Süddeutsche Zeitung

Borussia Dortmund:Fehlt Favre das Diplom im Fach Motivation?

  • Beim 2:2 in Bremen verspielt der BVB zum fünften Mal in dieser Saison einen Vorsprung.
  • Trotz eklatanter Unterlegenheit seien sie auf der Bremer Bank stets überzeugt gewesen, erzählte Werder-Trainer Florian Kohfeldt, dass ein Tor seine chancenlose Elf zurückbringen würde ins hoffnungslose Spiel.
  • "Es ist noch nicht vorbei", sagt BVB-Coach Lucien Favre hinterher, "das war ein Spiel, das wir gewinnen wollten."

"Rein rechnerisch" gehört zu jenen Floskeln im Fußball, die in der letzten Phase einer Saison zur Anwendung kommen, wenn man zur Einschätzung von verbliebenen Chancen besser das Institut für angewandte Mathematik bemüht als die Tabelle. Rein rechnerisch ist Hannover noch nicht abgestiegen, rein rechnerisch wird irgendjemand aus der zweiten Liga aufsteigen, und das Hin- und Herschieben von Zahlen erlaubt auch Borussia Dortmund, noch deutscher Meister zu werden. Also: in dieser Saison. "So lange es rechnerisch möglich ist", damit fingen am Samstagabend die Sätze der Dortmunder so verlässlich an wie Märchen mit "es war einmal". Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass die Saison nach dem 2:2 (2:0) der Borussen bei Werder Bremen nach menschlichem Ermessen gelaufen ist - nur halt rein rechnerisch noch nicht.

Entsprechend um Haltung bemüht und um Worte ringend hüstelte sich Lucien Favre hernach durch den Abend. Offenkundig war der Dortmunder Trainer erkältet, mindestens aber verschnupft. In der Woche zuvor hatte er die Meisterschaft ja bereits für entschieden erklärt. "Der Titel ist verspielt", fatalisierte er nach dem 2:4 gegen Schalke, noch bevor die Münchner ihren Teil zur Apokalypse überhaupt hätten beitragen können (was gar nicht geschah).

Favre flog sein defätistischer Ansatz prompt in Form einer Trainerdiskussion um die Ohren: Woran sollen sich Spieler orientieren, wenn der Trainer schon das Handtuch wirft, wenn nur die Lippe blutet? Fehlt Favre, 61, doch der Punch, das Diplom im Fach Motivation?

Vehement widersprachen die Klubchefs der Kapitulation ihres sportlichen Leiters, die BVB-Fans plakatierten im Oberrang des Weserstadions: "Es ist erst vorbei, wenn's vorbei ist." Auch das las sich wie eine strenge Korrekturnote unterm Aufsatz ihres Trainers. Das Feuer, das diesem mutmaßlich fehlt, hatten sie auch gleich mitgebracht, ständig loderten bengalische Flämmchen im schwarz-gelben Block.

Und heiße Tränen tropften auf das zerrupfte Foto des zähnefletschenden Jürgen Klopp, das jeder echte BVB-Getreue im Portemonnaie zwischen die Bilder seiner Kinder steckt, noch vor das der Frau.

Der sensible, angeschlagene Favre ähnelte in Bremen hingegen in Mimik und Ausdruck einem Maler, der kurz vor dem letzten Pinselstrich Zug bekommen hat, weil im Atelier ein Fenster gekippt war. Nach dem Spiel hätte er es sich leicht machen können: Ätsch, hab' doch gesagt, der Titel ist verspielt. Aber wer will schon als Prophet des eigenen Untergangs gelten?

"Es ist noch nicht vorbei", schnaufte Favre daher pflichtschuldig leidend, "das war ein Spiel, das wir gewinnen wollten."

Das hatte man gesehen. Auch ohne den rot-gesperrten Kapitän Marco Reus zeigte sich die Mannschaft nach dem kollektiven Nervenzusammenbruch von letzter Woche gut therapiert, von keinem anderen Gegner wurde Werder Bremen in dieser Saison vor heimischer Kulisse so deutlich beherrscht. Tempo und Technik vereinten sich zu einer einstündigen Demonstration jener Leichtigkeit, mit der Dortmund in der Hinrunde die Feuilletons entzückt hatte, als das fluffige Spiel noch nicht unmittelbar mit einem Ziel verbunden war.

Die Unbeschwertheit des Seins war zurück. Christian Pulisic war gleich zweimal viel zu schnell und viel zu gut für die Bremer Abwehr. Beim 1:0 entzog er sich wie ein Illusionskünstler dem Zugriff seiner Gegner und vollendete selbst (6.); dem 2:0 ging ein Foul an dem bereits an Chelsea veräußerten Ausnahmespieler voraus, Pablo Alcacer hexte den Ball ins Tor (41.).

"Schwer zu sagen, wie wir das wieder angestellt haben, das noch herzugeben"

Rechnet man all die Chancen des entschlossenen Mario Götze, des angriffslustigen Abdou Diallo oder des früheren Bremers Thomas Delaney dazu, hätten die Dortmunder nach einer Stunde auch 5:0 führen können, weil sie gleichzeitig Bremer Angriffe umsichtig unterbanden.

"Schwer zu sagen, wie wir das wieder angestellt haben, das noch herzugeben", stöhnte Julian Weigl angesichts der eigenen Überlegenheit später in die Mikrofone. Das "wieder" bezog sich wahrscheinlich auf die Statistik, wonach die Dortmunder bereits fünf Mal in dieser Saison einen Vorsprung verspielten - die Schwäche ist mittlerweile den Gegnern bekannt. Trotz eklatanter Unterlegenheit seien sie auf der Bremer Bank stets überzeugt gewesen, erzählte Werder-Trainer Florian Kohfeldt, dass ein Tor seine chancenlose Elf zurückbringen würde ins hoffnungslose Spiel.

Das ist kein Kompliment für die mentale Befindlichkeit eines Meisterschaftskandidaten, entspricht aber der Wahrheit. Ein eher verzweifelter Versuch des eingewechselten Bremers Kevin Möhwald und ein Moment der Unachtsamkeit des Dortmunder Keepers Roman Bürki, der es spielend unter die Top Ten der Torwartfehler 2018/19 schaffen wird, genügten, den BVB umzuwerfen. Der Ball rutschte Bürki durch Arme und Beine, über die Linie zum 1:2 (70.)

Den Rest erledigte Claudio Pizarro. Der Peruaner ist Werders Waffe, wenn es den schicksalhaften Verlauf eines Spiels zu manipulieren gilt. Er ist der große Bruder, den die Mitspieler zu Hilfe rufen können, wenn sie auf dem Schulhof Haue kriegen. Mit dieser Respektsperson muss ein Gegner erst mal umgehen können. Auch die jungen Dortmunder gingen dem alten Herrn auf den Leim, wie schon im Pokal-Achtelfinale, als Pizarro aus einem spannenden ein legendäres Spiel gemacht hatte.

Rein rechnerisch dürfte er angesichts seiner bald 41 Jahre ja nichts mehr in der ersten Liga verloren haben, aber so war der Fußball eben noch nie zu verstehen. Pizarro lauerte in Tornähe auf den nächsten Fehler, den Manuel Akanji zuverlässig machte, als er einen Zweikampf mit Werders Ludwig Augustinsson verweigerte wie ein Pferd das Hindernis. Die Hereingabe war Pizarros Beute, 2:2 (75.).

15 Minuten nach der Einwechslung von Möhwald und Pizarro hatten Möhwald und Pizarro das Spiel gedreht, ohne dass die Dortmunder eine Antwort auf die Veränderung gefunden hatten oder bis zum Ende finden sollten. Sie hätten sogar verlieren können - aber das wäre dann doch zu viel des Guten gewesen, auch rein rechnerisch.

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SZ vom 06.05.2019/chge
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