Christiane Schenderlein wappnete sich noch einmal an der Bar, griff zu einer Packung Kamillentee. Keine schlechte Idee, die Stimme zu ölen, wenn sich so viel Redebedarf angestaut hat in jüngster Zeit. Vor allem der Entwurf des Sportfördergesetzes, der von der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt Ende Oktober präsentiert worden war, hatte den organisierten Sport enorm beschäftigt. Entsprechend gespannt waren sie beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), als Schenderlein am Samstag bei der Mitgliederversammlung in Frankfurt ans Rednerpult trat.
Da machte die Staatsministerin aber erst einmal therapeutische Gründe für ihren Kamillentee geltend: Ihre Stimme sei angeschlagen, das Plenum müsse sie leider krächzend ertragen. Es war, wie sich rasch zeigte, eine der kleinsten Unannehmlichkeiten an diesem debattenreichen Tag für den deutschen Sport.
Auf Jahreshauptversammlungen des DOSB schien in den vergangenen Jahren selten das vom Sport immer gewünschte Licht der Einigkeit, so war es auch dieses Mal. Auch wenn der Dachverband und seine Mitgliedsverbände sich große Mühe gaben, die Stimmung mit ihrer Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele kräftig anzuschieben. Sie hatten allerlei Kurzfilme zusammengeschnitten, garniert mit Jubelbildern vom jüngst gewonnenen Münchner Referendum, „Don’t stop me now“ von Queen wummerte aus den Lautsprechern. Ein Einspieler widmete sich dem Lebenswerk des Ehrenpräsidenten, einem gewissen Thomas Bach, der, wenn man die Botschaft richtig verstand, mit seinen Reformen als IOC-Präsident dafür gesorgt hat, dass die Deutschen wieder Lust haben auf die Spiele. Bach saß gerührt im Saal, ein Schokoladennikolaus auf seinem Pult, beschwor später die einigende Kraft Olympias, während die Gesellschaft auseinanderdrifte. Das tat auch Christiane Schenderlein in ihrer Rede. Doch spätestens, als sie auf das Sportfördergesetz zu sprechen kam, zeigte sich, wie ruckelig die Fahrgemeinschaft aus Sport und Politik gerade hierzulande unterwegs ist.
Der Kerngedanke des Gesetzes stammt noch aus Zeiten der Ampelkoalition: Eine Spitzensportagentur soll künftig Fördergelder verteilen, über Kadernominierungen und Stützpunkte entscheiden, völlig unabhängig. Oder fast, denn leider habe sich die neue Koalition im Kleingedruckten eine Art Veto-Recht gesichert, so sieht es der DOSB zumindest. Vor allem aber ärgerte ihn, dass er den Entwurf Ende Oktober erst wenige Stunden, bevor dieser öffentlich wurde, überreicht bekam – und das drei Tage vor dem Olympiareferendum in München. Da hatten sie jede Debatte vermeiden wollen; wäre das Referendum in München schiefgegangen, was wäre das für ein Signal gewesen für die Kampagnen der Mitbewerber, in Hamburg, Rhein-Ruhr und Berlin?
Am Samstag wirkte Otto Fricke, der neue Vorstandsvorsitzende im DOSB, erst mal als Schlichter, forderte „warmen Applaus“ für Schenderlein. Aber wer nun warme Worte der Einsicht erwartete, musste die imaginäre Winterjacke überziehen. Reformieren wolle man die Spitzensportförderung schon lange, man habe aber „nicht immer den Mut“ gehabt, „klare Konsequenzen“ zu ziehen, sagte die Staatsministerin. Nun habe die Politik dann mal „vorgelegt“. Frei übersetzt: Klare Konsequenzen traut man dem Sport nicht (mehr) zu. Allerdings beteuerte Schenderlein, dass auch die Politik „in die zweite Reihe zurücktreten und die Förderung in weiten Teilen in die Hände der Spitzensportagentur legen“ werde. Also kein ständiges Durchregieren bis auf den Sportplatz, wie es DOSB-Präsident Thomas Weikert kurz darauf in seiner Rede befürchtete.
Weikert nahm erst einmal langen Anlauf für seinen Konter, als er betonte, dass es auch in den rund 102 Mitgliedsorganisationen des DOSB immer wieder knirsche. Aber man wolle nicht durchgreifen wie früher, dafür beraten, gemeinsam Lösungen finden. Er finde es großartig, wenn eine Staatsministerin für Sport im Kanzleramt für den Sport lobbyiere, als Erste in der Geschichte der Republik übrigens. „Aber bitte“, sagte Weikert, er klang fast flehentlich, „tun Sie es mit dem Sport und nicht ohne ihn und bitte nie gegen ihn“. Das decke sich nicht mit seinem Verständnis von Gemeinsamkeit. Nach dem derzeitigen Entwurf hätten die, „die am meisten vom Sport verstehen“, nichts zu entscheiden, „wenn es darauf ankommt“. Auch könnte es das IOC so deuten, dass sich die Politik zu sehr in die Autonomie des Sports einmische.
Mal abgesehen davon, dass die Schmerzgrenze beim IOC in puncto staatlicher Einmischung bisweilen ja doch recht elastisch ist: Als Schenderlein kurz darauf mit Weikert noch mal vor dem Saal auftrat, bügelte sie den Konter recht kühl ab. Autonomie des Sports? Ist doch im Grundgesetz verankert. Mitsprache in der Spitzensportagentur? Dafür sei der Sportbeirat da. Auch setze der Bundesrechnungshof nun mal Grenzen, wenn die Politik Steuergelder verteile (die in den vergangenen Jahren immer üppiger an den Sport flossen). Die „klaren Konsequenzen“, die der Bund im Gegenzug erwarte, formulierte Schenderlein dann noch einmal griffiger als bislang: mehr Konzentration an weniger Bundesstützpunkten, weniger Sportarten „im Schleppnetz“ der Förderung, dafür mehr Mittel dort, wo mehr Leistung und Medaillen rausspringen sollen.
Der Streit darüber, wer bei der Olympiabewerbung abstimmen darf, wird im Hintergrund verhandelt
Klang das irgendwie vertraut nach der Spitzensportreform, die im Jahr 2016 mal angedacht war? Wobei, wenn sich zehn Jahre später noch immer nichts substanziell verbessert hat, haben sich das diejenigen mit der größten Sportexpertise vielleicht auch selbst zuzuschreiben. Räumte am Wochenende selbst der eine oder andere Sportfunktionär ein.
Andere Themen rückten da in den Schatten, etwa der Vorschlag, dass DOSB-Präsident und Präsidiumsmitglieder mit 2000 respektive 1000 Euro im Monat entlohnt werden ab dem Jahr 2027 (wurde mit großer Mehrheit verabschiedet). Oder der Vorschlag der Landessportbünde, dass die unterschiedlichen Interessengruppen ihre Vertreter künftig direkt ins DOSB-Präsidium entsenden sollen (mit großer Mehrheit abgelehnt). Und auch die neue Bewertungsmatrix, die mit nur einer Gegenstimme abgesegnet wurde: Sie soll im kommenden Sommer die vier nationalen Olympiakandidaten bewerten und eine Rangliste ausspucken. Dann soll eine außerordentliche Mitgliederversammlung im Herbst den Sieger küren (ohne, dass sie an die Rangliste gebunden ist).
Allerdings streiten die DOSB-Mitglieder, allen voran die olympischen Fachverbände und die Landessportbünde als Vertreter des Breitensports, seit Monaten ausdauernd, wer in diesen Fragen der Olympiabewerbung überhaupt abstimmen darf. Final geklärt ist das immer noch nicht, auch wenn alle Anzeichen darauf hindeuten, dass nach der rechtlichen Auffassung der DOSB-Führung nur die olympischen Verbände zuzulassen sind. Am Wochenende verhandelte er das Thema wie so oft: im Hintergrund. Dabei wäre es eigentlich schon diesmal für die Frage, wer die Matrix verabschieden darf, relevant gewesen. Der deutsche Sport löste das auf seine Weise: Weil die nichtolympischen Mitgliedsverbände die Wahl am Samstag nicht entscheidend beeinflussten, weil ohnehin fast alle die Matrix befürworten, durften alle mitstimmen.
Im kommenden September dürfte das anders sein, zumindest wenn bis dahin noch mehrere Konzepte im Rennen sind und wenn es zu einer Kampfabstimmung kommt, welche Stadt für 2036, 2040 oder 2044 beim IOC ins Rennen gehen wird. Wie partnerschaftlich es dann zugehen wird, werden sie nicht nur beim Bund gespannt beobachten.


