Die Elbe in Dresden kennt Karl Schulze wie kaum ein anderer. Dort hat er etliche Stunden auf dem Wasser verbracht, das Rudern perfektioniert, bis er zweimal Olympiasieger mit dem deutschen Doppelvierer wurde. Und nun soll sich in seiner Heimatstadt ein Kreis schließen: Am Wochenende tritt der 37-Jährige im Coastal Rowing an, der wilden Version seiner früheren Stammsportart, um seine Karriere aber wirklich zu beenden. Da wäre man dann schon bei allem, was das Multi-Sport-Event namens Finals ausmacht: Spitzensport trifft Entdeckergeist – und in der Regel eine Menge neugierige Zuschauer.
Morgens Fechten, mittags Stand-up-Paddling, danach noch zur Leichtathletik: 20 deutsche Meisterschaften werden ab Donnerstag vier Tage lang in Dresden ausgetragen. Seit der Premiere 2019 in Berlin trifft dieses Veranstaltungsformat regelmäßig auf Begeisterung: Am Ort, weil vieles nah beieinander liegt und teilweise kostenlos ist. Und in den Verbänden, weil sich hier erreichen lässt, was olympischer Sommersport sonst nur selten erlebt: in den Jahren zwischen den internationalen Großereignissen Fernsehpräsenz zu ergattern. Mehr als 30 Stunden lang werden ARD und ZDF aus Dresden berichten, noch länger in den Livestreams der Mediatheken. „Das ist für unsere Athleten, für uns als Sport extrem wichtig“, sagt etwa Oliver Schiek, Veranstaltungsdirektor der Deutschen Triathlon Union.
In Dresden hoffen sie, noch etwas von jenem olympischen Flair aufsaugen zu können, das im vergangenen Jahr durch Frankreichs Hauptstadt strömte. Die Leichtathletikveranstaltungen am Wochenende sind ausverkauft, und die ein oder andere prächtige Kulisse hat man ja auch zu bieten: Die Tanzsportdisziplin Breaking vor der Frauenkirche und Bogenschießen vor der Semperoper sollen für ähnlich anmutige Bilder sorgen wie vor einem Jahr in Paris. Nicht ohne Hintergedanken, versteht sich. Sachsens Sportminister Armin Schuster (CDU) sieht in den Finals eine Art Testlauf für eine Olympiabewerbung zusammen mit Berlin; Dresden wäre gerne Juniorpartner. Als Austragungsort vorgesehen ist die Stadt in den aktuellen Unterlagen allerdings nicht.
<strong>Der sportliche Stellenwert ist unterschiedlich</strong>
Sportlich hat das Sammelsurium an Leibesbetätigungen freilich nicht den Stellenwert wie die Spiele vor einem Jahr: Die Leichtathleten bauen gerade ihre Form auf für die Weltmeisterschaften im kommenden September in Tokio, für die sich viele Athleten erst noch qualifizieren müssen. Auch die Turner und Turnerinnen legen nach der Heim-EM im Mai und vor der WM im Oktober nun in Dresden eine Art Zwischenstopp ein. „Ich gehe nicht mit den größten Erwartungen an die deutschen Meisterschaften heran“, sagt Turnerin Karina Schönmaier; sie hat nach zwei Mal EM-Gold vor zwei Monaten in Leipzig erstmal Urlaub gemacht und Kraft getankt für den Höhepunkt bei der WM. In Dresden will sie ein „leichtes Programm“ turnen, wobei das im Spitzensport ja auch kein Spaziergang ist.
Abseits der etablierten Sportarten versteht sich das Format auch als Präsentierteller für künftige Olympiadisziplinen: Wie einem Lacrosse oder Flag Football zusagen, können die Besucher der Finals schon mal in Dresden herausfinden, bevor beides 2028 auch bei Olympia ausgetragen werden soll. Lacrosse war 1908 olympisch, für Flag Football wird es eine Premiere in Los Angeles sein. Genauso wie für Coastal Rowing.
Coastal Rowing soll für die Zuschauer nahbarer sein als klassisches Rudern
Was es damit auf sich hat, beschreibt Karl Schulze als „Kampf gegen die Natur“. In der Unterform Beach Sprint wird erst an Land gespurtet, dann ins Ruderboot gesprungen, um schließlich einen Slalomparcours um zwei Bojen zu absolvieren, an der dritten Boje zu wenden und dieselbe Strecke ohne Hindernisse zurückzurudern. Der Zielsprint wird wieder an Land auf eigenen Beinen absolviert. Normalerweise auf wellenreichen Ozeanen ausgetragen, muss nun die Strömung der Elbe überwunden werden. Im Vergleich zum klassischen Rudern sei das „einfach viel wilder, viel mehr Action, es ist ein viel größerer Fun-Faktor dabei“, sagt Schulze. Und: „Es ist viel nahbarer für alle Zuschauer, weil wir direkt an den Tribünen vorbeirennen. Man kann uns von allen Seiten komplett einsehen.“ Nahbar sein, das soll helfen im Kampf um Aufmerksamkeit von Zuschauern und Sponsoren.
Wehmut wird in den vier Tagen von Dresden allerdings auch aufkommen: Nur wenige Sportler werden sich angesichts des Zeitplans abseits ihrer eigenen Darbietungen andere Wettkämpfe anschauen können. „Das finde ich immer ein bisschen schade“, sagt Kugelstoß-Olympiasiegerin Yemisi Ogunleye. Denn das, was Sport für sie ausmacht, besteht ja auch darin: „Viele Menschen zusammenzubringen mit der gleichen Leidenschaft.“ Ihr Schaufenster, um das sichtbar zu machen, bekommen sie jetzt immerhin wieder.

