Süddeutsche Zeitung

Julian Draxler in Lissabon:Zur Reha bei Doktor Roger Schmidt

Lesezeit: 3 min

Spielt er noch Fußball? Aber ja! Julian Draxler wechselt von Paris Saint-Germain zu Benfica Lissabon - zu jenem Trainer, der schon die Karriere von Weltmeister Götze wieder vitalisierte.

Von Philipp Selldorf

Es hat zwar niemand eine Vermisstenmeldung bei der Kriminalpolizei aufgegeben, dennoch konnte man bei oberflächlicher Ansicht meinen, der Nationalspieler und Weltmeister Julian Draxler sei entweder verloren gegangen oder ausgewandert. Immer noch erklärt er sich auf seinem Instagram-Konto einem Team mit dem längst gelöschten Titel "Die Mannschaft" zugehörig, das spricht für die These vom Verschwinden. Das jüngste Foto in Draxlers Galerie zeugt hingegen eher von einem vorzeitigen Ruhestand: Es zeigt ihn lächelnd an einem exotischen Palmenstrand mit seiner seit dem Frühjahr schwangeren Freundin.

Nun endlich ist Julian Draxler, 28, wieder in dem Zusammenhang aufgetaucht, in dem er vor elf, zwölf Jahren bekannt geworden ist: als Fußballprofi, der tatsächlich auch Fußball spielen soll.

Bei PSG wurde er nicht mehr benötigt

Bei Paris Saint-Germain, wo er in den vergangenen fünf Jahren unter Vertrag gestanden hat, schien der Klub zuletzt nur noch der Pflicht nachzukommen, seinen Angestellten ordnungsgemäß in Bewegung zu halten. Ansonsten hatte PSG keine Verwendung mehr für Draxler. Seine letzten Kurzeinsätze in der französischen Liga - eine Minute, zwei Minuten, 13 Minuten - liegen ein halbes Jahr zurück. Im März rief ihn Hansi Flick zur Nationalelf, er spielte 90 Minuten gegen Israel, weitere vier gegen Holland, bis wegen einer Knieverletzung die nächste Pause anbrach. Im Sommer teilte ihn dann das neue PSG-Management einer Gruppe von Profis zu, die nicht mehr benötigt wurden.

So landete Draxler am Mittwochnachmittag auf dem für privaten Flugverkehr eingerichteten Flughafen Tires bei Cascais, unweit der portugiesischen Hauptstadt Lissabon, wo er sich dem Großklub Benfica anschloss, wie jener Klub am Donnerstagabend bestätigte. Am Freitag wird der neue Mann sein erstes Training absolvieren, Aufsicht wird dann sein Landsmann Roger Schmidt führen, der seine Tätigkeit bei der PSV Eindhoven beendet hat und gen Westen weitergezogen ist.

Schmidt, 55, ist zwar in erster Linie Fußballlehrer, er hat sich zuletzt aber auch einen Namen als Reha-Trainer gemacht, als er bei PSV die auf ungenügendem Niveau stagnierende Karriere von Mario Götze, 30, wieder in Gang brachte. Draxlers Fall hat mit dem seines 2014-Weltmeister-Kollegen einiges gemeinsam. Beide sind in jungen Jahren zu Wunderspielern erhoben worden, beide haben irgendwann verlernt, ihre unbestreitbar besonderen Begabungen konstant zu verwirklichen. Nun erhält Draxler außer der Chance, doch noch mal ein wichtiger Fußballer zu werden, auch die Möglichkeit, sich als potenzieller Stammspieler eines Champions-League-Klubs für die WM zu empfehlen.

Wie es des Landes der Brauch ist, waren die örtlichen Medienorgane rechtzeitig über die Ankunft des deutschen Stargasts unterrichtet worden und am Flughafen zur Stelle. Ein Foto in der Zeitung Record zeigte Draxler am Donnerstag an der Seite eines glatzköpfigen Mannes namens Roger Wittmann, der seit Anbeginn der Karriere sein Berater ist - wobei sich nicht wenige Leute in der Branche fragen, worin die Beratungsleistung überhaupt bestanden haben soll, da sich Draxlers einst aussichtsreiche Laufbahn in Paris immer tiefer in die Sackgasse bewegte. Möglicherweise würde Wittmann, 62, auf diese Frage antworten, dass es sich Jahr für Jahr aufs Neue gelohnt hat, den Karrieredrang mit Teilzeit-Einsätzen zu befriedigen. Schließlich hatte PSG die Teilzeit-Arbeit reich honoriert.

Julian Weigl wechselt von Benfica nach Mönchengladbach

Auch in Deutschland tauchten immer mal wieder Gerüchte auf, Julian Draxler könnte in die Bundesliga zurückkehren. Es blieb aber bei Gerüchten. Die Interessenten mussten davon ausgehen, dass es sich um ein teures Manöver handeln würde, das allenfalls der FC Bayern relativ bedenkenfrei hätte finanzieren können. Auch der ruhmreiche Klub Benfica kann sich einen Spieler mit Draxlers Gehaltsgewohnheiten in Wahrheit nicht leisten. Aber PSG scheint es ernst zu meinen mit der Ankündigung, den Luxus-Kader aufzuräumen. Laut Record kommen die Franzosen den Portugiesen entgegen, indem sie Draxler zunächst für ein Jahr an Benfica verleihen (Mietzins: 2,5 Millionen Euro) und zudem weiterhin 80 Prozent des Gehalts tragen.

Während der eine Julian von der portugiesischen Presse als "Bombe" willkommen geheißen wurde (sollte ein Kompliment sein), nahm der andere Julian recht unauffällig Abschied von Benfica. Julian Weigl, 26, schloss sich am Donnerstag Borussia Mönchengladbach an; auch er wurde für die Dauer eines Jahres ausgeliehen, und auch er macht sich Hoffnung, durch einen Ortswechsel noch rechtzeitig vor der WM in den Blick des Bundestrainers zu geraten. Knapp drei Jahre spielte er für Benfica, nun soll er helfen, den etwas zu dünnen Kader der Borussia zu stabilisieren.

Weigl hatte sich in Portugal durchaus bewährt, vor allem in seinem ersten Jahr erzielte er hohe Beliebtheitswerte, aber er hat mit seiner horizontal orientierten Spielweise auch selten geglänzt. 115 Partien bestritt er insgesamt, mit vier Toren blieb die Ausbeute selbst in Anerkennung seiner Aufgabe als defensiver Mittelfeldspieler bescheiden. Von Julian Draxler wird Benfica mehr Zauber erwarten, so viel steht fest.

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