bedeckt München 14°

Dortmund:Niemand im Rückspiegel

Der BVB lässt der Ankündigung, sich von Bayerns erhoffter Aufholjagd nicht stressen zu lassen, Taten folgen. Der Sieg in Leipzig zeigt, dass das Team die Winterpause gut überstanden hat.

Von Saskia Aleythe, Leipzig

Ganz vorne ist die Aussicht die schönste. Keiner, der einen ausbremst oder den Blick auf die Landschaft versaut, so in etwa klang das, als Michael Zorc am Samstagabend im ZDF sagte: "Wir fahren unser eigenes Rennen." Klar, wenn kein Konkurrent zum Überholmanöver ansetzt, düst es sich recht lässig vorneweg. Der Sportdirektor von Borussia Dortmund hatte ein Spiel gegen RB Leipzig gesehen, in dem der BVB zwar ein paar Mal von der Ideallinie abkam, aber beim Blick in den Rückspiegel konnten die Beteiligten dann recht entspannt feststellen: Rangesaugt hatte sich nach diesem Rückrundenstart niemand, die Fahrt kann weitergehen, unbeirrt in die nächsten Runden. Mit freiem Blick auf die Meisterschaft.

Das Wort Meisterschaft benutzen sie in Dortmund noch ungern, aber es ist schwer zu bestreiten, dass der Führende auch die Ziellinie als Erster im Blick hat. Ein Tor von Axel Witsel in der 19. Minute brachte den Dortmundern den 1:0-Sieg in der Leipziger Arena, ein knallharter Schuss unter die Latte nach einer Ecke. Es sei ein "sehr sehr schweres Spiel" gewesen, sagte BVB-Trainer Lucien Favre, der gerne Worte doppelt benutzt, aber es ließ sich ja durchaus resümieren: Eine lockerere Runde zum Einfahren in die Rückrunde war das nicht. "Wenn mir jemand gesagt hätte, dass wir gegen Dortmund so viele Chancen bekommen, hätte ich gesagt, dass das sehr optimistisch ist", sagte RB-Trainer Ralf Rangnick, als er nach der Partie auf dem Pressepodium saß, mit freiem Blick auf die Spielstatistik: "Da sehe ich 14:8 Torschüsse, aber kein Tor." Torwart Roman Bürki hatte seine Aufgabe an diesem Abend ganz gut erledigt.

Sport Bilder des Tages RB Leipzig Dortmund Fussball Bundesliga Leipzig 19 01 2019 Red Bull Are

Ein bisschen Auch von sich selbst überrascht: Axel Witsel bejubelt sein fulminantes Tor.

(Foto: Gabor Krieg/imago/Picture Point LE)

Es ist ja immer ein Gefühl der Ungewissheit, das die Mannschaften nach der Winterpause beschleicht. Wenn sie erst mal prüfen müssen, in welchem Zustand der Karren aus der Werkstatt zurückkommt. "Wir wussten nicht, wo sind wir genau", sagte Favre nun, er musste auch an einigen Stellen ungeplante Änderungen vornehmen. Marco Reus, der dem BVB in der Hinrunde mit elf Toren nur einen Treffer weniger als Paco Alcácer geschenkt hatte, fiel kurzfristig aus: Im Abschlusstraining am Freitag knickte er um. "Er hat eine leichte Bänderdehnung", sagte Zorc, "wir hoffen, dass es maximal ein oder zwei Wochen dauern wird." Und dann war da noch die Innenverteidigung, die Stück für Stück auseinander gebröselt ist: Manuel Akanji und Dan-Axel Zagadou mussten passen, Ömer Toprak zog sich am Donnerstag eine muskuläre Verletzung zu. Was dazu führte, dass neben Abdou Diallo Julian Weigl in die Verteidigung rutschte. Der 23-Jährige ist im Mittelfeld zu Hause, hatte aber schon im Dezember gegen Gladbach sein Können in der Abwehr bewiesen. "Er ist vielleicht nicht der Schnellste, aber hat ein sehr gutes Auge", meinte Bürki in Leipzig, "er erkennt Situationen sehr gut. Im Spielaufbau ist das sehr wichtig."

In der eigenen Arena hatten die Leipziger bis Samstagabend in der aktuellen Saison keine Niederlage hinnehmen müssen, sie fanden nach einem Vorstoß von Timo Werner (3. Minute) aber nur schleppend ins Spiel. "Wir haben nach einer Viertelstunde gesagt: Komm, lass uns voll in den Attackemodus schalten", sagte Rangnick, "du hast gegen einen Gegner wie Dortmund mit dieser Spielstärke nur die Chance, alles oder nichts zu spielen." Den Attackemodus brauchte RB auch, weil Witsel Torwart Peter Gulacsi überwunden hatte (19.). Was Leipzig dann offensiv zeigte, trug das Prädikat "unglücklich bemüht": Mal entwischte Werner zwei BVB-Verteidigern, passte dann aber so schlecht auf Marcel Sabitzer, dass die Arena raunte (29.).

RB Leipzig v Borussia Dortmund - Bundesliga

Dass es tatsächlich zum Sieg in Leipzig langte, lag vor allem am überragenden BVB-Keeper Roman Bürki, der nicht nur gegen Timo Werner spektakulär klärte.

(Foto: Adam Pretty/Bongarts/Getty Images)

In der zweiten Hälfte türmten sich Chancen auf beiden Seiten, doch sowohl Gulacsi als auch Bürki parierten eindrucksvoll. Sabitzer vergab freistehend vorm BVB-Tor (74.), der eingewechselte Alcácer traf in der 90. Minute die Latte. Dass Favre am Ende den Eindruck hatte, verdienter Sieger zu sein, zeigte sich an einem hübschen Versprecher: "Wir hätten früher zum 2:0 kommen können." Leipzig blieb die Erkenntnis, dass der Ruf als beste Defensive der Liga kaum verloren gegangen ist: Wenn die beste Offensive der Liga nur durch einen Standard zum Treffer kommt, kann in der Abwehr nicht so viel falsch gelaufen sein.

Natürlich ärgerten sich die Leipziger, nicht selber getroffen zu haben, "das fühlt sich im Moment auch extrem traurig an", sagte Rangnick. Aber seine Reaktion auf das Ergebnis zeigte ebenso, wo er den Rennwagen in dieser Saison abstellen will. "Wir haben nicht die Ambitionen, auf Mannschaften wie Bayern und Dortmund zu schauen", sagte er, "unser Ziel ist es, dass wir am Ende unter den ersten Vier stehen." Mit 31 Punkten ist Rang vier momentan erst einmal abgesichert.

Die Dortmunder reisten nicht nur mit der Tabellenführung zurück, sondern auch mit dem guten Gefühl, dass sie auch passable Ersatzteile parat haben. Sechs Punkte Vorsprung auf den FC Bayern sind es weiterhin, jenen Verein, den man laut Zorc nicht "permanent" im Kopf habe. "Wir fangen nicht an zu zittern", sagte der 56-Jährige noch. Besser ist das: Wenn man bei hohem Tempo ins Schlingern gerät, können schließlich auch kleine Flecken im Rückspiegel plötzlich ganz groß werden.

© SZ vom 21.01.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema