Was Martin Luther vom Speed-Klettern gehalten hätte, kann man heute nur erahnen. Oder man kann ChatGPT fragen. Eine Statue des Reformators steht vor der Frauenkirche in Dresden, und weil die Organisatoren der Finals alles zentral haben wollten, musste Martin Luther sich nun am Wochenende umringen lassen von gleich zwei Sportkulissen: hinter ihm eine 15 Meter hohe Kletterwand, vor seiner Nase eine Bühne für das Breaking-Turnier und 3×3-Basketball. Speed-Klettern, so kombiniert die künstliche Intelligenz, hätte Luther für gut befunden: Er sei ein Freund von Klarheit, Zielstrebigkeit und Disziplin gewesen; also schnurstracks eine Wand hochzuschießen, könnte in seinem Sinn gewesen sein. Sein möglicher Kommentar zum Breaking, so die KI: „Tanzen will ich nicht verdammen, so es dem Herzen zur Freude gereicht und nicht dem Hochmut dient.“ Er hätte sich beides also wahrscheinlich mal angeguckt.
Eine Einstellung, die auch die Menschen teilten, die sich an seinem Sockel in diesen Tagen säumten: Der Plan der Veranstalter an den historischen Stätten in Dresden ist aufgegangen, das neugierige Publikum zum Stehenbleiben und Platznehmen zu animieren. Auch beim Bogenschießen vor der Semperoper: alles voll. Viele Sporttalente sind Deutschland in den letzten Jahrzehnten abhandengekommen, man muss also etwas tun, um wieder zu begeistern. Und bei den Finals, dem Veranstaltungsformat mit diversen Meisterschaften am selben Ort, konnte man zumindest die Erkenntnis gewinnen: Zusammen erreichen die Sportarten, die sonst nur bei Olympischen Spielen im Fokus stehen, mehr Interessierte und potenzielle Nachwuchskräfte, als wenn jede ihre nationalen Meisterschaften allein austrägt.

Wer wollte, der konnte sich in Dresden tagelang von morgens bis abends die Zeit mit Sport vertreiben, vom Flag Football ließ sich problemlos zum Fechten flanieren, zwischendrin fanden sich Mitmachstationen für Bewegungshungrige. Und ein bisschen Show muss natürlich sein, auf der Tribüne beim Lacrosse wurden schon um 10 Uhr morgens Klatschpappen verteilt, etliche Neugierige waren gekommen und schauten sich das Spiel der Frauen um Platz drei der deutschen Meisterschaften an: HLC Rot-Weiß München gegen Schwarz-Weiß Köln. Dazu gab es Partymusik und Moderation, das gehört schon dazu. Lacrosse wird bei den Olympischen Sommerspielen 2028 neu ins Programm aufgenommen, in abgewandelter Form seiner Ursprungsversion: das Feld kleiner, mit sechs Spielern pro Team statt mit zehn. „Lacrosse sixes“ heißt deswegen die rasantere Variante, und vor Kulissen wie bei den Finals konnten sich die Aktiven schon mal an eine neue Aufmerksamkeit gewöhnen.
„Was hier los war, ist nicht normal für unseren Sport“, sagt Kanute Jacob Schopf
„Sonst sind wir froh, wenn drei Eltern und zwei Geschwister am Rand stehen bei unseren Spielen. So eine Stimmung wie hier haben wir echt selten“, sagte Lisa Kelly, „man fühlt sich zum ersten Mal wie ein richtig professioneller Sportler.“ Mit ihren Kölner Teamkolleginnen konnte die 24-Jährige an diesem Tag Platz drei bejubeln, vor Hunderten Zuschauern, die sich an den Klatschpappen verausgabten. Lacrosse war 1908 zuletzt olympisch, wird nach der Aufnahme ins Programm für Los Angeles durch den Deutschen Olympischen Sportbund gefördert. „Bisher haben wir den Sport quasi selber finanziert“, sagt ihre Trainerin Lina Müllejans.

Weiter zur Rhythmischen Sportgymnastik, nur ein paar Gehminuten entfernt: In der benachbarten Halle unweit des Leichtathletik-Stadions wird Darja Varfolomeev die Begeisterung zuteil, die sie als Olympiasiegerin von Paris entfacht hat: fünf deutsche Meistertitel, – alle, die es zu erobern gab – sicherte sich die 18-Jährige in Dresden. Die Zuschauer feierten Varfolomeev, eine willkommene Motivation vor der anstehenden Weltmeisterschaft. Gleiches Bild bei den Kanuten in der Dresdner Hafencity, wo Doppel-Olympiasieger Jacob Schopf, 26, über den Zuspruch staunte, 2000 Menschen säumten die Hafenkanten. „Was hier los war, ist nicht normal für unseren Sport und ist einfach nur geil“, sagte er.
In der klassischen Ruderszene wird Coastal Rowing noch belächelt
Viele Darbietungen konnten sich die Zuschauer kostenlos angucken, so mancher Fußgänger an der Elbe schaute dann auch mal beim Coastal Rowing vorbei: Das Küstenrudern steht 2028 erstmals im Olympiaprogramm. Nicht nur Bestleistungen sind wichtige Währungen im Sport, sondern auch die Aufmerksamkeit von außen, um das Ganze vermarkten zu können. In Dresden wurde für dafür die Elbe unweit von Zwinger und Semperoper ausgewählt: Am Freitag sah man dort pro Durchgang je zwei Athleten erst einige Meter zum Boot sprinten, dann einsteigen, in entgegengesetzte Richtungen um Bojen rudern und zurück, der Sieg wurde schließlich über einen Schlusssprint nach dem Ausstieg entschieden. Auch hier klebten Hunderte Menschen an den Absperrgittern, nah dran an den Sportlern. Ganz anders als beim Rudern, das man sonst kennt, sagte der Athlet Moritz Wolff: „Das hier hat einen Surfervibe, es läuft Musik, ist entspannter. Nicht wie beim klassischen Rudern, wo alle vorm Rennen böse gucken.“

Der 26-Jährige saß vor einem Jahr noch bei Olympia im Doppelvierer, wurde mit dem deutschen Team Fünfter. Er entschied sich danach umzusteigen und es mit dem Küstenrudern zu probieren, die Chemie mit seiner alten Ruder-Crew stimmte nicht mehr. Nun genießt er die Atmosphäre vor und nach den Rennen, nah an den Zuschauern. „Mein Feuer fürs Rudern ist damit wieder gekommen“, sagte er. Und das kürzere Format hat auch den Vorteil, dass er nicht mehr abgeschieden auf eigens dafür geeigneten Kanälen unterwegs sein muss, sondern eben auch mal mitten in der Stadt rudern kann. „Für die Zuschauer ist es einfach viel attraktiver und spannender, als wenn wir 2000 Meter irgendwo einen Kurs runterfahren. Das guckt sich auch nicht jeder gerne sieben Minuten an. Hier sind es zwei Minuten, kurz und knackig“, sagte Wolff. In der traditionellen Ruderszene hat Coastal Rowing allerdings noch einen schwierigen Stand. „Ich merke das bei vielen Aktiven, die es mit einem Auge belächeln und sagen, das ist ja kein richtiges Rudern“, sagte er. „Aber ich glaube, das ist die Zukunft.“
Beim Speed Klettern wurde dann noch ein neuer deutscher Rekord aufgestellt: Leander Carmanns brauchte für die 15 Meter aufwärts lediglich 4,958 Sekunden. Das schafft so mancher nicht mal auf der Geraden. „Die ultrageile Stimmung hat mich nach vorne getrieben“, sagte er der ARD. Und Luther? Der wäre als passionierter Fußgänger sicher auch auf seine Kosten gekommen.

