Dortmund demütigt den HSV:Verschwenderisch zum Startrekord

Borussia Dortmund - Hamburger SV

Endlich, das 3:2 - Dortmunds Torschütze Pierre-Emerick Aubameyang.

(Foto: dpa)

Absurder Fußballabend in Dortmund: Gegen den Hamburger SV hätte der BVB gut und gerne ein Dutzend Tore erzielen können. Am Ende werden es wenigstens sechs. Trotz des 6:2 findet ein Dortmunder Spieler auch kritische Worte.

Von Carsten Eberts

In der 62. Spielminute wurde es endgültig absurd. Da bildeten Marco Reus, Henrikh Mkhitaryan und Robert Lewandowski einen Halbkreis um Hamburgs Keeper René Adler. Sie schossen aus allen Lagen, erst Lewandowski, dann Mkhitaryan, schließlich Reus. Doch am Ende reckte einzig Adler seine Faust in die Luft. Die Dortmunder Angreifer drehten desillusioniert ab. Wieder kein Tor.

Die Szene stand idealtypisch für die Samstagabend-Partie des fünften Bundesliga-Spieltags, selten gab es in dieser Spielzeit wohl eine einseitigere Partie zu bestaunen. Die Dortmunder hätten zehn, zwölf oder 15 Tore erzielen können. Am Ende wurden es immerhin sechs.

Pierre-Emerick Aubameyang (18., 65.), Mkhitaryan (22.), Lewandowski (63., 81.) und Reus (75.) holten den Dortmundern die zuvor an den FC Bayern abgegebene Tabellenführung zurück. "Es war einfach geil, es hat Spaß gemacht, zuzuschauen", jubilierte Trainer Jürgen Klopp, "hintenraus und immer mal wieder im Spiel ist mir schon das Herz aufgegangen." Fünf Siege in fünf Spielen bedeuten für den BVB auch einen neuen Startrekord.

Beide Teams hatten nicht gerade die ruhigsten Wochen der jeweiligen Vereinsgeschichte hinter sich. Beim BVB hatte man sich über das Verhalten von Bundestrainer Joachim Löw echauffiert, der das Dortmunder Vereinsheiligtum Mats Hummels zweimal auf die Bank gesetzt hatte, was Coach Jürgen Klopp die Vermutung entlockte: "Wenn Fehler Namen kriegen, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass es ein Borussia-Dortmund-Spieler ist." Nehmen wir es vorweg: Hummels war beim ersten Hamburger Treffer zu weit von der Szenerie entfernt, ließ sich ansonsten aber kein Fehlverhalten zuschulden kommen.

Beim Hamburger SV hatten sie ganz andere Probleme. Der Klub hatte sich unter der Woche, nun ja, mal wieder um den gesammelten Spott der Fußballnation beworben. Trainer Thorsten Fink wollte die aussortierten Abwehrspieler Slobodan Rajkovic und Michael Mancienne begnadigen, erfuhr jedoch von Sportdirektor Oliver Kreuzer, dass dieser gänzlich anderer Meinung war. Fink zitierte aus privaten Mails von Kreuzer, das Durcheinander war perfekt, Kreuzer setzte sich schließlich durch: Der HSV reiste ohne Rajkovic und Mancienne nach Westfalen.

Dort begannen die Probleme von Fink richtig. Aus personeller Not, jedoch auch in der Hoffnung, einen taktischen Coup zu landen, baute er seine Defensive um. Westermann, Djourou und Sobiech bildeten die neue Dreierkette, davor agierte Rincon, der sich in der Not mit zurückfallen lassen sollte. Es dauerte nur vier Minuten, bis der HSV-Defensive erstmals eine solche Notsituation attestiert werden musste. Erst Mkhitaryan, dann Sahin knallten den Ball auf Adlers Kasten, der Nationalkeeper konnte jeweils nur nach vorne abwehren und hatte Glück, dass nicht mehr passierte.

So ging es weiter. Nach 14 Minuten hätte sich der HSV nicht beschweren dürfen, hätte die Mannschaft bereits mir zwei oder drei Toren zurückgelegen. Erst rettete Adler bravourös gegen Lewandowski (10.), dann verlängerte Hummels einen Reus-Freistoß mit dem Kopf an die Latte (13.). Kurz darauf raste Aubameyang auf Adler zu, wählte mit einem Lupfer aber nicht die geschickteste Abschlussmöglichkeit (14.). Fink gestikulierte an der Seitenlinie, warf seine Arme immer wieder in Richtung des Dortmunder Tores, als wäre das Navigationsgerät seiner Spieler kaputt.

Lams Treffer aus dem Nichts

Dann ließ Fink seine Arme sinken. Ein langer Freistoß von Schmelzer hatte die Hamburger Dreierkette gesprengt, Aubameyang sprintete in die Flugbahn und zog ab; weil Adler erstmals nicht gut aussah, war der Dortmunder Führungstreffer perfekt (18.). Bis zum nächsten Rückschlag dauerte es nur knapp vier Minuten: Dortmund trug einen rasanten Angriff vor, Mkhitaryan nutzte nach Vorarbeit von Lewandowski exakt die Lücke, die sich in der Dreierkette zwischen Djourou und Westermann auftat und vollstreckte kühl zum 2:0 (22.).

Als sich manch einer auf eine sehr bittere Halbzeit für den HSV einstellte, plötzlich der Anschlusstreffer. Zhi-Gin Lam sah sich auf dem linken Flügel mit einer schwarz-gelben Übermacht konfrontiert, also drehte er sich und zog einfach ab; Lams Ball klatschte an den rechten Innenpfosten, von dort ins Netz. Lam jubelte nicht mal, trabte zur Mittellinie zurück. Er war wohl selbst überrascht, in welcher Situation ihm sein erstes Bundesligator gelungen war.

Die Dortmunder blieben trotzdem ruhig, beim HSV brach die Panik aus. Trainer Fink hatte richtigerweise gesehen, dass die Dreierkette überhaupt nicht funktionierte. Seine Mannschaft hatte es dem gesamten Glück der Fußballwelt zu verdanken, dass der Klub bis zur 45 Minute nur zwei Gegentore erhalten hatte - also stellte Fink um, mitten im Spiel, auf eine Viererkette. In der Hoffnung, dass nun zumindest ein wenig Stabilität zurückkehren würde.

Das Spiel wurde zunächst endgültig absurd. Nach fünf Minuten in der zweiten Halbzeit kam der Hamburger SV zu seiner zweiten Chance. Und schon stand es 2:2. Rafael van der Vaart, der bislang nur mit einer Wutattacke gegen den Schiedsrichter auffällig geworden war, schlug einen Freistoß auf Westermann, der den Freiraum, den ihm Subotic bot, bestens nutzte. "Wir kriegen aus dem Nichts das 1:2 und aus dem Nichts das 2:2", kritisierte Reus später, "wir bestrafen uns immer wieder selbst für die Arbeit, die wir tun." Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der HSV zweimal aufs Tor geschossen. Beim BVB zählten die Statistiker schon 14 Torschüsse.

Es dauerte bis zur 65. Minute, bis die Dortmunder wieder für ihre Mühen belohnt wurden. Zuvor hatte der BVB weitere beste Chancen ausgelassen, denn die Hamburger Viererkette stand der Dreierkettte aus der ersten Halbzeit in Sachen Instabilität kaum nach. Mit dem 3:2 durch Aubameyang war der Widerstand aber gebrochen: Binnen 16 Minuten erhöhte der Champions-League-Finalist auf 6:2, Stadionsprecher Norbert Dickel kam gar nicht mehr hinterher. Lobenswert erwähnt werden muss vor allem das 4:2 durch Lewandowski, in dessen Vorbereitung Reus seine gesamte Weltklasse aufblitzen ließ.

Vier Tore in 16 Minuten zeigen, wie überlegen die Dortmunder an diesem Samstagabend waren. Und wer sechs Tore schießt, kann irgendwie verschmerzen, dass es gut und gerne die doppelte Anzahl hätte sein müssen.

© Süddeutsche.de/ebc
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