalb Jahre lang war Bella Rose verletzt, für ein Sportpferd eine Ewigkeit. Erst Ende Juni im österreichischen Fritzens war Werth mit Bella Rose ins Viereck zurückgekehrt. Werth hatte immer an sie geglaubt, sie gehegt und gepflegt, bis sie wieder vollkommen genesen und konkurrenzfähig war. Sie ließ sich auch nicht davon beirren, dass es viele für ein Risiko hielten, Weihegold zu Hause zu lassen und Bella Rose mit zu den Weltreiterspielen zu nehmen. Mit Weihegold hatte sie in der Zwischenzeit zweimal den Weltcup errungen, dazu drei EM-Titel.

Um das alles besser verstehen zu können, muss man wissen, dass es zwischen Werth und Bella Rose Liebe auf den ersten Blick war. "Dieses Pferd ist ein Geschenk", schwärmt Werth: "Ich war elektrisiert, als ich sie dreijährig gesehen habe, und das hat sich bis heute nicht verloren."

Bella Rose machten in Tryon auch Schwüle und Hitze nichts aus. Viele hatten es als schlechtes Omen betrachtet, dass sich am Donnerstagabend ausgerechnet in dem Moment eine Wolke vor die Sonne geschoben hatte, als Werth ins Stadion gebeten wurde. Die Fuchsstute war allerdings von Anfang an hellwach, ruhig und vollkommen bei sich. Der Trab, die Traversalen, alles sah anmutig und präzise aus. Mehr noch: Sie zeigte eine Vorführung, die der Perfektion gefährlich nahe kam. Stellung, Biegung, Kadenz, Takt, weites Übergreifen. "Das geht eigentlich nicht besser", schwärmte Werth danach.

"Ich habe mehrfach während der Prüfung gelacht"

Ein kleiner Wackler beim Rückwärtsrichten, gefolgt von der ersten Piaffe. Raunen im Publikum, als die Wertung sichtbar wurde. 9,6 Punkte. Alle Übergänge fließend, geschmeidig, graziös. Werth lächelte immer wieder zu den Punktrichtern hinüber. Auch die letzte Linie mit der dritten Piaffe klappte famos. "Ich habe mehrfach während der Prüfung gelacht, aber mich immer wieder gezwungen, mich zu konzentrieren", erklärte Werth: "So eine Prüfung gelingt einem nicht jeden Tag."

Die Gefühle überwältigten sie schon beim Hinauslaufen aus dem Viereck, ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie flossen über ihr Gesicht. Mit ihrem Herzenspferd hat sie einen fulminanten Auftritt hingelegt, der weitere WM-Medaillen in Tryon wahrscheinlich macht. An ihre Kritiker gerichtet, sagte sie dann noch fast trotzig: "Dies war die Antwort auf die Frage, warum Bella Rose." Es war der einzige kleine Seitenhieb, den sie sich erlaubte.

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