Dressur in Tokio:Zusammen eine Augenweide

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"Vielleicht habe ich einfach vergessen zu atmen": Jessica von Bredow-Werndl nach ihrer gelungenen Vorstellung im Grand Prix.

(Foto: Alkis Konstantinidis/Reuters)

Jessica von Bredow-Werndl und Dalera starten im Grand Prix von Tokio gleich mal mit einer neuen Bestleistung. In der Mannschaftswertung wäre alles außer einer Goldmedaille für Deutschland eine Überraschung.

Von Gabriele Pochhammer

Bevor Jessica von Bredow-Werndl, 35, und Dalera als erstes deutsches Paar ins olympische Dressurviereck galoppierten, da leistete sich die Stute noch einen kleinen Hopser außer der Reihe, genau vor den Richtern. "Da wusste ich, dass sie wach war", sagte von Bredow-Werndl. Ein beruhigendes Tätscheln am Hals, und die 14-jährige Trakehnerstute wusste Bescheid: Kein Grund zur Aufregung, aber jetzt gilt's. Obwohl keine Zuschauer auf den Rängen saßen, ist sich Jessica von Bredow-Werndl sicher: "Dalera war beeindruckt von der Atmosphäre, auch wenn es ganz still war."

Dann begann der Ritt: die elegante Stute, die sich bewegt wie eine Balletteuse, und ihre grazile Reiterin, zusammen eine Augenweide. Spielerisch bewältigten sie das schwierige Programm, alle Lektionen gelangen auf den Punkt. Es sah so leicht aus und doch so kraftvoll. Nur einmal in der Piaffe, der trabartigen Bewegung auf der Stelle, schnaubte die Stute kurz, eine winzige Stockung im Fluss der Lektionen, eine kleine Schrecksekunde. "Aber zum Glück hat Dalera sofort auf mich reagiert", sagte von Bredow-Werndl. "Sie war ganz auf mich fokussiert, in solchen Momenten muss ich meinen Körper hundert Prozent unter Kontrolle haben, sonst bringe ich die Stute aus dem Gleichgewicht." Und das ist nicht so leicht, wie es aussieht.

Als sie am Ende der Aufgabe zur Galopp-Pirouette ansetzte, da habe sie gedacht: "Oje, das ist ganz schön anstrengend." Sie sei ja wirklich fit. "Aber vielleicht habe ich einfach vergessen zu atmen." Ein Regenguss war kurz zuvor über dem Reitstadion niedergegangen, Feuchtigkeit hing in der Luft. Am Ende stand ein persönliches Bestergebnis in einem internationalen Wettbewerb, 84,379 Prozent. Jetzt einmal durchgeatmet - auch dem Team aus Aubenhausen, das Jessica von Bredow-Werndl nach Tokio begleitet hat, Ehemann Max von Bredow mit zwei deutschen Fähnchen im Rucksack, Vater Klaus Werndl und Daleras Pflegerin Paula Kallmünzer sah man die Erleichterung an.

Für Isabell Werth geht es im Einzel um einen historischen Sieg, für Jessica von Bredow-Werndl um den großen Sprung an die Spitze

Die zweite deutsche Reiterin, Dorothee Schneider, ging nach einem schwungvollen Ritt, der nur durch ein kleines, aber teures Versehen in der Linkspirouette getrübt wurde, mit 78,820 Prozent aus dem Viereck. Auch die sechsfache Olympiasiegerin Isabell Werth auf Bella Rose kam am Sonntag mit dem zweitbesten Ergebnis, 82,500 Prozent, nicht an der Konkurrentin aus Bayern vorbei. Ein Fehler beim Anfangsgalopp und leichte Spannung insgesamt trübten die Vorstellung. Auch habe sie angesichts der entscheidenden Prüfungen, die noch kommen, nicht alles riskiert, sagte Werth.

Am Sonntag durfte sich Dalera entspannen, ihre Reiterin rekapitulierte noch einmal jede Lektion auf dem Video. Am Montag steht die letzte Vorbereitung auf den Grand Prix Special an, die Mannschaftsprüfung. Der Grand Prix galt lediglich als Qualifikation, die Vorleistungen zählen jetzt nicht mehr, es geht für alle bei null los. Voraussichtlich werden sich die hochfavorisierten deutschen Dressurfrauen ihr Mannschaftsgold abholen, das zehnte seit 1976. Damit es anders kommt, müsste schon eine von ihnen vom Pferd fallen.

Bis dahin kämpfen sie miteinander, aber am Abend, wenn die Hymne verklungen ist, sind sie wieder Konkurrentinnen um eine Einzelmedaille. Und die ist jeder von ihnen zuzutrauen. Für Isabell Werth geht es um einen historischen Sieg, sie wäre dann die erfolgreichste deutsche Olympiasportlerin. Für Jessica von Bredow-Werndl geht es um den ganz großen Sprung an die Spitze, vorbei an der Frau, die manche die Dressurkönigin nennen und die ihre Lehrmeisterin war. Seit Wochen, nein, seit Monaten spüre sie diesen Druck, sagt von Bredow-Werndl. "Ich habe ein Pferd, das alles für mich tut, und am Ende macht es für Dalera keinen Unterschied, ob wir bei Olympischen Spielen in Tokio sind oder bei der deutschen Meisterschaft in Balve. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht mehr tun kann, als mein Bestes zu geben." Vielleicht ist das Beste ja gut genug, um nach den Sternen zu greifen.

© SZ
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