Dortmund im Glück Ohne Torchance gewonnen

Plötzlich war der Ball drin: Der vom Gegner angeschossene Torschütze Christian Pulisic beim Siegtor in Brügge.

(Foto: John Thys/AFP)

Borussia Dortmund freut sich über das wertvolle 1:0 beim FC Brügge, die spielerische Leistung deutet aber noch auf viel Arbeit für Trainer Favre hin. Symptomatisch für den Vortrag: das kuriose Siegtor in Belgien.

Von Ulrich Hartmann, Brügge/München

Für das Erreichen eines Meilensteins in seiner Karriere klang der Schweizer Fußballtrainer Lucien Favre, 60, am Dienstagabend ganz schön nüchtern. Um 22.40 Uhr war der Ball vom Fuß seines Stürmers Christian Pulisic zufällig ins Tor des FC Brügge abgeprallt - anders konnte man dieses Tor nicht beschreiben. Dieses 1:0 für Borussia Dortmund war der erste Champions-League-Treffer, den Favre als Trainer bejubeln durfte. Und der Sieg, der wenige Minuten später feststand, war der erste in diesem Wettbewerb für Favre. Das Spiel in Brügge war aber auch erst sein zweites in der Champions League - drei Jahre, nachdem er mit Mönchengladbach 0:3 in Sevilla verloren und fünf Tage später hingeschmissen hatte.

Dass es so lange gedauert hat für Favre, lag auch daran, dass er 2017 in der Champions-League-Qualifikation mit Nizza gescheitert war - ebenso wie schon 2006 mit dem FC Zürich und 2012 mit Gladbach. Umso glücklicher hätte er nun in Brügge sein können, aber für überwältigende Gefühle hatte die Leistung des BVB nicht genügt.

"Es war okay, aber es war nicht brillantissime", sagte der aus der französischen Schweiz stammende Trainer. Die Dortmunder Emotionen schwankten zwischen Enttäuschung über mangelnde Brillanz und Erleichterung über den schmeichelhaften Auftaktsieg - und nach einer Nacht des Abwägens entschied man sich vollends für das Gefühl der Erleichterung. Denn zum Zwecke des Einzugs ins Achtelfinale waren diese drei Punkte nicht zu verachten, und den schönen Fußball kann man sich ja noch aufheben für die Spiele gegen Monaco und Atlético Madrid. "Dann müssen wir aber schneller spielen und in den richtigen Momenten Risiko nehmen", sagte Favre, "und auch mal mit dem Ball gehen und nicht immer nur Pässe, Pässe, Pässe."

711 Pässe spielten die Dortmunder, aber fast keiner kam gefährlich im gegnerischen Strafraum an

711 Pässe haben die Dortmunder im Laufe der Partie gespielt, fast doppelt so viele wie Brügge. 649 sind auch angekommen, aber nur eine verschwindend geringe Anzahl davon im gegnerischen Strafraum. Marco Reus, der für den verletzten Paco Alcácer Mittelstürmer spielte, nahm ganze zwei Bälle innerhalb des gegnerischen Sechzehners entgegen. Auch deshalb hatte der BVB im ganzen Spiel eigentlich keine einzige richtige Torchance - der Siegtreffer durch Pulisic an seinem 20. Geburtstag resultierte aus nichts, was man Chance nennen durfte. Was Favre an diesem Tor aber gefallen hat, war, dass der kurz zuvor eingewechselte Dahoud einen Steilpass in den Strafraum auf Pulisic gespielt hatte. "Das war wenigstens mal eine Bewegung in die Tiefe", lobte der Coach.

Von Mario Götze waren solche Szenen während seines 62-minütigen Einsatzes selten gekommen. Nach drei Bundesligaspielen als Zuschauer durfte er diesmal von Beginn an spielen, wusste im Dickicht des belgischen Abwehrverbands mit dem Ball aber wenig anzufangen. Weder setzte Götze seine offensiven Mitspieler effektiv in Szene, noch hielt er den Ball mal in den eigenen Reihen oder überwand Gegner durch mutige Dribblings. Er entschuldigte seine mäßige Leistung mit der Schwäche des Kollektivs. "Ich habe nicht mein bestes Spiel gemacht, aber das müssen wir uns wohl alle ankreiden", sagte er, zeigte sich aber zuversichtlich: "Mein Vertrauen in mich wird immer da sein, dazu habe ich zu viel erlebt und zu viel Erfolg gehabt."

Drei Punkte nach einem Spiel - das ist bereits ein Punkt mehr als die Dortmunder in der Vorsaison nach allen sechs Gruppenspielen hatten. "Wir haben Fortschritte gemacht", lobte der Torwart Roman Bürki die gewachsene Effektivität und hatte Recht - aber wirklich nur rein mathematisch.