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Supercup BVB vs Bayern:Euphorie schlägt Nervosität

In München fällt das Wort "Euphorie" im Moment eher selten - ganz im Gegensatz zu den Dortmundern.

(Foto: AP)
  • Borussia Dortmund gewinnt den Supercup gegen den FC Bayern mit 2:0 - auch ohne den Großteil seiner Neuzugänge.
  • Beim Thema Transfers sieht es beim FC Bayern nach wie vor mau aus: In Dortmund bekamen die Münchner nicht einmal die Ersatzbank voll.

Von Martin Schneider, Dortmund

Joshua Kimmich bestand darauf, dass es keine Absicht war. Ja, er habe Jadon Sancho getroffen. Ja, er habe im ersten Moment sogar gedacht, das schmerzverzerrte Gesicht könne "nicht sein Ernst" sein. Ja, er habe sich über die gelbe Karte aufgeregt, bei einer roten hätte er "getobt". Weil: Absicht sei es nicht gewesen. Die Szene aus seiner Sicht: "Es war so, dass ich den Ball mit der Sohle herholen wollte und in dem Moment hat der Sancho sozusagen sein Bein davorgestellt, dass ich nicht den Ball holen kann und ich treffe ihn dann mit der Sohle", sagte Kimmich. "Es sieht vielleicht schlimm aus. Aber ich hatte überhaupt nicht die Intention, ihm wehzutun."

Nun spricht bei der Bewertung der Szene aus der 75. Minute beim Supercup zwischen Dortmund und Bayern einiges für Kimmich. Zum Beispiel, dass der Videoschiedsrichter auch keine Tätlichkeit sah und die gelbe Karte für eine angemessene Sanktion hielt. Oder dass Sebastian Kehl - bekanntlich beim BVB angestellt - die Szene ohne Ansicht der Fernsehbilder als "weniger schlimm" bewertete. Kimmich selbst führte noch an, dass er nicht dafür bekannt sei, wild in der Gegend rumzutreten. Gegen Kimmich spricht jedoch, dass es eher nicht so aussieht, als wolle er "den Ball mit der Sohle holen" - und dass er Sancho schlicht und einfach mit seinen Stollen auf den Fuß tritt. Dafür gibt es normalerweise Rot. Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic war trotzdem der Ansicht, dass nicht mal Gelb angemessen gewesen sei, Trainer Niko Kovac meinte schlicht, er habe nichts gesehen. Sancho verließ das Stadion mit bandagiertem Knöchel.

Die Szene zwischen Kimmich und Sancho war ein sogenannter klassischer Aufreger, aber sie war weder entscheidend für den Dortmunder 2:0-Sieg durch die Treffer von Paco Alcacer und Jadon Sancho bei diesem Supercup, noch für die Lehren, die man daraus ziehen kann. Die Bayern erlebten jedenfalls eine Art Express-Déjà-Vu. Wie bei der Bundesliga-Niederlage in der vergangenen Saison war Dortmund und insbesondere Sancho zu schnell für die Münchner, aber Bayern lud den BVB auch zu Gegenstößen ein. Thiago spielte beide Fehlpässe vor den Gegentoren, auch Jérôme Boateng, Niklas Süle und Corentin Tolisso überließen dem Gegner oft einfach den Ball. "Wenn man so viele Fehler macht, dann muss man damit rechnen, zu verlieren. Dass Dortmund kontern kann, weiß mittlerweile jedes Kind", sagte Kimmich. Er erkannte ein "Muster, wie wir hier in unsere Gegentore bekommen." Ähnlich äußerten sich auch Manuel Neuer und Robert Lewandowski.

Kovac ließ die Bayern im 4-3-3-System mit Thiago als einziger Mittelfeldabsicherung auflaufen. Ein System, das er im vergangenen Jahr abgeschafft hatte, weil es zu konteranfällig war. Nun probierte Kovac es wieder und es erwies sich als, nunja, konteranfällig. Zudem war das Pressing der Bayern in den (wenigen) Dortmunder Ballbesitzphasen unkoordiniert, auch wenn Kovac auf der Pressekonferenz vor dem Spiel schon angekündigt hatte, dass es in dem Bereich noch hakt. Weil Serge Gnabry verletzt fehlte, musste zudem Thomas Müller auf der Außenbahn spielen, und wirklich alle sind sich einig, dass das nicht seine beste Position ist.

Es war insgesamt eine ungeschönte bayerische Baustellenschau, wenn auch dieses Spiel in der Baustellenphase der Saison stattfand, auch Vorbereitung genannt. Beide Mannschaften sind noch am herumwerkeln und erkennbar nicht auf ihrem besten Niveau. Kimmich hatte recht, als er sagte, der BVB habe sie "nicht an die Wand gespielt". Auch Marco Reus meinte, das Spiel sei kein richtiger Maßstab für die Saison.

Wenn Spieler vom FC Bayern zum BVB zurückkommen, ist das immer so eine Sache

Trotzdem sagte Sebastian Kehl: "Wir nehmen den Titel gerne mit, weil er uns helfen wird, uns Schwung bringt und weiter die Euphorie trägt." In München fällt das Wort "Euphorie" im Moment eher selten. Dortmund geht dazu nun mit dem guten Gefühl in die finalen Vorbereitungswochen, dass es auch ohne den neuen, aufgemotzten BVB-Kader mit den alten Methoden gegen die Bayern reichen kann. Von den zahlreichen Dortmunder Neuzugängen spielte nur Nico Schulz, alle anderen fehlten noch verletzt. Mats Hummels meldete sich erst Stunden vor dem Spiel ab und marschierte trotzdem wahnsinnig gut gelaunt und mit Goldrand-Brille durch die Katakomben. Vielleicht, weil er den Supercup als einziger im Stadion verteidigt hatte, eher aber wohl, weil ihn die Südtribüne bei seinem Gang zur Siegerehrung mit euphorischem Applaus empfing. Wenn Spieler vom FC Bayern wieder zum BVB zurückkommen, ist das ja immer so eine Sache.

Apropos Transfers: Da könnte die Lage bei den beiden Anwärtern auf den deutschen Meistertitel nicht unterschiedlicher sein. Dortmund sicherte sich alle wichtigen Neuzugänge frühzeitig, Sportdirektor Michael Zorc kündigte zudem an, dass sich in Sachen Abgänge in den nächsten Tagen noch etwas tun könnte. Auf der anderen Seite die Bayern, die sich in der Offensive noch keinen wichtigen Neuzugang gesichert haben und seit Tagen in Sachen Sané-Transfer nervös schweigen. Neue Infos gab es dazu am Samstag nicht; es heißt weiter, Sané habe sich für Bayern entschieden, es gehe nur noch um Gehalt und Ablöse. Die Bild-Zeitung spekulierte, der lange Erwartete könnte bereits am Mittwoch vorgestellt werden.

Wie dringend die Bayern neue Spieler benötigen, sah man übrigens daran, dass sie in Dortmund nicht einmal die Ersatzbank voll bekamen. "Die jungen Spieler haben Potenzial. Aber wir brauchen direkt jemanden, der uns weiterhälft. Heute konnte man sehen, was passiert, wenn wir nur so viele Profispieler haben", sagte Robert Lewandowski überraschend deutlich. Denn selbst wenn die unendliche Geschichte um Leroy Sané in dieser Woche enden sollte: Die Transfergeschichte der Bayern wird damit noch nicht zu Ende sein. Mit Sané wäre der Kader 18 Feldspieler stark, einer weniger als im vergangenen Jahr, und da war es schon eng. Für drei Wettbewerbe ist das schmal - und der härteste Wettbewerber in der Bundesliga ist im Vergleich zum vergangenen Jahr eher stärker geworden.

© SZ.de/vit
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