Süddeutsche Zeitung

Dressurreiten:Mit Edith Piaf gegen Löwengebrüll

Dreimal Gold, dazu Silber mit der Mannschaft: Doppelolympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl lässt ihre Gegner bei der Dressur-EM in Riesenbeck hinter sich.

Von Gabriele Pochhammer, Riesenbeck

Die drei Reiterinnen lächelten freundlich, strahlten breit, wenn es um ihre wunderbaren Pferde ging, und doch lag mehr als ein Hauch von Ehrgeiz und Entschlossenheit in der Luft. Die knapp geschlagenen Britinnen Charlotte Fry und Charlotte Dujardin und die Siegerin aus Deutschland, Jessica von Bredow-Werndl, sind Konkurrentinnen; Pressekonferenzen sind ja keine Kaffeekränzchen und Dressurreiten ist kein Zeitvertreib für höhere Töchter, sondern ein Sport, in dem nur die Richternoten zählen.

Doppelolympiasiegerin von Bredow-Werndl hatte zuvor bei der Dressur-Europameisterschaft in Riesenbeck mit der 16-jährigen Trakehnerstute Dalera ihre Konkurrentinnen nochmal auf Abstand halten können, der allerdings am Ende, in der Musikkür, nicht einmal ein halbes Prozent betrug. Silber mit der Mannschaft, drei Siege, davon die Einzeltitel im Grand Prix Special und in der Kür, jeder Ritt mit einem neuen persönlichen Punkterekord. Sie hat geliefert.

Dies wird nicht das letzte Duell zwischen der aktuellen Weltmeisterin Charlotte Fry und der neuen Europameisterin Bredow-Werndl gewesen sein. Spätestens bei den Olympischen Spielen in Paris treffen sie wieder aufeinander. Dann ist Dalera 17, also in einem Alter, in dem ein Pferd alles kann, alles gesehen hat und nichts dazulernen muss. Die Stute gesund und bei guter Laune zu halten, darauf kommt es für Bredow-Werndl jetzt an. Sie wird viel im Wald spazieren reiten und nicht zum Weltcupfinale 2024 nach Riad reisen. Die Stute soll in Paris ihre Abschiedsvorstellung geben.

Dann werden auch wieder wie in bei der EM Riesenbeck Chansons von Edith Piaf die Kür untermalen. "Ich nehme immer Musik, bei der ich selbst eine Gänsehaut bekomme", sagt Bredow-Werndl. "Dann reite ich zu der Musik und fühle, ob auch Dalera sie mag." Sie mochte - auch wenn sie vermutlich keine Gänsehaut bekommen hat. Und dass das französische Olympiapublikum am Ende im Takt mitklatschen wird wie die deutschen Zuschauer in Riesenbeck, davon kann man ausgehen.

Moderne Rhythmen dröhnten dagegen zu Charlotte Frys Ritt aus den Lautsprechern. "Ich wollte einfach junge Musik nehmen, die zu meinem Alter passt, um auch die junge Seite der Dressur aufzuzeigen," sagte die 27-Jährige mit Seitenblick auf ihre rund zehn Jahre älteren Konkurrentinnen. Spitzen, so fein wie die gelegentlichen Sporenstiche in die Flanken der Pferde.

Sieben olympische Goldmedaillen, 21 EM-Titel - das macht Isabell Werth auf absehbare Zeit keiner nach

Die Kür von Charlotte Dujardin und dem erst zehnjährigen Imhotep begann mit Löwengebrüll. "Das passt zu ihm, er ist ein Kämpfer," sagte sie. Im Grand Prix Special und in der Kür gewannen die beiden jeweils die Bronzemedaille, mit dem Team gab es Gold. Dujardin, 38, hatte einige Monate Babypause eingelegt, die sechs Monate alte Tochter reiste mit nach Riesenbeck. Die dreifache Olympiasiegerin nahm die kleine Isabella sogar bei der Siegerehrung mit aufs Podium. Seit der Geburt ihres Kindes sei vieles für sie unwichtig geworden, sagte sie. Auch die Dressurnoten. "Ich glaube, ich bin eine ideale Mutterstute und kann es gar nicht erwarten, ein zweites Kind zu bekommen. Nach Paris." Dujardins Lebenspartner Tom im Hintergrund rang sich ein verlegenes Lächeln ab. Was für ein Gesicht soll ein Mann da auch machen?

Das Geplänkel auf dem Podium war der Abschluss einer sonnigen Europameisterschaft, die zeigte, wie schön und wie spannend Dressurreiten sein kann. 18 Pferde starteten in der Kür, eines prachtvoller als das andere. Gut geritten wurde nicht nur in der Spitzengruppe, gekämpft wurde auch da, wo keine Medaille mehr in Reichweite war, zum Beispiel von Isabell Werth auf dem 13-jährigen Quantaz.

Sieben olympische Goldmedaillen, 21 EM-Titel - das macht Isabell Werth auf absehbare Zeit keiner nach. Mit einem äußerst schwierigen Programm, alles auf den Punkt genau geritten, kämpfte sich die 54-Jährige auf Platz fünf vor, verließ das Viereck - und das Publikum erhob sich. Vor ihr rangierte auf Platz vier die Dänin Nanna Skodborg Merrald auf dem 15-jährigen Zepter, im Grand Prix Special hatte sie überraschend die Silbermedaille gewonnen, in der Kür unterliefen ihr ein paar Fehler. Auch sie ist für Paris eine Medaillenkandidatin. Mit drei Verfolgerinnen im Nacken, die sich alle noch steigern könnten, steht Jessica von Bredow-Werndl im Olympiajahr gewaltig unter Druck. Sie versucht, das abzuschütteln: "Die anderen kann ich nicht beeinflussen. Es kommt allein auf mich selbst an. Darauf konzentriere ich mich."

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