Es dauerte ungefähr eine halbe Sekunde, bis Zach Hyman bemerkte, dass nicht er, der Torschütze, der Mann des Augenblicks war, sondern einer, der seinen Treffer eingeleitet hatte. Hyman gönnte sich diese halbe Sekunde der Freude über seinen Führungstreffer – dann flog er Leon Draisaitl an die breite Brust. Mit der Vorlage zu Hymans 1:0 gegen die Pittsburgh Penguins hatte der deutsche Eishockey-Nationalspieler von den Edmonton Oilers den nächsten außergewöhnlichen Rekord in seiner Karriere erreicht: Es war die 1000. Torbeteiligung für den Kölner in der National Hockey League (NHL). Zugegeben, es war ein eher unspektakulärer Pass zu Connor McDavid, der wiederum Hyman bediente. Aber im Eishockey werden auch die Vor-Vorarbeiter bedacht. Die gesamte Spielerbank der Oilers kam aufs Eis gefahren, um Draisaitl zu gratulieren, der Puck wurde mit einer Papierbanderole versehen und Draisaitl später als Andenken überreicht.
Der 30-Jährige ist der erste Deutsche in der 108-jährigen Geschichte der NHL, der diese Marke erreicht hat. Nur 14 Sekunden später ließ er den 1001. Scorerpunkt folgen, im zweiten und dritten Drittel legte er zwei weitere Treffer zum 6:4-Sieg der Oilers auf. In der laufenden Saison steht Draisaitl nach 34 Spielen bei 17 Toren und 30 Vorlagen, insgesamt sind es in 824 Spielen 1003 Scorerpunkte – wohlgemerkt allein in der Hauptrunde (416 Tore, 587 Assists). Die Playoffs werden in dieser Statistik nicht mitgezählt. Dort vermag Draisaitl seine Effizienz sogar noch zu steigern, von durchschnittlich 1,22 auf 1,47 Punkte pro Spiel.

Eishockey bei Olympia:Das Eis ist zu klein
Das olympische Eishockeyturnier soll das Glanzstück der Winterspiele werden – sogar die Profis aus der NHL werden dabei sein. Doch nun sind alle nervös: Die Eisfläche ist zu kurz.
„Eintausend Punkte sind eine Zahl, die zu Beginn meiner NHL-Karriere unglaublich weit weg erschien, von daher klingt sie fast unwirklich“, sagte der Kölner. „Mich in diese Liste einzutragen, ist auf jeden Fall etwas Besonderes, da stehen einige Namen drauf, die absolute Legenden in unserem Sport sind.“ Jaromir Jagr, Alexander Owetschkin (der beste Torjäger der NHL-Geschichte mit 911 Treffern) oder Mario Lemieux etwa. Er sei aber auch deshalb „stolz auf diesen Meilenstein, weil er für eine über Jahre hinweg konstant gute Leistung steht“.
In seiner zwölften NHL-Saison blickt Draisaitl in der Tat auf ein imposantes Gesamtwerk zurück. In den jüngsten fünf kompletten NHL-Spielzeiten hat er die meisten Tore (243) erzielt, in der vergangenen Dekade ist er nach McDavid der zweitbeste NHL-Scorer (939 Punkte). Als bester Torschütze, als Topscorer, wertvollster Spieler (MVP) und als herausragender Spieler der Liga hat er die vier bedeutendsten individuellen Auszeichnungen erhalten, 2020 wurde er in Deutschland zum Sportler des Jahres gewählt. Viermal hat er 50 oder mehr Tore in einer Saison geschossen, sechsmal mehr als 100 Scorerpunkte erzielt. In der laufenden Saison ist er mit einem Gehalt von 14 Millionen Dollar der bestbezahlte Eishockeyspieler der Welt. Was ihm fehlt: der Stanley Cup, die Trophäe für den Meister der NHL.
„Leon arbeitet sich die Seele aus dem Leib“, sagt Oilers-Kapitän Connor McDavid
Draisaitls persönliche Erfolge lassen auch die Hoffnungen beim Deutschen Eishockey-Bund für die Olympischen Spiele im Februar in Mailand blühen. Erstmals seit 2014 dürfen die NHL-Spieler wieder an Olympia teilnehmen, Draisaitl ist einer von sechs deutschen NHL-Profis, die der DEB bereits zur Nominierung gemeldet hat. Seine bislang letzten Länderspieleinsätze liegen einige Jahre zurück. Nach dem Gewinn der Silbermedaille bei den Spielen 2018 (ohne NHL-Profis) scheiterte das DEB-Team bei der WM im folgenden Frühjahr mit Draisaitl in der Vorrunde, 2019 war im Viertelfinale gegen Tschechien (1:5) Schluss.
Sowohl der DEB als auch Draisaitl selbst sind bemüht, die Erwartungen zu dämpfen. Individuelle Bestmarken schön und gut, aber: „Diese Erfolge werden immer einem einzelnen Spieler zugeschrieben. An 1000 Toren in der NHL beteiligt zu sein, heißt aber auch, dass ich viele Mitspieler hatte und immer noch habe, die meine Vorlagen verwertet oder mir Tore aufgelegt haben“, sagte Draisaitl. „Ohne sie würde ich nicht bei 1000 stehen.“ Einer davon ist Oilers-Kapitän Connor McDavid, der noch schneller als Draisaitl 1000 Punkte erreicht hat. Gegen Pittsburgh gelangen ihm ebenfalls vier Scorerpunkte.
Einen Partner wie McDavid, der als bester Spieler der Gegenwart gilt, wird Draisaitl in Mailand nicht an seiner Seite haben. Aber er darf sich ein Kompliment seines Kapitäns zu Herzen nehmen: „Leon arbeitet sich die Seele aus dem Leib“, sagte McDavid nach dem Spiel. „Ich sehe das jeden Tag mit eigenen Augen. Es überrascht mich nicht, dass er diese Leistung vollbracht hat, und das so schnell, wo er doch noch so viele großartige Jahre vor sich hat.“ Ob bei Olympia oder in der NHL: 2026 könnte Draisaitls Krönungsjahr werden. Und das Schöne daran ist: Seine Mitspieler würden sich wieder ganz genauso mit ihm freuen wie Zach Hyman.

