Dortmund gegen Schalke:Ein Derby wie ein Brühwürfel

Borussia Dortmund - FC Schalke 04

War was? Ousmane Dembélé von Dortmund (vorne) und Schalkes Benedikt Höwedes zeigen die passende Geste zu einem ereignisarmen Revierderby.

(Foto: dpa)

Beim Spiel zwischen Dortmund und Schalke erwarteten viele eine fußballerische Geschmacksexplosion, doch Würze entfaltete sich selten. Für Gourmets war das Duell eine Enttäuschung.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Was von einem Revier-Derby erhofft wird, hatte Christian Heidel vor dem Anpfiff formuliert: Spektakelfußball. Am liebsten wäre ihm ein sensationeller Spielverlauf, erklärte Schalkes neuer Manager. Erst könne er ja so einen 0:4-Rückstand hinnehmen, aber nur, wenn darauf eine atemraubende, beifallumtoste Aufholjagd folgt, die mit einem 5:4-Siegtreffer das königsblaue Finale krönt. In letzter Sekunde! Träum' weiter.

Vor Anpfiff scherzte der Fußball-Fan in Heidel. Der Fußball-Architekt in Heidel wird nach Abpfiff auch mit neun Toren weniger bestens klarkommen. Drückt sich im Nullnull vom Samstagabend doch eher der Schalker als der Dortmunder Fortschritt aus. Beide Revierklubs sind Baustellen, auf denen im Transfersommer das alte Gefüge aufgerissen wurde; beide bieten gewiss spannende Projekte an, aber beide sind erst noch dabei, ein neues Fundament zu finden. Wobei die Gäste unter Markus Weinzierl aufzuholen scheinen: Der Energiefußball, den der neue Trainer bereits in Augsburg lehrte, zeigt mit Zeitverzögerung erste Wirkung - seit sieben Pflichtspielen sind die Schalker unbesiegt. Dortmund hingegen legt gerade eine schöpferische Pause ein, Trainer Thomas Tuchel gerät nach vier sieglosen Ligaspielen in eine Ergebniskrise. Oben in der Tabelle nimmt der FC Bayern gelassen zur Kenntnis, dass die in der Selbstfindung begriffenen Blauen und Schwarz-Gelben als Verfolger in dieser Saison wohl nicht in Frage kommen.

Eine Zweikampf-Kette rund ums Ruhrgebiet

Das 171. Derby war ein 0:0 mit dem Charakter eines Brühwürfels. Man ahnt die Würze, aber sie entfaltet sich nicht, es brodelt ein bisschen, aber die Suppe geht nicht auf, weil jeder geschmacklich höherwertige Reiz in unauflöslicher Kompaktheit verloren geht. Das ist etwas für jene, die ihre Mannschaften rund um die Uhr verehren, die vermuten, dass sich da demnächst eine gute Sud entwickeln wird. Für den Gourmet aber, der im Hier und Jetzt am Teller sitzt, ist es eine geschmackliche Enttäuschung.

Dokumentiert auch dadurch, dass Schalkes Weinzierl einen Erfolg schon darin sah, dass der BVB, der unermüdlich an der Offensiv-Mühle kurbelte, bis zur Pause keine einzige Torchance entwickeln konnte - und nach der Pause nur einmal schwer die Latte traf. Hätte man jedoch alle direkten Duelle miteinander verbunden, hätte sich daraus eine Zweikampf-Kette rund ums gesamte Ruhrgebiet legen lassen. Trotzdem war es ein relativ faires Derby, in dem sich die Intensität zwischen den Strafräumen bündelte, also tief in der neutralen Zone. Weil beide Teams momentan doch sehr mit sich selbst, mit Struktur und Fortbildung beschäftigt sind, fehlte das böse Gift von einst, lag sich mancher Rivale am Ende sogar erschöpft und erleichtert in den Armen.

Eine Flachetappe, die Gipfel liegen in weiter Ferne

Mehr als ehedem ist dieses Revier-Derby halt doch ein Spiel wie so manches andere geworden. Das jüngste wird kaum Platz finden in der Highlight-Zusammenfassung der Saison, es war mehr eine Flachetappe. Auf der sich die Teams einrollen auf dem Weg zu den Gipfeln, zu denen beide Klubs streben, die aber noch im Nebel und in weiter Ferne liegen. Das Beste, das Gemeinsame: Keiner musste eine Demütigung ertragen, tief im Westen können alle wieder ruhig schlafen. Und von einer schmackhaften Neun-Tore-Suppe à la Christian Heidel träumen, die irgendwann ihr ganzes Aroma entfaltet.

© SZ vom 30.10.2016/tbr
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