Nachfolge von Alfons Hörmann:Die letzte Chance des DOSB

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Nachfolge von Alfons Hörmann: Der umstrittene DOSB-Präsident Alfons Hörmann tritt am Samstag ab.

Der umstrittene DOSB-Präsident Alfons Hörmann tritt am Samstag ab.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Nach dem großen Chaos der vergangenen Monate wählt der DOSB einen neuen Präsidenten. Die Krise ist inzwischen so groß, dass der Dachverband um seine Existenz kämpfen muss.

Kommentar von Johannes Aumüller

Es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass der Deutsche Olympische Sportbund an diesem Wochenende just in Weimar zusammenkommt. Dort tagte er vor 15 Jahren schon einmal, bei der ersten regulären Mitgliederversammlung des damals neu gegründeten Verbandes. Und die Unterschiede in seiner Verfasstheit könnten größer kaum sein: Damals promotete sich der DOSB als das neue Dach- und Zentralorgan des deutschen Sports, ohne und gegen den nichts mehr geht. Inzwischen ist die Lage so verheerend, dass er um seine sportpolitische Existenz kämpfen muss, um Bedeutung und Einfluss.

Neulich hat Thomas Konietzko, als Präsident des Kanu-Weltverbandes einer der einflussreichen deutschen Sportpolitiker, im ZDF einen schönen Satz gesagt: "Es gibt keine Krise im deutschen Sport: Es wird weiter schnell gelaufen, schnell gepaddelt, die Ehrenamtlichen engagieren sich in den Vereinen. Es gibt eine Krise in der Führung."

Letztlich hatte der DOSB in 15 Jahren nie einen angemessenen Repräsentanten

Das ist richtig. Und besonders betrüblich wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, wie lange diese Krise schon vorherrscht. Denn das Auftreten und der Führungsstil des scheidenden Präsidenten Alfons Hörmann verstören nicht erst seit der Eskalation in diesem Jahr, als eine anonyme und angeblich im Namen der DOSB-Mitarbeiterschaft verfasste Mail eine "Kultur der Angst" konstatierte und es in der Folge zu allerlei unappetitlichen Vorgängen kam.

Dies ist schon seit Beginn von Hörmanns Tätigkeit 2013 so. Und vor Hörmann wiederum befehligte den Verband sieben Jahre lang Thomas Bach, der alles seinen persönlichen Ambitionen im Internationalen Olympischen Komitee unterordnete und viele inhaltliche Themen unangemessen oder gar nicht behandelte.

Letztlich hatte der deutsche Sport seit der Gründung des DOSB vor 15 Jahren keinen angemessenen Repräsentanten an der Spitze. Bach und Hörmann haben, jeder auf seine Weise sowie geduldet bis unterstützt von vielen anderen Funktionären, den DOSB so heruntergewirtschaftet, dass er jetzt in Trümmern liegt. Es ist bezeichnend genug, wenn aus dem Sport selbst vernichtende Analysen kommen; sei es von der Ethikkommission, die sich mit den Vorwürfen gegen Hörmann und andere befasste, sei es von den internen Arbeitsgruppen, die sich im Herbst mit dem Zustand des Sports beschäftigten.

Der DOSB hat nun quasi eine letzte Chance, sich richtig aufzustellen, aber das ist nicht nur wegen der vielen internen Verletzungen der jüngeren Vergangenheit schwierig. Zwar ist beiden Kandidaten, die für die Hörmann-Nachfolge antreten, ein grundsätzlich anderer Stil zuzutrauen: dem favorisierten Tischtennis-Funktionär Thomas Weikert ebenso wie Claudia Bokel, der Präsidentin des Fechterbundes.

Und an Themen mangelt es quer durch alle Facetten von Spitzen- und Breitensport ohnehin nicht. Aber erstens ist es mit dem Austausch an der Spitze nicht getan, sondern muss sich viel Grundsätzliches tun. Und zweitens führen viele Jahre Führungskrise auch dazu, dass sich Machtpositionen verschieben und im Sport gewisse Fliehkräfte einsetzen.

Von den Athleten bis zu den Landessportbünden - viele einzelne Gruppierungen kapseln sich ab

Besonders exemplarisch zeigt sich das bei den Athleten, die sich seit geraumer Zeit unabhängig organisieren und ihren Einfluss mächtig ausbauten. Auch bei den Landessportbünden gibt es den Trend zu mehr Eigenständigkeit - wenngleich sie sich intern, insbesondere zwischen Bayern und Nordrhein-Westfalen, gerade arg fetzen. Die Mannschaftssportarten vom Basketball bis zum Eishockey haben eine eigene Teamsport-Initiative gegründet, die etwa bei den Gefechten um die Präsidiumsplätze in diesen Tagen als Einheit auffällt.

Die jüngste, mal wieder gescheiterte Olympia-Bewerbung fußte auf einer Privatinitiative aus Nordrhein-Westfalen. Beim Spitzensport beklagt der DOSB schon jetzt mangelnde Steuerungsmöglichkeiten; sollte es zu einer zuletzt verstärkt diskutierten sogenannten Spitzensport GmbH kommen, würde sich das nochmal verschärfen. Und der Berliner Politikbetrieb schaut strenger als früher auf den Sport, die Pläne der Ampel-Koalitionäre intensivieren diese Richtung.

Wenn man das alles mal abzieht: Was bleibt dann eigentlich übrig vom und für den DOSB?

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