Borussia Dortmund:Das Irrlichtern geht weiter

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Borussia Dortmund: BVB-Stürmer Marco Reus jubelt über ein Tor gegen Hoffenheim

Dortmunds Marco Reus bejubelt sein Tor - es war einer von wenigen Torschüssen gegen Hoffenheim.

(Foto: Teresa Kröger/imago images/Kirchner-Media)

Der BVB wendet beim schmeichelhaften 3:2-Sieg in Hoffenheim den nächsten Rückschlag gerade so ab. Nach dem Pokal-Aus auf St. Pauli kann aktuell keiner so recht den unberechenbaren Fußball erklären - Trainer Rose steht vor vielen Baustellen.

Von Freddie Röckenhaus

Als Erling Haaland nach einer guten Stunde Spielzeit neben Mannschaftsarzt Markus Braun vom Platz humpelte, war die Entwarnungsstufe ungefähr die, die auch für die ganze Dortmunder Mannschaft aktuell zu gelten scheint. Die Tomografen-Untersuchung stand am Sonntag zwar noch aus, aber es scheint festzustehen, dass der Torjäger Haaland wohl einen eher harmlosen Muskelfaserriss im Adduktoren-Bereich erlitten hat. Nichts Dramatisches also - im Vergleich zu den bangen Minuten vorher im Spiel, als Braun den Stürmer auf einen möglichen Kreuzbandriss hatte testen müssen. Glücklicherweise mit Entwarnung.

Dem BVB geht es ähnlich wie Haaland: Aus dem Pokal gegen St. Pauli gerade bitter ausgeschieden, aus der Champions League sowieso - aber in der Bundesliga wurde mit dem 3:2-Sieg bei der TSG Hoffenheim die nächste Katastrophe vorerst verhindert. Dortmunds Trainer Marco Rose quittierte kritische Nachfragen direkt nach dem Abpfiff: "Ja, der Sieg war schmeichelhaft, aber wir haben ihn am Ende nach Hause gekämpft."

Hoffenheim durfte durchaus der Meinung sein, die etwas bessere Mannschaft gewesen zu sein, dafür sprachen viele schwungvolle Spielzüge und 13:5-Torschüsse. "Es war ein Sieg der Effektivität", fand BVB-Kapitän Marco Reus. In der Tat erzielte Dortmund aus den ersten drei Torschuss-Situationen drei Treffer, durch Haaland, Reus und ein mehr oder weniger erzwungenes Eigentor des Hoffenheimer Jung-Nationalspielers David Raum. Für Hoffenheim trafen Andrej Kramaric (1:1) und Georginio Rutter (2:3).

Torjäger Haaland wird voraussichtlich mit höchstens drei Wochen Fußballpause davonkommen. Da erst am 6. Februar das nächste Bundesliga-Spiel ansteht, gegen Leverkusen, ist der Zeitpunkt für eine Auszeit nicht der schlechteste. Und auch sonst haben sie beim BVB gerade Spielglück in Serie, zumindest in der Liga. Dortmund hat 43 Punkte aus 20 Spielen geholt, die Bayern sind noch immer in Sichtweite, und auf den ersten Platz ohne Champions-League-Berechtigung beträgt der Vorsprung zehn Zähler. So weit, so gut. Die Kritik am oft so unerklärlich schwachen, stets unberechenbaren Fußball des BVB verstummt aber trotzdem nicht.

Dortmund steht in der Liga gut da, aber die Kritik reißt nicht ab

Denn die Katerstimmung, mit der Dortmunds teures Ensemble aus St. Pauli zurückgekommen war, ließ sich mit der über weite Strecken enttäuschenden Leistung in Sinsheim nicht wirklich vertreiben. Am guten Punktestand, dank drei Siegen in den bisherigen Rückrunden-Spielen gegen Frankfurt (3:2), Freiburg (5:1) und nun in Hoffenheim, kann sich kaum einer richtig erfreuen. Der finanzielle und physische Aufwand, den der BVB für seinen Stammplatz hinter den Bayern betreibt, wirkt groß, gemessen am Ertrag. Zudem profitiert die Borussia aktuell auch vom Schwächeln vermeintlicher Konkurrenten um die begehrten ersten vier Plätze (Leipzig, Wolfsburg, Mönchengladbach, Frankfurt). Und die Bayern sind nur deshalb noch nicht enteilt, weil auch sie sich mehr Aussetzer erlauben als in früheren Jahren.

In Sinsheim versuchte sich BVB-Verteidiger Manuel Akanji mal wieder an einer Erklärung, die eigentlich nur beschrieb, dass auch er keine Erklärung kennt: "Wir haben Spiele, in denen wir gut spielen, und dann Spiele, in denen wir nicht gut spielen. Wir haben darüber gesprochen." Fest steht: Der unstrittig guten Punkteausbeute in der Liga stehen bei der Borussia viele schwarze, unerklärliche Löcher entgegen.

Aus dem DFB-Pokal sind sie als Titelverteidiger gegen einen Zweitligisten rausgeflogen, ohne erkennbare Gegenwehr. In der Champions League hagelte es gegen Gegner wie Ajax Amsterdam und Sporting Lissabon Niederlagen, eine besonders bittere beim Rückspiel in Portugal. Gegen die Bayern hat Dortmund zuerst das mäßig bedeutsame Supercup-Finale und dann das Heimspiel in der Liga verloren. So zeigt die Bilanz also auch, dass Dortmund unter dem im Vorsommer geholten Trainer Rose bisher alle Spiele mit Schlüsselbedeutung verloren hat. Das Wort "Arbeitssieg" ist zudem beim BVB inzwischen ein Begriff, der tendenziell ironisch benutzt wird.

Rose übersteht diese Strömungen bisher verhältnismäßig unbeschadet. Hier und da gibt es Kritik am System, egal welches gerade aufgelegt wird, auch mal an spätem Aus- und Einwechseln. Ansonsten aber scheinen sich die meisten beim BVB damit eingerichtet zu haben, dass man eine Mannschaft hat, der das Irrlichtern offenbar nicht auszutreiben ist. Ja, es gibt auch mehr Verletzungen als gewöhnlich, aber intern wurde inzwischen registriert, dass es nur gut ein halbes Dutzend Spieler im Kader gibt, die auf dem mentalen Nahkampf-Niveau der meisten FC-Bayern-Spieler sind. Neben Torwart Kobel sowie den Abwehrspielern Akanji, Hummels und Meunier sind das noch Jude Bellingham und Haaland. Selbst einer wie Kapitän Reus hängt bei vielen Spielen durch, auch zuletzt gegen St. Pauli.

Rose muss sich also an mehreren Baustellen abmühen. Der BVB fängt sich weiterhin indiskutabel viele Gegentore, gut 1,5 pro Spiel, weil schon im Mittelfeld die Initialzündungen gegnerischer Konter verschlafen werden - und dann die Post abgeht. Zudem macht sich ein Geschwindigkeitsdefizit auf etlichen Positionen bemerkbar. Haaland hat in puncto Speed zumindest Verstärkung durch den Holländer Donyell Malen bekommen. Der bereitete in Sinsheim alle drei Treffer vor, sogar das Eigentor von Raum. Ansonsten aber ist der Kader derzeit nicht auf dem neuesten Stand der Geschwindigkeitsforschung, die den Fußball gerade überrollt. An diesem Manko wird Marco Rose in den kommenden 14 Tagen nicht viel ändern können.

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