NHL-Klub von Eishockeyprofi Draisaitl:Angriff der Mini-Monster

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Edmonton Oilers - Vancouver Canucks

Bei so vielen Erfolgen verrutscht einem schon mal der Mundschutz: Leon Draisaitl (rechts) bejubelt mit Zach Hyman einen von fünf Auftaktsiegen der Edmonton Oilers in der NHL.

(Foto: Jason Franson/dpa)

Leon Draisaitl und die Edmonton Oilers sehen sich gerüstet für den Gewinn des Stanley Cups - auch, weil deutsche Ausnahmespieler nur noch selten gemeinsam mit seinem Traumpartner Connor McDavid übers Eis flitzt.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Und da war es wieder, dieses Monster, das Dave Tippett in ausgewählten Momenten aufs Eis lässt. Der Trainer der Edmonton Oilers wirkt dann oft wie der Wissenschaftler Victor Frankenstein, der aus den Teilen verschiedener Körper eine Kreatur zusammenfügt und sie zum Leben erweckt. Beim Eishockey ist der perfekte Moment dafür das Überzahlspiel, und da war am Mittwoch gegen die Philadelphia Flyers mal wieder zu sehen, wie gefährlich die Oilers dann sind: Nach Zuspiel von Leon Draisaitl kombinierten am linken Flügel Connor McDavid, Tyson Barrie und Ryan Nugent-Hopkins. Pass von McDavid in die Mitte, Abpraller, Tor.

Es war das 2:2 in einer Partie, die Edmonton am Ende 3:5 verlor - die erste Niederlage der jungen Saison in der nordamerikanischen Eishockey-Liga (NHL), freilich nach fünf Siegen zum Auftakt. Und einer der Gründe für diesen Blitzstart ist das Powerplay. Fast jede zweite Überzahl der Oilers führt gerade zum Torerfolg (42,9 Prozent), ein außerordentlicher Wert, der ligaweite Schnitt liegt bei knapp der Hälfte. Klar, die Spielzeit hat gerade erst begonnen, da gibt es statistische Ausreißer, doch bereits jetzt ist zu sehen, welche Strategie Tippett wählt, um Edmonton den ersten Titel seit 21 Jahren zu bescheren: Er schickt seine besten Angreifer nur in ausgewählten Momenten gemeinsam aufs Eis.

Es gibt noch eine Statistik, an deren Reihenfolge sich jedoch bis zum Saisonende nicht viel ändern dürfte: In der Scorer-Liste (Tore plus Vorlagen) führt McDavid mit 15 Punkten, auf Platz drei liegt Draisaitl mit zwölf Punkten; dazwischen Alexander Owetschkin von den Washington Capitals mit 13. Dabei drehten sich die Debatten bei den Oilers in den vergangenen Spielzeiten oft um die Frage, ob man die beiden Ausnahmekönner zusammen auflaufen lassen und ein Monster kreieren sollte - oder ob sie in unterschiedlichen Sturmreihen besser aufgehoben wären, um so zwei Mini-Monster zu schaffen.

"Völlig wurscht", sagte Draisaitl kürzlich bei einer Fragerunde zur SZ. Nur: Wenn jemand sagt, dass ihm etwas komplett egal ist, und wenn er dabei so lausbübisch lächelt wie Draisaitl, dann heißt das ja erst einmal, dass er beide Varianten ganz in Ordnung findet. Und Tippett, der Trainer, bewertet das offenbar ähnlich. In normalen Situationen - diese Debatte scheint ein für alle Mal beendet zu sein - sind McDavid (in der ersten Sturmreihe mit Jesse Puljujärvi und Zach Hyman) und Draisaitl (mit Kailer Yamamoto und Nugent-Hopkins in Reihe zwei) getrennt. Nur in speziellen Momenten wie im Powerplay, nach Unterzahl oder bei Rückstand am Ende eines Spiels werden sie gemeinsam auf die Gegner losgelassen.

Oilers-Manager Ken Holland hat mit seinen Umbauten in der Sommerpause dafür gesorgt, dass diese Debatte zu einem Ende fand. Er kam 2019, nach 22 Jahren und vier Stanley-Cup-Siegen bei den Detroit Red Wings, zu den Oilers, und er fragte: Wie kann man das ändern - zwei der besten Angreifer der NHL im Kader zu haben, aber in den Playoffs in der ersten Runde (2020, 2021) oder zweiten (2017) zu scheitern - oder die Endrunde erst gar nicht zu erreichen, wie 2018 und 2019? Das frühe Aus in der Vorsaison war besonders schmerzhaft, mit vier Niederlagen hintereinander gegen die Winnipeg Jets.

"Ich glaube, dass wir nun den tiefsten Kader haben, seit ich hier bin", sagt Draisaitl

"Ganz ehrlich: Ich glaube, dass wir in allen vier Spielen das jeweils bessere Team waren", sagt Draisaitl heute. Sie lagen damals in sämtlichen statistischen Kategorien vorne, nur nicht in der, die am Ende über Siege entscheidet: "Wir haben kein Tor erzielt, wenn wir eins gebraucht hätten - ob das nun bei 3:1 war oder in der Overtime." Drei Partien wurden in der Verlängerung entschieden, alle drei gewannen die Jets. Draisaitl sagt: "So weh das tat: Wir haben daraus gelernt. Ich glaube, dass wir nun den tiefsten Kader haben, seit ich hier bin. Wir sind nun schwerer auszurechnen."

Zack Hyman (kam von den Toronto Maple Leafs) übernimmt jetzt den Platz von Nugent-Hopkins; der gerade mal 23 Jahre alte Puljujärvi den von Draisaitl in der ersten Reihe, die am Mittwoch gegen Philadelphia das zwischenzeitliche 3:3 erschuf. Nugent-Hopkins und Draisaitl rücken zu Yamamoto in die zweite Reihe, die den Anschluss zum 1:2 besorgte. Die Bully-Stärke von Derek Ryan (kam von den Calgary Flames) in Reihe drei erlaubt es Draisaitl, kein herausragender Verteidiger, bei Spieleröffnungen im eigenen Spieldrittel ein wenig zu verschnaufen - noch so eine Debatte der vergangenen Spielzeiten: Ja, man will McDavid und Draisaitl möglichst oft auf dem Eis haben; aber man will sie dort eben zum richtigen Zeitpunkt und bei vollen Kräften sehen.

"Ich habe die Veränderungen in der Sommerpause sehr aufmerksam verfolgt", sagt Draisaitl, der seit dem Beginn seiner Profikarriere vor sieben Jahren für die Oilers spielt; er wurde damals als Dritter beim Draft gewählt, so früh wie kein deutscher Akteur zuvor. Mittlerweile ist er einer der besten Eishockeyspieler der Welt, 2020 sammelte er die meisten Punkte und wurde dafür mit der Art Ross Trophy belohnt, die dem fleißigsten Scorer vermacht wird; obendrauf gab es die Adelung zum wertvollsten Spieler der Saison. Nur: Was helfen einem individuelle Pokale, auf die Draisaitl ohnehin nicht besonders viel Wert legt, wenn man einfach nur den Stanley Cup gewinnen will?

"Wir haben Spieler bekommen, die uns als Mannschaft besser machen - wir müssen uns jetzt finden", weiß Draisaitl. Das klappt bislang ganz gut. Und wenn es mal eng wird, kann Trainer Dave Tippett ja noch immer dieses Monster zusammenbauen und aufs Eis schicken.

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