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Dortmund in der Champions League:Sogar die BVB-Aktie stürzt ab

Von Ulrich Hartmann

Am Dienstag um 23.06 Uhr Ortszeit hat der Torwart Roman Bürki auf Zypern etwas getan, was er in letzter Zeit häufig tun musste: Er hat einen Pass gespielt. Torhüter sind ja im Grunde dazu da, ihr Tor zu hüten, aber im Fußball der Moderne werden sie auch häufig in die Ballzirkulation eingebunden. Mancher Trainer nennt die Torhüter deshalb lieber Torspieler. Bürki hat bei Borussia Dortmund in jüngster Zeit sehr viel mitspielen müssen. Zuvor beim 2:3 gegen Leipzig war er einer der meistangespielten BVB-Akteure gewesen, und auch jetzt in der Champions League gegen Apoel Nikosia haben die Feldspieler ihren Torwart allzu gerne zu Hilfe geholt. Das war kein gutes Zeichen.

In der 62. Minute verloren im Mittelfeld Shinji Kagawa und Marc Bartra ohne Not, fast tollpatschig, den Ball - aber darüber hat später niemand gesprochen. Den gegnerischen Konter lief BVB-Verteidiger Sokratis ab und spielte zurück auf Bürki. Deshalb passierte das, was Dortmund in eine kleine Krise stürzte, dem Klub nun eine lästige Torwart-Diskussion beschert - und was ihn wohl das Achtelfinale der Champions League kosten wird.

Vier von sieben Gegentoren verschuldet?

Ein kapitaler Fehlpass von Bürki sowie gleich im Anschluss ein nicht festgehaltener Schuss brockten den Dortmundern den 0:1-Rückstand ein, den sie fünf Minuten später nur noch zum 1:1 ausglichen. 40 Cent verlor der Wert der BVB-Aktie in einer ersten Reaktion Mittwochmorgen, das macht bei 92 Millionen Aktien 36,8 Millionen Euro. Diese Summe verrät viel über die Tragweite von Bürkis Doppelfehler.

Der Schweizer, 26, wird medial maßgeblich dafür verantwortlich gemacht, dass Dortmund nach der Winterpause, wenn überhaupt, nur noch in der Europa League weiterspielen darf. Beim 1:3 gegen Tottenham hatte Bürki zwei Gegentore zugelassen, weil er die sogenannte kurze Ecke nicht zugemacht hatte. Auch beim 1:3 gegen Real Madrid ist ihm das Missgeschick mit der kurzen Ecke ein Mal passiert. Bürki wird folglich für vier von sieben Champion-League-Gegentoren verantwortlich erklärt - eine kritische Masse.

Diese Analyse überdeckt ein bisschen ein Problem, das beim BVB eigentlich eklatanter ist: Die zehn Feldspieler vor Bürki wissen mit dem Ball nicht allzu viel anzufangen. Die "Krise" dauert nun schon vier Spiele: Dem 1:3 gegen Real folgte ein mauer 2:1-Sieg in Augsburg, dann kam das 2:3 gegen Leipzig, nun das 1:1 in Nikosia. Alle zehn Feldspieler der BVB-Startelf am Dienstag haben in der Champions League schon mal ein Tor geschossen, sie kamen gegen Apoel auf etwa 70 Prozent Ballbesitz, elf Ecken und 16 Torschüsse - aber außer zwei Aluminiumtreffern gelang nur das 1:1 durch einen Kopfball von Sokratis. "Unsere zweite Halbzeit war wild, wir haben keine Ruhe ausgestrahlt", sagte der nach fünfwöchiger Verletzungspause zurückgekehrte Kapitän Marcel Schmelzer. Er vermisste überlegte Spielzüge.

"Wir wurden immer langsamer und schlechter", klagt Coach Bosz

Das mit der Ruhe klang leicht irreführend - angesichts eines phlegmatischen Dortmunder Auftritts. Mit 61 Prozent Ballbesitz ist der BVB bislang eines der dominantesten Teams in dieser Champions-League-Saison - aber die drei Tore, die daraus entstanden, sind unterdurchschnittlich. Das wirkt auch deshalb ernüchternd, weil der BVB unter Trainer Thomas Tuchel in der Gruppenphase der vergangenen Saison mit 21 Treffern in sechs Spielen einen Champions-League-Rekord aufgestellt hat. Auch dass Pierre-Emerick Aubameyang mit 15 Toren in zwölf Pflichtspielen momentan der treffsicherste Torjäger des europäischen Spitzenfußballs ist, war am Dienstagabend nicht zu erkennen. Der enttäuschende Gabuner fiel erstmals auf, als er in der dritten Minute der Nachspielzeit einen Ball an den Pfosten köpfelte.

"Es ist jetzt schwierig in der Gruppe", sagt Trainer Peter Bosz über die nun nahezu aussichtslose Konstellation. Der Niederländer wirkt ein bisschen ratlos, warum seine Mannschaft nach teils furiosen Auftritten wie beim 6:1 gegen Gladbach mittlerweile blockiert ist, warum sie schlecht Wege durch die gegnerische Abwehr findet, immer seltener zum Abschluss kommt. "Im Laufe des Spiels wurden wir immer langsamer und schlechter", klagte Bosz.

Auf seinen Torwart Bürki will er hingegen nichts kommen lassen: "Niemand macht ihm Vorwürfe", sagte Bosz. Medien spekulieren aber bereits, der BVB könnte sich womöglich für den in Paris auf die Ersatzbank verbannten Torwart Kevin Trapp oder für Kölns Timo Horn interessieren. Womöglich auch vor diesem Hintergrund machte Bürki einen deprimierten Eindruck: "Er nimmt es sich sehr zu Herzen", erklärte verständnisvoll Kapitän Schmelzer, während sein Torwart wortlos in den Mannschaftsbus schlich. Bürki erhält aber schnell Gelegenheit zur Wiedergutmachung, die englischen Wochen gehen weiter. Dass er durch den 37 Jahre alten Roman Weidenfeller ersetzt wird, erscheint unwahrscheinlich.

© SZ vom 19.10.2017/ebc
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